Kampf um Europa: Netflix mit Charme-Offensive, ZDF, RAI und France Télévisions kooperieren

Netflix-Chef Reed Hastings kürzlich in Rom. Foto: Netflix

Er tut wirklich, was immer er kann. Erst vor gut zwei Wochen warb auch der Chef persönlich für die Netflix-Sicht der Dinge in Rom und schon wieder war er nun auf dieser Seite des Atlantiks im französischen Lille zum Festival "Series Mania". Reed Hastings umwirbt Europa wie eine schöne Frau.

"Manchmal haben wir auch Fehler gemacht", so Hastings in Lille im Hinblick auf den Streit um das Filmfestival in Cannes und die Netflix-Filme im Kino. Das bedeutet nicht, dass Netflix seine eigenen Filme nun statt zu seinen Abonnenten zurück in die französischen Kinos bringt. Aber sie bemühen sich "sehr aufrichtig, ein Modell zu finden, das für sie und für uns funktioniert". Das klang bei seinem Content-Chef Ted Sarandos kürzlich noch ganz anders: "Wir haben uns entschieden, in der Zukunft des Kinos dabei zu sein. Wenn Cannes sich entscheidet, in der Geschichte des Kinos feststecken zu wollen, ist das in Ordnung".

Selbst die drohende 30-prozentige Europa-Quote kann den Netflix-Chef nicht von seiner "Think Positive"-Mission abbringen. Diese Schwelle sei "ein bisschen schwierig" für Netflix, um sie sofort zu erreichen, so Hastings. "Aber wir haben drei Jahre Zeit. Wir entwickeln uns schnell in diese Richtung." Auch dazu hörte man von Netflix einst ganz andere Töne. Die europäische Medienpolitik solle sich, so hieß es damals, "auf die Förderung der Produktion eigener Inhalte statt auf Quoten konzentrieren", die andere Anbieter "bei der Belieferung ihrer Kunden behindern".

Reed Hastings dazu in Lille: "Wir müssen herausfinden, wie man in den Systemen arbeitet ... Regulierung ist wichtig für die Ordnung. Es gibt großartige Regulierungen, die sehr nützlich sind. Es liegt an uns, in jedem Land teilzunehmen und diesen Vorschriften zu folgen."

Also mehr kann man wirklich nicht verlangen- Reed Hastings tut, was er kann, um die Stimmung der schönen Frau Europa in Sachen Netflix zu wenden. Aber die Dame bleibt schwierig.

"Die öffentlich-rechtlichen Fernsehveranstalter aus Frankreich, Italien und Deutschland planen eine engere Zusammenarbeit bei der europäischen Serienproduktion. In der Initiative 'European Alliance' wollen France Télévisions, RAI und ZDF zukünftig verstärkt fiktionale Serien gemeinsam realisieren", so erfahren wir vom ZDF aus Richtung Lille. Damit solle den "derzeitigen Marktveränderungen und Nutzerbedürfnissen" Rechnung getragen und eine "Stärkung des kulturellen Selbstbewusstseins" in der europäischen Serienproduktion erreicht werden. Mit "derzeitigen Marktveränderungen" ist wohl vor allem eine gemeint: Die "Marktveränderung", die Reed Hastings einst auslöste, als er mit seinem DVD-Versand ins Internet umzog.

"Ich bin davon überzeugt, dass die Europäer selbst am besten europäische Geschichten und Geschichte erzählen können. Das stärkt auch unsere gemeinsame kulturelle Identität", so erläutert ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut die Initiative der öffentlich-rechtlichen TV-Sender. Es ist natürlich reine Spekulation, aber der Autor hört da irgendwie ein "und nicht Netflix" mit. Wir wissen auch nicht wirklich, ob der Jörg von der ARD noch "müde lächelt", aber das ZDF sieht nun "Marktveränderungen" und bei "Marktveränderungen", so glauben wir zumindest zu wissen, ist es dort mit dem Lächeln vorbei. "Zusammen haben wir die Möglichkeit, trotz Sparbemühungen international vergleichbare Budgets für Hochglanz-Serien bereitzustellen."

Die neue Produktions-Allianz wurde gestern in Lille offiziell vorgestellt und soll als verbindliche Kooperationsplattform etabliert werden. Zu den ersten Projekten der Initiative gehört die Agentenserie "Mirage". Auch über eine mögliche gemeinsame Streaming-Plattform gibt es schon Gerüchte. Statt "Germany's Gold" könnte es also vielleicht irgendwann "Diamonds from Europe" geben- wir sind gespannt.

Denn eins steht doch fest: Die Auswahl an tollen Serien und Filmen kann nie groß genug sein.

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