Cannes: Warum es dem Kino nicht hilft, Netflix von Filmfestivals auszuschließen

Samsung's 3D LED Cinema ist in Europa angekommen. Foto: Samsung

Wie in einem echten Theater gab es einen plüschigen Vorhang. Der öffnete sich fast lautlos und das Licht wurde langsam dunkel. Es war ein fast feierlicher Moment im Kino aus meiner Kindheit, wenn die "Vorstellung" endlich begann. Sogar die Nische links von der Leinwand, in der einst ein Klavierspieler Stummfilme mit seiner Kunst live untermalte, war immer noch da. Sie war nur verwaist.

Die Zeit verging und es wurde moderner. "Multiplexe" eroberten das Land. Der Vorhang musste eilig geschlossen werden, um ihn dann sogleich wieder öffnen zu können, denn vor der "Vorstellung" wurde fast eine halbe Stunde Werbung gezeigt. Anfangs beschäftigten diese tollen neuen Kinos viel Personal. Im "großen Saal", da wo der "Mega-Mega-Blockbuster" lief, gab es sogar eine Lasershow zum Vorstellungsbeginn. Keine Ahnung, ob es die immer noch gibt. Das Personal, es wurde weniger im Laufe der Zeit und ich war seit Jahren nicht mehr im "großen Saal". In den kleinen Kino-Schachteln für die mäßiger beliebten Filme fand ich den feierlichen Vorstellungsbeginn immer öfter durch das Freiräumen des Sitzplatzes vom Vorgänger-Müll ersetzt.

Was immer da war, das waren diese geheimnisvollen rechteckigen Löcher der Rückwand, aus denen meist etwas Licht schien. Als Kinder haben wir uns oft fast den Hals verdreht. Wenn sich dort ein Schatten bewegte, dann war der "Filmvorführer" am Werk. Dann fing es gleich an.

Selbst die Löcher der Rückwand sind im Kino wohl nun nicht mehr ewig. Digitale Projektoren schaffen den "Filmvorführer" Schritt für Schritt ab. In Zürich wurde gerade das erste Kino mit einem "Samsung 3D Cinema LED" eröffnet. Mit 9 Millionen LED Pixeln, so erfahren wir, lässt der Samsung Cinema LED Screen eine riesige Fläche von 10,3 Metern Breite und 5,4 Metern Höhe leuchten. Durch die unglaubliche Farbbrillanz, Leuchtstärke und Schärfe steigere sich das Sehvergnügen im Kino noch einmal um Welten. Dazu kommt ein neues Soundsystem mit sehr gutem Raumklang an jedem Platz. Und 3D kann er auch.

Kein Zweifel- das Ding ist die Zukunft des Kinos. Vielleicht bin ich auch altmodisch. Trotzdem: Das ist nur ein Monitor, nichts anderes als mein Fernseher zu Hause. Die "Leinwand" ist weg. Irgendwann wird ein Handwerker auch die Löcher in der Rückwand verschließen. Der Filmvorführer bekommt vielleicht noch eine Gnadenfrist als "Head Of Data Management"- so lange, bis die Automatisierung und die Datenleitung zur Cloud zufriedenstellend funktioniert.

Jetzt kommen mir doch Zweifel über die Zukunft des Kinos. Wo bleibt da die Magie? Einst, bei "Titanic", blieben die 500 Leute am Schluss fast geschlossen sitzen und schauten sich mit Tränchen in den Augen ergriffen den Abspann an. Nach "Alien" hatte ich den Eindruck, dass einige ihre Schritte beschleunigten, um schneller durch die dunkle Nacht nach Hause zu kommen. Auch heute wird man hin und wieder noch ganz gut unterhalten. Ob es an den Veränderungen des Kinos liegt oder an den Filmen von heute oder an allem zusammen- keine Ahnung. So ein Marvel-Blockbuster ist wie ein Burger von irgendeinem Mac: Sieht bunt aus und macht satt. Aber in der Erinnerung bleibt er nicht.

In Cannes ist bald wieder Filmfestival und nach dem Aufruhr vom vergangenen Jahr muss Netflix mit seinen Filmen nun endgültig draußen bleiben. Festival-Chef Theirry Fremaux meint dazu laut dem Hollywood-Reporter: Neue Wettbewerber wie Netflix und Amazon ermöglichten es Regisseuren zwar, Filme mit großem Budget zu machen- doch würden sie nur "Hybride" erschaffen, die weder ganz TV noch ganz Film sind. "Kino triumphiert (noch) überall, auch in diesem goldenen Zeitalter der Serien", so Fremaux. "Die Geschichte des Kinos und die Geschichte des Internets sind zwei verschiedene Dinge."

Mmh. Ich sehe einen größeren Screen als daheim, da ich einfach zu wenig Wand dafür hab. Aber ich kann mich an den Fernseher auch noch näher heran setzen. Dann bezahle ich Eintritt bei Amazon oder Google Play und der Blockbuster läuft. Was ist sonst noch "verschieden"? Natürlich- die Qualität der Filme. Für deren Beurteilung, nicht für rote Teppiche oder Champagner-Empfänge, wurden Filmfestivals einst erschaffen. Die Beurteilung wird aber zweifelhaft, wenn man Relevantes einfach nicht sieht.

Ein Film ist ein Film- er kann gut oder schlecht sein. An der Herkunft allein sieht man es nicht. Der Ausschluss von Netflix & Co. von Filmfestivals wird dem Kino nicht helfen, wenn es das Gleiche wie der Screen daheim anbietet. Aber wie findet man zurück zur alten Magie? Durch Wegschauen mit Sicherheit nicht.

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