RTL II News: Vertreibung aus dem Hipster-Paradies

Die Moderatoren der RTL II News (v.l. Sandra Kuhn, Steffi Brungs, Kathi Wörndl, Christoph Hoffmann) zur Bundestagswahl vor knapp einem Jahr. Foto: obs / RTL II

Da ist die Welt noch in Ordnung. Zur Bundestagswahl im Herbst letzten Jahres waren die "RTL II News" mit anderen unterwegs auf der Jagd nach der "jungen Zielgruppe" und meldeten stolz ihren Erfolg: Die "RTL II Wahlparty - powered by Facebook" habe insgesamt über drei Millionen Personen erreicht. Darüber hinaus sei durch "Shares, Reaktionen und Kommentare" über 47.000 Mal mit dem Stream interagiert worden. Das Angebot wurde vor allem von einer jungen Zielgruppe angenommen- 94 Prozent der Nutzer seien unter 45 Jahre alt.

Man hatte es geschafft bei den RTL II News. So muss die Zukunft aussehen. Redaktionsräume in Berlin-Mitte, nah am Brandenburger Tor. Yeahh. Und die junge Zielgruppe draußen zahlreich versammelt am Schirm. Dann kam es anders: "Matthias Walter und sein Team haben die 'RTL II News' konsequent weiterentwickelt und ein Newsformat geschaffen, das heute näher an der jungen Zielgruppe ist als jede andere TV-Nachrichtensendung", so Tom Zwiessler, Bereichsleiter Programm RTL II. "Damit haben sie etwas Einzigartiges in der deutschen Medienlandschaft erschaffen. Wir danken dem gesamten Team in Berlin für sein außerordentliches Engagement."

Ein gutes Zeugnis- und für manchen vielleicht mit den besten Wünschen für den weiteren beruflichen Weg. Denn künftig werden die "Nachrichten für die junge Zielgruppe" bei RTL II aus Köln gesendet. Die bisherige Inhouse-Produktionsgesellschaft wird aufgelöst. Die Nachrichten der Zukunft werden ab Januar 2019 von der Produktionsgesellschaft infoNetwork produziert.

"InfoNetwork zählt mit ihren News- und Magazinformaten zu den erfahrensten Produktionsfirmen im Bereich der Nachrichtenberichterstattung", so Zwiessler. "Im Pitch konnten Sie uns mit ihrem Konzept sowohl journalistisch als auch wirtschaftlich überzeugen. Dank ihrer langjährigen Expertise und ihrem nationalen und internationalen Nachrichten- und Korrespondentennetzwerk ist infoNetwork ein idealer Partner. Wir freuen uns sehr, gemeinsam die Erfolgsgeschichte der 'RTL II News" weiter voranzutreiben."

InfoNetwork produziert die täglichen und wöchentlichen News- und Magazinformate der Mediengruppe RTL Deutschland. Also "RTL Aktuell" und das "RTL Nachtjournal" ebenso wie "Guten Morgen Deutschland" und "Punkt 12", "Explosiv - Das Magazin", "Exclusiv - Das Starmagazin" oder "Extra - Das RTL-Magazin". Hinzu kommen die "VOX News", "Prominent!" und Nachrichtenbeiträge für n-tv.

Das ist definitiv "wirtschaftlich überzeugend". Denn sie brauchen eigentlich keine "RTL II News"-Redaktion. Die News für die Sendung sind ja alle schon da. "Wir sind die Zukunft - und die soll nun vorbei sein?" fragte die künftige Ex-Redaktion die Gesellschafter in einem in seiner Naivität schon wieder bezaubernden Video bei DWDL. Es dokumentiert eine fast grenzenlose Ahnungslosigkeit der Redakteure einer Nachrichtensendung im Fernsehen (!) über die aktuell wirkenden betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge in ihrer eigenen Industrie. Eine Ahnungslosigkeit, die fassungslos macht. Redaktionsräume in Berlin-Mitte, nah am Brandenburger Tor. Yeahh. Und die junge Zielgruppe draußen am Schirm. Die haben wirklich geglaubt, sie hätten es geschafft.

Es gab dazu noch die Stellungnahmen der üblichen Verdächtigen. Von einem "skrupellosen Sparkurs" sprach DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. "Sparen am falschen Ende" nannte es die ebenso in vergangenen Jahrtausenden lebende Landesmedienanstalten-Bürokratie. Nachrichtenformate wie "RTL 2 News" gehörten zu sogenannten "Public-Value-Angeboten" der privaten Medien, die einen besonderen Beitrag zur Meinungsvielfalt und Meinungsbildung leisten. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten habe sich dafür ausgesprochen, dass Programme mit einem hohen Public Value bei der Auffindbarkeit gegenüber anderen Programmen bevorzugt zu behandeln sind, vor allem auf Plattformen. Das ist sicher toll- für den, der sie "auffinden" will.

Heute war zu hören, dass der Umsatz bei ProSiebenSat.1 im ersten Halbjahr leicht gesunken ist. Trotz ansonsten doch laufender Konjunktur. Es mehren sich überall die Zeichen, dass die Abwanderung des Publikums in Richtung Streaming Folgen hat. Dagegen können auch "Erfolge bei der jungen Zielgruppe" nicht helfen. Die werden in Prozent bei denen gemessen, die nicht weg, sondern immer noch da sind. Das sind stets einhundert Prozent. Wer stattdessen Serien im Stream "bingewatcht", der ist ja oft kein Zuschauer im Fernsehen. Und zählt bei der Messung der "Erfolge" ja vielleicht gar nicht mit.

Die Programm-Explosion der Streaming-Anbieter geht inzwischen ungebremst weiter. Eigene Serien und Filme, eigene Streaming-Plattformen sind die Waffen für diesen Wettbewerb. Die kosten viel Geld. Es ist traurig, wenn der eine oder andere jetzt seinen Hipster-Traum vom Hauptstadt-Journalisten vielleicht nicht mehr leben kann. Es ist aber kein Sparen am falschen Ende. Die Zeit des Ron Burgundy ist wohl einfach vorbei.

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