Ärzte gehen immer: "Lifelines" bei RTL

Die neuen RTL-Doktoren Laura Seifert (Susan Hoecke) und Alex Rode (Jan Hartmann)
Foto: MG RTL D / Frank Dicks

Was geht immer im Fernsehen? Na klar, Zombies. Warum gibt es eigentlich noch keine richtige Zombie-Serie aus Deutschland? Böse Menschen würden jetzt sagen: Weil die Ähnlichkeit mit real existierenden Lindenstra... Na ja, lassen wir das. Von RTL gibt es jedenfalls bisher auch noch keine Zombie-Serie, aber sie haben weiterhin den Mut zur Eigenproduktion und dafür verdienen die Kölner zuerst einmal großes Lob.

Was aber produziert man in Serie selbst, wenn es keine Zombies sein sollen? Na klar, Ärzte. Niemand (außer vielleicht Zombies) garantiert so verlässlich gute Quoten wie Götter in weiß. Die ARD hat dafür "In aller Freundschaft" und deren "junge Ärzte", vom ZDF gibt's Bergdoktoren oder extra scharfe Bergretter und ich erwarte eigentlich mit Spannung den ZDF-"Küstenarzt". In der ARD ist die "Praxis mit Meerblick" ja schon auf. Bei RTL erinnert man sich sicher mit Wehmut an damals, den Krückstock, die Quoten und "Dr. House".

Ab heute Abend gibt es nun die neue, selbst produzierte RTL-Serie "Lifelines" zu sehen, 10 Folgen hat die erste Staffel und schon beim Titel macht man sich so seine Gedanken. Im Gegensatz zu uns würden echte Engländer unter "Lifelines" keine denglischen Lebenslinien verstehen, sondern zuerst einmal ein Rettungsseil- aber vielleicht ist genau dies im Hinblick auf die bisherigen Quoten der selbst produzierten RTL-Serienoffensive ja auch gemeint.

Denn Ärzte gehen immer und gut aussehende sowieso. Dr. Alex Rode (Jan Hartmann aus "Sturm der Liebe") ist ein Querdenker, Querulant und Top-Chirurg mit außergewöhnlichem Instinkt. Sein brillantes, aber oft unkonventionelles Agieren im OP macht auch vor seinem Privatleben nicht halt. Alex ist ein Mann der Tat und Probleme erfordern Lösungen- egal wie. Selbst wenn er dafür gegen Konventionen verstößt oder Grenzen überschreitet. Denn wenn es sein muss, setzt Alex auch mal einen Fausthieb statt einem Betäubungsmittel oder ein Basketballspiel statt dem EKG ein.

Wie gut, dass es da noch Dr. Laura Seifert (Susan Hoecke, auch aus "Sturm der Liebe") gibt. Die intelligente und ehrgeizige Oberärztin ist ebenfalls eine erstklassige Chirurgin und bald auch dessen neue Chefin. Sie ist aber auch seine ehemalige große Liebe aus vor-Bundeswehrzeiten - diese Konstellation birgt jede Menge Zündstoff. Denn durch seinen Entschluss, der Bundeswehr nach 17 Jahren den Rücken zu kehren und im Hubertus-Krankenhaus anzufangen, setzt Alex alles auf eine Karte. Er ist der Arzt, dem das Wohl seiner Patienten auch außerhalb der Krankenhausmauern am Herzen liegt: Alex schaut hin, mischt sich ein und bringt seine Patienten immer wieder zum Nach- und Umdenken. Komplizierte Fälle löst er mit Einfallsreichtum und einer großen Portion Spontanität. Einfach ein Superarzt, den sich jeder wünscht...

Okay. Was soll ich sagen- die neue Doktoren-Soap ist gar nicht so schlecht. Ich hab beim Vorgucken sogar ein bis zweimal gelacht. Kann man sich durchaus anschauen. Trotzdem leidet auch diese Serie unter der deutschen Serienkrankheit. Wie in (zu) vielen anderen Produktionen auch sind Regie und Szenenbild etwa auf dem Stand der 90er Jahre des vorigen Jahrtausends. Okay, sie hatten bessere Kameras. Und ja, eigentlich reicht das für die typische Vorabendserie auch aus.

Aber RTL produziert das für die Prime-Time am Dienstag Abend. Natürlich kann nicht alles im Fernsehen eine Hochglanzproduktion mit riesigen Kosten wie bei "Babylon Berlin" sein. Und Ärzte gehen immer. Was aber sollen die "Lifelines" für RTL auf diesem Sendeplatz erreichen? Die ältere Zielgruppe von "In aller Freundschaft" bei der ARD? Oder das Publikum, dass zu den Streamingdiensten abgewandert ist?

Im Vergleich zu "In aller Freundschaft" können die Doktoren Laura und Alex bestehen. Im Wettbewerb mit Netflix und Amazon landen sie aber in einer "globalen" Liga. Okay, jetzt kommt ein bösere Vergleich. Shonda Rhimes ist als Serien-Macherin so etwas wie Champions-League und wurde ja gerade erst mit vielen Millionen zu Netflix gelockt. Aber im Jahr 2005 bekam sie für ihre Projekte auch noch keine Riesen-Budgets. Schaut euch heute Abend ganz einfach mal bei RTL die "Lifelines" an. Und danach den Beginn in "Grey's Anatomie" in Staffel eins aus 2005. Das geht für Prime Video-Abonnenten sogar kostenlos.

Man muss weder Drehbuch noch Regie oder Dramaturgie studiert haben, um den Unterschied zu sehen. Zwar erreicht auch nicht jeder Fußball-Profi die Champions-League. Aber zumindest wollen sollte er schon. Aus den USA kommt nicht nur "Grey's Anatomie", sondern jede Menge B- und C-Ware auch bei TV-Serien. Trotzdem: Vielleicht braucht Deutschland eine neue Serienmacher-Generation.

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