Alles verlängert, nur keine Ideen: RTL fährt deutsche Serien-Produktion hoch

"Sankt Maik" Foto: MG RTL D / Kai Schulz

"Sankt Maik" geht weiter, so hat RTL beschlossen. Das verstehe ich. Daniel Donskoy ist als "Sankt Maik" eine echte Überraschung. Auch "Beck ist back" bekommt eine zweite Staffel. Keine Ahnung, wieso und für wen. Es sieht ein wenig so aus, als würde RTL im Serien-Bereich gerade zum ZDF umgebaut- nur mit mehr Werbung. "Wir lieben Serien"- so hört man dazu aus Köln. Um beim Zuschauer mit Unverwechselbarkeit und Exklusivität zu punkten, würden der Sender und seine Macher weiterhin auf eigenproduzierte Inhalte setzen. Das ist erst einmal mutig und schön.

"Sankt Maik", okay, ja- Donskoy spielt das irgendwie exklusiv und unverwechselbar. In der ARD heißt das dann "Um Himmels Willen". Fritz Wepper spielt das auch exklusiv und unverwechselbar, genau so wie die Oberinnen und Schwestern, nur sprechen sie halt eine etwas ältere Zielgruppe an.

Bei "Beck ist back" ist dann gar nichts mehr unverwechselbar. Ich wundere mich, wo in der Werbepause die Mainzelmännchen bleiben, stelle dann erstaunt fest, dass gar kein ZDF heute-Vorabend ist und schalte dann ab. Die für mich einzig logische Erklärung für die Produktion einer zweiten Staffel: Die Verzweiflung bei RTL über die Probleme beim Nachschub an US-Serien muss grenzenlos sein. Oder man neidet dem ZDF die Marktführerschaft bei den Werbespots für Rheuma-Salben, Hörgeräte und Treppenlift.

So ist es natürlich nicht. Den wirklichen Grund kann nur Philipp Steffens, RTL-Bereichsleiter "Fiction", kennen: "Wir sind keine Sprinter, wir sind Langstreckenläufer. Wir wollen unseren Zuschauern auf lange Strecke verlässlich unterhaltsames und relevantes Feierabend-Programm anbieten. Wir wollen ihnen Zeit geben, unsere Figuren lieben zu lernen. Ich bedanke mich bei den großartige Teams, die mit uns im Januar an den Start gegangen sind, und freue mich, dass wir mit allen fünf Formaten das Etappen-Ziel erreicht haben."

Ja, fünf. Neben den beiden Neulingen geht auch die etablierte Erfolgsserie "Der Lehrer" weiter und die Sitcoms "Magda macht das schon!" und "Beste Schwestern" werden ebenfalls fortgesetzt.

RTL-Senderchef Frank Hoffmann freut das auch: "Und weiter geht‘s: Wir schicken unsere fünf aktuellen Serien vorzeitig in die nächste Staffel. Denn auch unsere jüngsten Neustarts sind beim Publikum sehr gut angekommen. Jetzt gilt es, sie noch bekannter zu machen und fest zu etablieren. Mit den insgesamt 50 neuen Serienepisoden bauen wir unseren bereits hohen Anteil an Eigenproduktionen am Hauptabend von aktuell fast 80 Prozent weiter aus."

Okay- der Vox-Weg der "US-deutschen" Serie kann es sicher auch nicht immer sein und wirklich exklusiv und unverwechselbar wie beim "Joshua-Profil" ist teuer und schwierig. Auch der Erfolg ist nicht garantiert. Aber muss RTL jetzt massenweise Belangloses nach ZDF-Vorbild produzieren? Ich lass mir jetzt schon mal die Serien-Idee "Die Alm-Ärztin aus Rosenheim" patentieren.

Ach so, ältere Zielgruppe. Für RTL muss es dann "Lifelines" heißen und "Medical"-Serie. Statt in Rosenheim wird in Köln geheilt und es geht um einen Ex-Bundeswehr-"Truppenarzt". "Lifelines" startet "noch in diesem Frühjahr" und mit "Jenny - echt gerecht!" wird es ab dem 3. April eine neue "Anwaltsserie" geben. Sicher völlig exklusiv und total unverwechselbar. Nein, nicht ab dem 1. April. In aller Freundschaft- die meinen das ernst.

Damit nicht genug: Als nächste "Primetime-Serie" geht eine "Polizeiserie" (beim ZDF "Krimi" genannt) mit dem Arbeitstitel "Die Klempnerin" bald in die Produktion. Yasmina Djaballah spielt eine Kriminalpsychologin. "Profiling Köln" statt Paris? Mal sehen. Zusätzlich ist Freundinnen - jetzt erst recht!", unter anderem mit Franziska Arndt und Shirin Soraya, als neue Daily Soap in Planung.

Mag sein, dass ich jetzt in düsterer Stimmung bin. Ob es jemals einen deutschen Sender gibt, der sich an wirklich unverwechselbare Serien traut? Also dass, was gerade so viele andere weltweit so tun? Statt dem ganzen ewig gleichen Kram schaue ich mir lieber "Zone Blanche" bzw. "Black Spot" an. Die französisch-belgische Serie hat mich gerade mit ihrer Unverwechselbarkeit und Exklusivität überrascht.

Leider ist Belgien von Köln so weit weg. Oder warum auch immer- anscheinend guckt keiner mehr über den Gartenzaun, was der Nachbar so macht. Exklusiv und unverwechselbar geht übrigens nicht nur teuer, sondern auch als Ko-Produktion. Zum Glück gibt es jetzt ja nicht mehr nur "Sender", sondern auch Streaming-Dienste- und somit "Black Spot" als "Prime Video" bei Amazon.

Das muss jetzt reichen. Dass RTL in die "Fiction-Offensive" geht, ist doch eigentlich so richtig und wichtig. Nur wird es nicht helfen, wenn die dazu gehörende Ideen-Offensive anscheinend fehlt.

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