"Disenchantment" bei Netflix - wo blieb die fehlende Abonnenten-Million?

"Disenchantment"- nicht nur gestern, sondern auch ab 17. August bei Netflix. Foto: Netflix

Tja, das lief dann doch nicht ganz so gut wie erhofft. Mehr als fünf Millionen neue Abonnenten gewann Netflix allein im zweiten Quartal 2018 hinzu, stolze 130 Millionen sind es jetzt weltweit- und dennoch: Für die Börsianer ist Netflix nun erst einmal "disenchanted", also entzaubert. In der Nacht stürzte der Aktien-Kurs jedenfalls um bis zu 14 Prozent ab.

Vielleicht war es ja die Euphorie nach den tollen Zahlen des ersten Quartals, vielleicht hatte man sich bei Netflix auch schlicht verrechnet, vielleicht sind Prognosen schwierig, weil sie die Zukunft betreffen- egal warum, egal wieso, aber es war für dieses Quartal ein Zuwachs von sechs Millionen, also einer Million Abonnenten mehr, geplant.

Da hilft es auch nichts, dass Reed Hastings und seine Getreuen im "Earnings Interview" zu den Quartalszahlen beteuern, dass die Netflix-Welt nach wie vor in Ordnung ist, der Markt und die Firma rasant wachsen und alle miteinander Tag und Nacht unermüdlich daran arbeiten, noch besser zu werden. Eine Million Abonnenten, welche den "Analysten" bereits versprochen war, die sind nun weg. Und auch für das nächste Quartal sind jetzt etwas bescheidenere Zuwächse geplant.

Insbesondere im Heimatmarkt USA scheint Netflix mittlerweile an die Grenzen des Wachstums zu stoßen. Nur 700.000 statt geplanter 1,3 Millionen neuer Abonnenten kamen hinzu. Auch weltweit waren es etwas weniger als geplant. Der Unterschied: In den USA war der Zuwachs damit auch deutlich geringer als im gleichen Quartal im vorigen Jahr, während das globale Wachstum immer noch für alle sichtbar in der Beschleunigungsphase ist.

Ist es die harte Konkurrenz in den USA? Wohl kaum. Das "alte" US-Fernsehen als Wettbewerber kann die Ursache nicht sein- dort mangelt es nicht nur an Emmy-Nominierungen, sondern an glanzvollen Programm-Erfolgen generell, wohin man auch schaut. Die erfolgreichste neue Serie des letzten Jahres wurde von der Hauptdarstellerin per Twitter versenkt und auch sonst läuft es derzeit dort so richtig nur bei den Bacheloretten.

Auch im Streaming-Bereich wird zwar viel von härterer Konkurrenz für Netflix geredet, sogar ProSiebenSat.1 darf sich für seine Ideen über eine Erwähnung im Netflix-Quartalsbericht freuen. In der Realität des Wettbewerbs ist Amazon aber immer noch in einer Art Programm-Selbstfindungsphase, Hulu hat nicht viel außer "The Handmaids Tale" und auch die angeblich kommende große Disney-Konkurrenz ist nach wie vor mehr Plan als Realität. Eigentlich müssten die US-Amerikaner doch in Massen zu Netflix fliehen. Selbst die Boykott-Aufrufe stramm konservativer Zuschauer nach der Obama-Verpflichtung fürs Streaming-TV können wohl kaum ein großer Hinderungsgrund sein. 

Wie war eigentlich das Wetter in den USA? Scheint dort auch seit dem Winter praktisch ununterbrochen die Sonne? Vielleicht sind die ja alle zum Surfen am Strand oder zum Picknick am Lake. Dann ist das verkündete "Weiter so!" bei Netflix sicher die richtige Zukunfts-Strategie. Und "Disenchantment" ist auch nur eine weitere tolle Serien-Idee, die im August zu Netflix kommt. Irgendwann muss es statistisch gesehen schließlich wieder regnen. Wir werden sehen.

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