Die drei Säulen im Nichts: Eine ProSiebenSat.1 Story

Playout-Center in Unterföhring Foto: ProSiebenSat.1

"Die Wachstumsgeschichte von ProSiebenSat.1 ist seit 32 Quartalen in Folge ungebrochen", so Thomas Ebeling, Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Media SE. "Wir sind eines der profitabelsten Medienunternehmen in Europa und mit über einer Milliarde Euro Umsatz in den digitalen Geschäftsfeldern zugleich zu einer relevanten Größe in diesem Bereich aufgestiegen. Das alles war nur möglich, weil wir die Transformation und Diversifizierung des Konzerns seit 2009 systematisch vorantreiben. Mit der Drei-Säulen-Strategie stellen wir ProSiebenSat.1 auch für die Zukunft wettbewerbsfähig auf, stärken die Gruppe für weiteres Wachstum und schaffen zusätzlichen Wert für Mitarbeiter und Aktionäre. Unser Management-Team und der Aufsichtsrat haben diese Strategie in den vergangenen Monaten gemeinsam entwickelt. Ich bin davon überzeugt, dass ProSiebenSat.1 mit dieser neuen Struktur weiterhin nachhaltig erfolgreich sein wird."

Mit "drei Säulen" sind Geschäftsbereiche gemeint und die fundamentalste gestern zum "Capital Markets Day" des Unternehmens in München verkündete Neuerung verbirgt sich in der Zahl drei- denn bisher waren es vier. Durch die Zusammenlegung des linearen TV-Geschäfts mit der Digital-Entertainment-Sparte, so heißt es, forciere ProSiebenSat.1 eine zunehmend plattformunabhängige Bereitstellung und universelle Vermarktung der Programminhalte und ermögliche damit zusätzliche Synergien in diesem Bereich.

Das ist bestimmt ganz toll und soll dem Konzern "Einsparpotenziale von über 50 Millionen Euro netto bis 2019/2020 realisieren, die trotz weiterer Investitionen in das Programm sowie in Bereiche wie AdTech und Data eine verbesserte Kostenentwicklung im Segment Entertainment mit sich bringen werden". Böse Blogger rechnen da gleich wieder rückwärts: Die "weiteren Investitionen in das Programm sowie in Bereiche wie AdTech und Data" müssen dann ja weniger als 50 Millionen sein. So viel investiert Netflix in eine halbe Staffel "The Crown".

Okay, ein "Capital Markets Day" ist vielleicht kein Platz zur Präsentation neuer Serien oder Filme. Aber besser als ProSiebenSat.1 gestern kann man das Hauptproblem des deutschen Privatfernsehens kaum aufzeigen. Man arbeitet emsig an den Strukturen. Bienenfleißige Controller und sicher auch externe Berater durchforsten das Haus nach Spar-Möglichkeiten und den allseits beliebten "Synergien". Dazu ein paar "moderne" neue Ideen mit Internet, die am besten erst einmal nichts kosten dürfen, wie E-Commerce und die Zukunft ist für alle gesichert.

Bei ProSiebenSat.1 geht man jedenfalls davon aus, das profitable Wachstum auch in Zukunft fortzusetzen und strebt mittelfristig einen Umsatzanstieg im mittleren einstelligen Prozentbereich an. Bis zum Jahr 2022, so glaubt man deshalb, auf diesem Weg ein Umsatzwachstum von mehr als einer Milliarde Euro im Vergleich zum Jahr 2017 erzielen zu können.

Alles wird gut.

Was fehlt? Ganz einfach: Das wichtigste Produkt von ProSiebenSat.1. Die Basis für alle erwarteten Einnahmen. Es wird einige überraschen, aber der Konzern produziert weder "Säulen" noch "digitale Aktivitäten" oder "Synergien". Das Hauptprodukt von ProSiebenSat.1 sind immer noch Zuschauer. Die sind aber "ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm", so dass sie immer auf dem Sofa sitzen werden, sich zurücklehnen und gern von ProSiebenSat.1 unterhalten werden wollen. Das funktioniert ganz von allein.

Sieht tatsächlich so aus.

Anderswo sind die Fernseh-Konzerne da sicher völlig grundlos so nervös. Disney zum Beispiel. Die sind so viel größer als ProSiebenSat.1 und können sich sicher sogar mehr als drei Säulen leisten. Statt dessen hört man schon wieder, die wollen für irre viele Milliarden Teile der 21st Century Fox kaufen. Vielleicht schon nächste Woche. Von "Synergien" reden die auch. Aber nicht über "Säulen"- ist das nicht verrückt?

Statt dessen wollen sie bei Disney "OTT"-Fernsehen machen. Sport, StarWars, Marvel, Enten und Mäuse und so. Und diesem "Netflix" die Zuschauer wegnehmen. Schließlich besitzt Disney ja, egal ob hell oder dunkel, so ziemlich alle Seiten der Macht.

Ja, StarWars halt. Das ist Science Fiction. Damit hat ProSiebenSat.1 nichts zu tun. Obwohl: Vielleicht reiche ich mal ein Drehbuch ein.

"Wir schreiben das Jahr 2022. Auf Unterföhring 7, einem entlegenen Planeten der Galaxie, wartet man weiter auf das versprochene Raumschiff, das die Milliarde bringt. Draußen, in den unendlichen Weiten des Alls produziert derweil das dunkle Netflix-Imperium Serien-Schlachtschiffe im Stundentakt. Der Senat der europäischen Planeten-Republik hatte zwar noch versucht, in einer 14-monatigen Non-Stop-Tagung Gesetze gegen Globalisierung zu verabschieden, kam dabei aber nicht über den Streit um die Tagesordnung hinaus.

Der Lord von Netflixien kann nun über monatliche Tributzahlungen fast aller Bewohner des Universums verfügen und in der gesamten Galaxie findet man keine Schlachtschiffbauer mehr- die sind alle dort. Vor drei Jahren erschienen ein paar Jedis aus Amazonien auf Unterföhring 7- statt dem bedrängten Planeten beim Unabhängigkeitskampf zu helfen, erwiesen sie sich jedoch überraschend als nomadisierende Händler und nahmen nur den Bewohnern die Kunden für digitale Produkte weg.

Plötzlich schiebt sich ein gigantischer Todesstern zwischen Sonne und Unterföhring 7 und verdunkelt das Licht. Auf seiner metallischen Oberfläche schimmert das Bild einer diabolisch grinsenden Maus. Die ultimative riesige Strahlenwaffe lädt sich mit purer Energie aus Marvel-Serien und Sky-Bundesliga-Konferenzen auf. Schon vor Monaten sind die letzten Jedis des Planeten, Stefan und Dieter, plötzlich und überstürzt abgereist. Angeblich wollten sie auf dem Korallen-Planeten Polynesia zusammen ein Bier trinken. Aber wer glaubt das schon.

Ängstlich scharen sich die Bewohner des Planeten zwischen den drei uralten Säulen um ihren letzten möglichen Retter. Auch der Gott, der die Säulen einst schuf, ist schon lange von ihnen gegangen. Jedi-Praktikant Elton greift zitternd nach dem Laserschwert und konzentriert sich auf seine Macht. Wird es eine neue Hoffnung geben?

Alles Quatsch! Ja, stimmt. Dann eben ohne Science Fiction- wir werden real: Stellt euch vier weitere Jahre Globalisierung eures Geschäfts über das Internet vor. Vielleicht gibt Netflix dann 20 Milliarden im Jahr für neue Serien und Filme aus. Auch Amazon hält da mit- und koppelt sein Programm mit viel mehr und viel schlagkräftigerem E-Commerce als ihr. Dann kommt Disney und hat mit Sky sogar noch die Bundesliga dabei. Und vielleicht seid ihr bald sogar noch im direkten Wettbewerb um den Zuschauer mit Apple und HBO.

Ich glaube nicht, dass "drei Säulen" eine ausreichende Antwort sind.

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