"The Terror" bei Prime Video: Die "Nordwest Passage" hat wohl niemandem Glück gebracht

Foto: Amazon

Ah, for just one time, I would take the Northwest Passage 
to find the hand of Franklin reaching for the Beaufort Sea. 
Tracing one warm line through a Land so wild and savage 
and make a Northwest Passage to the Sea.

Stan Rogers

Ist es gelungen? Ich bin mir nicht sicher. "Einfach nicht produzierbar" seien einige Elemente der Romanvorlage von Dan Simmons, so "Executive Producer" David Kajganich. Alle zehn Folgen der "ersten Staffel" der Serie "The Terror" sind bei Amazons Prime Video mittlerweile online, auch das ist eine Premiere, denn dies ist noch vor der Ausstrahlung aller Folgen beim Sender der US-Premiere AMC und wir können uns nun alle ein Urteil bilden. Aber das ist schwer.

Wohl niemandem hat die "Nordwest Passage" bisher Glück gebracht. Der kalte, meist zugefrorene und somit eher theoretische Seeweg nach Asien im Norden Kanadas hat im Zeitalter des Panama-Kanals auch eher romantische Bedeutung, so wie sie in der unnachahmlichen Stimme der kanadischen Folk Music-Legende Stan Rogers mitklingt. Vielleicht sorgt der Klimawandel dort für einen Aufschwung und neu entstehende Ziele für Kreuzfahrten rüstiger und wohlhabender Rentner. Die können sich zukünftig im Schein der Juni-Mitternachtssonne nach dem drei Gänge Menü-Abend nicht mehr nur den immerhin so um die 1000 Seiten schweren Dan Simmons-Roman als schaurige Einschlaf-Geschichte vor die Gleitsichtbrille legen- jetzt ist eben auch eine TV-Fassung der Story da.

Dunkel ist es in der "Nordwest Passage", dunkel und kalt, so zeigt es auch die Serie "The Terror". Sehr ausgiebig und über lange Strecken gibt es gar kein Licht, Nordlicht, fahles und Kälte ausstrahlendes Licht und legt sich über ein nicht immer ganz gelungenes arktisches Bühnenbild im Studio. Große Teile der Serie sollen in Ungarn entstanden sein, wohl eher aus monetären als landschaftlichen Gründen und vielleicht ist Polystyrol dort auch besonders günstig. Die weniger gelungenen Packeis-Szenarien führen uns aber meist schnell wieder ins Innere der Schiffe "Terror" und "Erebus" und es gibt auch Großaufnahmen der unwirtlichen Landschaft, die fast schon an die Stimmung eines Caspar David Friedrich-Bildes erinnern. So holt uns die mit tollen Darstellern besetzte Geschichte auch meist schnell wieder ab.

Denn "The Terror" ist endlich mal wieder eine "so hab ich das noch nie gesehen"-Serie und nichts ist seltener und rarer im Fernsehen als etwas wirklich Neues. Der große Vorteil der Serie ist zugleich aber auch ihr Handicap- es ist schließlich, wenn auch fantasievoll schriftstellerisch weiterentwickelt, die Geschichte der Franklin-Expedition, die vor gut 170 Jahren eben jene "Nordwest Passage" finden wollte und niemals zurückkehrte. Es ist eigentlich gar kein Spoiler, zu sagen, dass es nicht gut ausgeht. Sie werden alle sterben. Obwohl... Aber dies wäre jetzt wirklich ein Spoiler. Es macht auf jeden Fall keinen Sinn, dass da "Staffel 1" bei Amazon steht. Nach zehn Folgen ist die Geschichte vorbei. Es gibt keine Staffel zwei.

Man kann sich sicher auch über die geschichtliche Korrektheit der Darstellung streiten. Kann Sir John Franklin, unter anderem auch wegen zu fortschrittlicher Ideen gekündigter Gouverneur von Tasmanien, auf seine alten Tage so ein sturer Dödel gewesen sein? Und sein Stellvertreter Francis Crozier ein solch strahlender Held?

Okay, Charaktere sind da, um sie zu entwickeln. So wie es auch "Outlander"-Star Tobias Menzies in seiner Rolle als Captain James Fitzjames vorbildlich macht. Unter dem Strich bleibt für uns Zuschauer eine großartige Serien-Geschichte. Etwas, was man so bisher kaum irgendwo gesehen hat.

Wir wissen, dass es nicht gut ausgeht. Im Inneren des Schiffes knarzt es. Laternen und Kerzen flackern und geben nur wenig Licht. Es ist auch ein klassisches Gruselfilm-Set. Und dies ist der Teil, der mir persönlich am wenigsten gefallen hat: Es gibt ein gruseliges Monster im Eis. Das ist schnell, stark, riesig und tödlich. Und (Achtung, Spoiler!) am Ende doch nur, wenn man von gelegentlichem undeutlichen Eskimo-Geraune absieht, ein irgendwie entarteter Teddybär. Jede Geschichte muss heutzutage irgendwie ihre Moral haben- in diesem Fall wohl die, dass kein tierisches Monster sich mit menschlichen Monstern messen kann.

Dabei ist die Erklärung für das Scheitern der weit über 100 Männer der Franklin-Expedition doch vielleicht so einfach. Wohl niemandem hat die "Nordwest Passage" bisher Glück gebracht. Stan Rogers war einer von 23 Passagieren des Air-Canada-Fluges 797, die am 2. Juni 1983 kurz nach der Notlandung im Feuer verbrannten. "The Terror" ist als Serie eine klare Empfehlung. Keine Ahnung, ob man Dan Simmons noch besser verfilmen kann. Ich weiß jetzt mehr über die "Nordwest-Passage"- aber als Rentner mache ich keine Kreuzfahrt dahin.

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