Zahlen, die vom Wagen fallen: "Bullyparade - der Film" war für Prime Video erfolgreich

Die "Bullyparade" ruft ihre Fans. Foto: Amazon

Ich habe ihn auch gesehen. Keine Ahnung, wieso. Amazon meldet, dass "Bullyparade - Der Film" den besten Start eines Films in der Geschichte von Prime Video in Deutschland hingelegt hat. Kein anderer Film wurde im gleichen Zeitraum dort von mehr Zuschauern gesehen.

Okay, Michael Bully Herbig hat zu Recht eine solide "Fanbase". Aber das kann nicht alles sein. Vielleicht bin ich jetzt auch so ein "Kritiker", der den Kontakt zum "normalen" Zuschauer verloren hat. Denn der Film wirkt aus meiner Sicht irgendwie lustlos. Man wartet die meiste Zeit darauf, dass es vorbeigeht. Gelacht habe ich selten. Fast sogar gar nicht. Das kann doch wirklich nicht alles sein.

"Es war für uns einfach ein irrsinniger Spaß, in alte und neue Rollen des 'Bullyparaden-Universums' zu schlüpfen", so Michael Bully Herbig. Also doch. Ich habe es nur nicht gemerkt. "Wir durften zum 20-jährigen Jubiläum für die Fans nochmal so richtig Quatsch machen und haben uns riesig über den Erfolg im Kino gefreut. Dass 'Bullyparade - Der Film' vor allem beim jungen Publikum so großartig ankam, obwohl sie noch gar nicht auf der Welt waren, als die Show im Fernsehen lief, hat uns sogar ein wenig überrascht. Dieses Thema jetzt auch noch mit einem Rekord auf Prime Video abzuschließen, ist der absolute Knaller! Danke an die besten Fans der Welt!"

Was wissen wir schon. Das Publikum- es ist ein ewiges Rätsel. Undurchschaubar. Ach was- so ist doch diese ganze so bunte Welt.

"Sanlitun", so heißt zum Beispiel eine schon immer für viele Arten von Geschäften bekannte Ecke von Beijing. In einer Art Kiosk, eigentlich mehr so ein Sperrholz-Verschlag, erwarb ich dort einst eine Jeans, weil mir der Stoff gut gefiel. Etwa da, wo heute ein glitzernder Apple-Store steht. Für den Einkaufspreis von etwa 10 D-Mark trug die Hose den Namen eines großen Designers. So war es in den wilden Anfangsjahren des chinesischen Kapitalkommunismus allgemein üblich. Kein Mensch nahm das ernst. In einem großen Kaufhaus fand ich Schuhe, die waren innen von "Gucci" und hatten Schnallen mit dem "YSL" von Yves Saint Laurent. Beide hätten beim Anblick der Treter sich vermutlich selbst oder irgendeinen anderen umgebracht.

Die Jeans habe ich dann später jemand gezeigt, der sich damit besser auskennen muss, da er mit solchen Produkten handelt. Er meinte, dass ich in Deutschland dafür etwa das 30 bis 40-fache bezahlt hätte. Die Hose sei echt. Als "Experte" kannte er sogar einen chinesischen Begriff für solche Waren. Den könne man übersetzen mit "vom Wagen gefallen". Aus China kommen die "36 Strategeme der chinesischen Kriegskunst". Und nirgends kann man Dinge so wundervoll und exakt beschreiben, ohne direkt zu sagen, was wirklich ist.

"Vom Wagen fallen" heutzutage auch manchmal die wertvollen Waren unserer Zeit. Zum Beispiel Daten. Wenn man Reuters glauben darf, dann haben sie jetzt Firmen-Dokumente von Amazon gefunden- mit spannenden Daten zu Prime Video. Das ist interessant, weil man sonst ja in der Regel nur wie bei der "Bullyparade" erfährt, dass irgend etwas erfolgreich war. Wie Amazon Erfolg aber wirklich misst, das wissen wir nicht.

Reuters fand in den Amazon-Dokumenten dazu eine interne neue Kennzahl. Beim E-Commerce-Giganten geht es eben nicht nur allein um Zuschauer. Wir sollen überall Amazon-Kunden werden. Deshalb ist wohl für Amazons Serien und Filme besonders wichtig, wie viele Abonnenten sie neu an Prime binden. Das muss nach der Amazon-Logik das erste gesehene Programm nach der Ankunft des Kunden sein. Dies nennen sie dann "first stream".

Die Kosten jeder Serie, jedes Films sind schließlich bekannt. Dann wird durch die Anzahl der "first streams" geteilt. So weiß man dann, was jeder neue "Prime"-Kunde kostet, den zum Beispiel "Bosch" für Amazon einsammelt. Und dies ist dann wohl bei den Programm-Entscheidungen besonders wichtig. Die "Good Girls" wollten zum Beispiel ihr Ende bei Prime nicht verstehen. In den von Reuters bekanntgemachten Daten hatte die Staffel eins der Serie "Good Girls Revolt" mit Kosten von 1.560 Dollar pro neuem Prime-Kunden den schlechtesten Wert.

Zum Vergleich: Die Staffel eins von "The Grand Tour" kam, obwohl ganz gewiss nicht billig, auf den Spitzenwert von nur 49 Dollar. Für "The Man in the High Castle" kosteten neue Prime-Kunden in Staffel eins 63 und in Staffel zwei 829 Dollar. "Bosch" kam in Staffel eins auf 158 Dollar. Und was sagt uns das nun? Eigentlich gar nichts. Spannend ist das Prinzip- und die Frage, wohin das führt, wenn man ein Programm streng nach einem solchen Algorithmus betreibt.

Interessant an den Daten sind natürlich auch die aufgeführten Kosten der Shows pro "Sendeminute". Mit 37 Dollar ist da die Staffel zwei von "Mozart in the Jungle" am günstigsten. Die Staffel eins von "Bosch" kam schon auf 47 Dollar. Und "The Grand Tour" kostete pro Sendeminute in Staffel eins 78 Dollar- mehr als die 72 Dollar für das nicht einfach zu drehende Fiction-Epos "The Man in the High Castle". Aber mit 107 Dollar für Staffel zwei holten die dann noch ordentlich auf.

Amazon ist eigentlich Einzelhändler und das Rechnen so von Haus aus gewohnt. Warum manche Entscheidung getroffen wurde und warum man für die Massen noch attraktiver werden will, wird nun vielleicht etwas besser verständlich. Der Grund für die praktisch zu Netflix entgegengesetzte Strategie für Kinofilme könnte auch mit Rechnen zu tun haben. Und es könnte die bessere Strategie sein- wenn es funktioniert.

"Der Erfolg von 'Bullyparade - Der Film' bei Prime Video zeigt, dass Kino und Video-Streaming wunderbar nebeneinander existieren können", sagt jedenfalls Dr. Christoph Schneider, Geschäftsführer bei Prime Video Deutschland. "Bully Herbig hat einmal mehr sein außerordentliches Gespür fürs Publikum bewiesen. Wir freuen uns, dass 'Bullyparade - Der Film' nach den Fans im Kino, nun auch die Prime-Mitglieder begeistert. Es hat sich ausgezahlt, den Prime Exclusive Film für Prime-Mitgliedern so schnell nach der Kinopremiere verfügbar zu machen."

Mmmh.. "ausgezahlt"... Auch bei neuen Prime-Abonnenten? "Dieses Thema... abzuschließen" hat Bully gesagt. Ob es dabei wohl bleibt?

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