Die schleichende Revolution: "Ku'damm 56" und "59" sind ein Jahr in der ZDF-Mediathek verfügbar

Foto: ZDF / Stefan Erhard

Für normale Zuschauer ist diese fremde Welt schwer begreifbar. Also, dieses neumodische Abruf-Fernsehen in diesem Internet. Serien und Filme kommen ins Angebot. Serien und Filme verschwinden. Sind "nicht mehr verfügbar". Wieso?

Denn eigentlich ist so ein Streaming-Dienst oder eine Mediathek doch nichts anderes als mein altes und verstaubtes früheres DVD-Regal. Nur eben modern und digital in der "Cloud". Ich muss hier nur noch einen "Play Button" drücken. Irgendwo auf dieser Welt wird dann ein fleißiger Mikrochip zu meinem digitalen Mr. Carson und sucht mir meinen Film oder meine Serien-Folge aus einem gigantischen virtuellen Regal heraus.

Bei Netflix funktioniert es ja fast schon perfekt. Immer mehr Programme sind "Originale", also von Netflix selbst produziert und die stehen wohl dauerhaft im Regal. Aber dieser tolle Film oder jene tolle Serie ist auch dort "eingekauft"- und dann irgendwann weg. Bei Amazon ist es gefühlt noch viel schlimmer. Manch Film oder Serie irrlichtert dort geradezu. Mal kann man als "Prime"-Mitglied einfach schauen, am nächsten Tag soll das Gleiche nun plötzlich extra kosten und dann ist das Ding über Nacht plötzlich wieder "Prime". Beim nächsten Mal gehört das Werk vielleicht in irgendeinen "Channel", den man jetzt abonnieren soll. Für normale Zuschauer ist diese fremde Welt schwer begreifbar. Andere reden dann mit wichtiger und wissender Miene von "Rechten". Aha. Soso.

"Rechte" hatte mein altes DVD-Regal doch auch. Jedenfalls wurde mir regelmäßig dort mit schweren Strafen gedroht, sollte ich die Rechte der DVD, zum Beispiel mit Hilfe von erweiterten Computer-Grundkenntnissen, irgendwie verletzen. Angucken durfte ich die DVD aber immer. Alles wird doch immer besser, so hört man es ständig. Wieso sollte es in der digitalen Welt schwieriger sein?

Sagen wir es mal so: Das ist "historisch gewachsen". So aus der Zeit des "Ku'damm 59" und noch davor. "Ku'damm 59", so erfahren wir vom ZDF, hat den "Erfolgskurs von "Ku'damm 56" fortgesetzt. Beide Serien-Staffeln sind, und das ist das wirklich neue daran, 12 Monate, ein ganzes Jahr lang in der ZDF-Mediathek "verfügbar". Warum nicht für theoretisch immer, so wie ein Netflix- oder Amazon-Original?

Wäre "Ku'damm 59" in der Zeit gedreht worden, in der die Serie spielt, dann hätte die Serie gar keinen "Sendeplatz" bekommen. Das Fernsehen hätte sie nach wegweisenden Worten einer "Ansagerin" statt dessen "aufgeführt". Das schöne Wort "Aufführung", so lehrt uns Wikipedia, "bezeichnet in der darstellenden Kunst die Darbietung eines Bühnenwerkes oder Konzerts vor einem Publikum". Und daher kommt das Problem. Denn "die Rechte" in Film und Fernsehen sind einst aus dem "historisch gewachsen", was man kannte, als das Thema aufkam.

Das Theater zum Beispiel. Dort bezahlte der Zuschauer Eintritt und durfte dafür "die Aufführung" sehen. Die Beteiligten, zum Beispiel die Schauspieler, bekamen Geld für "den Auftritt". Und wenn der Zuschauer das Stück noch einmal sehen wollte, dann begann der ganze Vorgang neu und von vorn.

Das ist im Prinzip ein tolles System. Der Zufall wollte es, dass ich einst der zuständige Rechte-Verwerter von ein paar überhaupt nicht sensationellen Video-Bildern im Internet war. Die Redaktion eines großen privaten Senders entdeckte die- ein paar Sekunden davon passten perfekt zu einem dort geplanten Nachrichten-Beitrag. Eine Dame rief mich an und fragte, was denn "die Rechte" kosten. Völlig ahnungslos nannte ich einen vierstelligen, aus meiner Sicht Fantasie-Betrag. Die Dame sagte nur kurz: "Okay". Und: "Schicken Sie eine Rechnung". Das fand ich toll.

Doch damit ging die Geschichte erst richtig los. Der Nachrichten-Beitrag behandelte zwar kein wirklich spannendes Thema, kam aber bei den Redaktionen trotzdem gut an. Der große Privatsender bespielte vielerlei bunte Sendungen auf vielerlei Sendern und alle hatten damals schon Ruckel-Videos in diesem "Internet". Plötzlich fand ich mich in der besten aller denkbaren Welten wieder. Ständig klingelte das Telefon und wildfremde Leute fragten mich, ob es "okay" wäre, wenn sie mir "1000" geben. Oder "nur 500", mehr gäbe so ein Internet-Video leider nicht her. Irgendwann hörte das leider auf. Aber jeden, der das auch hat, den kann ich gut verstehen- wenn er will, dass dieser Zustand so bleibt. "Rechte" zu haben, die auch noch gefragt sind- das ist einfach wunderschön.

Also: Die Veränderung des gewachsenen Systems "der Rechte" ist schwierig. Klar, das ZDF hat "Ku'damm 56" und "59" produziert und bezahlt. Dafür kann es die Serie "senden". Aber die Mediathek ist für die Rechte-Inhaber natürlich ein Problem. Die "Sendung" im Fernsehen funktioniert so wie einst das Theater. Nach der "Aufführung" ist es vorbei. Sollte irgend jemand irgendwann sie wieder im Fernsehen "aufführen" wollen, dann gibt es neue Rechte und neue Kohle. So soll es nach Meinung der Rechte-Inhaber auch bleiben. Denn so ist es schön.

In der Mediathek sind öffentlich-rechtlich bisher nur sieben Tage Verfügbarkeit üblich. Okay, geschenkt. Mehr und mehr kommen die aus den USA stammenden "Catch Up"-Rechte in Mode. Das sind meist 30 Tage nach "Sendung" im Fernsehen. Zu beiden Versionen sagt der Produzent, wenn der Deal sonst richtig gut war, vielleicht Worte wie "dazu" und "geschenkt". Ein ganzes Jahr dürfte aber deutlich schwieriger sein. Das kostet normalerweise extra. Und dauerhafte Rechte für Mediatheken sind für Produzenten ein echtes Problem.

Denn dann ist ihr Werk ja irgendwo ständig "verfügbar". Natürlich ist das für uns Zuschauer toll. Aber das Telefon wird weniger klingeln. Die Rechte für etwas, was ohnehin jeder sehen kann, die verlieren deutlich an Wert.

"Ku'damm 56" und "59" sind nun ein Jahr lang in der ZDF-Mediathek. Mal sehen, wie weit die Entwicklung noch geht. Natürlich ist dies eine Folge der Konkurrenz von Netflix & Co. Ohne Konkurrenz hätte das ZDF wahrscheinlich eher die Ansagerin noch.

5,60 Millionen Zuschauer (Marktanteil 17,8 Prozent) sahen am Mittwoch das Finale des ZDF-Dreiteilers "Ku'damm 59" "auf dem Sender". Das gilt als großer Erfolg. Drei Tage früher waren alle drei Folgen online. Innerhalb dieser drei Tage erzielten sie bereits 1,87 Millionen Sichtungen. Umgerechnet auf die TV-Kennzahl Sehbeteiligung (so das ZDF- keine Ahnung, wie die das ausrechnen) wurden die Folgen online durchschnittlich von 0,28 Millionen Zuschauern gesehen.

"Annette Hess hat mit 'Ku'damm 59' die weiblichen Themen der Zeit erzählt, wie Emanzipation und selbstbestimmte Sexualität, und verweist dabei auch auf die aktuelle '#MeToo'-Debatte", sagt die stellvertretende ZDF-Programmdirektorin Heike Hempel. Okay. Ich selbst habe kaum Handlung zwischen all der tollen und schönen Musik bemerkt. "Es freut uns, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen 'Ku'damm 59' erneut zum Fernsehereignis gemacht haben und dass das Programm unterschiedliche Generationen - die Frauen, die die Zeit erlebt haben sowie deren Töchter und Enkelinnen - erreicht und berührt hat. Die breite Resonanz insgesamt und auch die Sichtung in der ZDFmediathek macht uns stolz."

Nicht "nur" die Frauen. Bei all den schönen bunten Bildern aus Berliner Straßen von einst (die auch damals gewiss nicht so sauber waren) wird sicher der eine oder andere ältere Herr ebenfalls gesagt haben: "Ach ja- weeste noch?" Mit etwas Sehnsucht, sicher- so wie vielleicht manch ein Rechte-Inhaber, irgendwann- bei der Erinnerung an das Telefon und beim Anblick eines Streaming-Portals.

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