Amazon, Netflix, whatever- die Streaming-TV Highlights im November

Willkommen im La La Land. Foto: Amazon / © 2017 Studiocanal GmbH.

La La Land ist abgebrannt. Hollywood zerstört sich gerade selbst. Harvey Weinstein heißt der Mann, der an allem Schuld ist, und er ist wohl so etwas wie das absolut ultimativ Böse, eben so wie in einem Hollywood-Film. Wie "Joker" oder "Pinguin" in Gotham City und schlimmer als ein Donald Trump es je vermocht hätte, sorgt er für den ultimativen Schrecken und maßlose Verzweiflung hinter den ewig grünen Hecken der gut abgeschirmten Gemeinde in den Beverly Hills. Sicher schauen sie alle gerade täglich gebannt in den Abendhimmel, doch nirgends ist ein Fledermaus-Zeichen der Rettung in Sicht. Bestimmt werden sie zu Halloween größere Kürbisse aufstellen als jemals zuvor.

Nach Halloween kommt der November und es wird dunkel und düster. Bis auf ein paar Ausnahmen hier und da leuchtet auch das Streaming-Programm im Gegensatz zum Oktober nicht allzu sehr. Der Oktober war richtig gut und zumindest die, die nicht alles sofort binge-wegwatchen, können vielleicht auch noch ein wenig davon profitieren. Trotz des eigentlich tollen Angebots war allerdings das Beste, was ich in diesem Monat gesehen habe, dann doch ein Leihfilm bei Amazon.

"Lion - Der lange Weg nach Hause" war in diesem Jahr insgesamt für sechs Oscars nominiert. Der auf dem Roman "A Long Way Home" von Saroo Brierley basierende Film ist, obwohl eine lupenreine Hollywood-Produktion, ein weiterer Beweis dafür, dass die Macht im Film heutzutage auch in Indien zu finden ist. Die Performance des älteren "Saroo" Dev Patel in der Hauptrolle und insbesondere des kleinen "Saroo" Sunny Pawar ist einfach unglaublich. Die weltweiten Vertriebsrechte für den Film sicherte sich in Cannes vor drei Jahren: The Weinstein Company.

Das Harvey Weinstein-Problem in Hollywood besteht eben nicht nur darin, dass der bullige Filmboss Frauen offensichtlich als freilaufende Beuteobjekte betrachtete, es hinter den grünen Hecken von Beverly Hills eigentlich fast alle irgendwie wussten, alle schwiegen und der angerichtete Schaden irgendwann nicht mehr nur durch die geräuschlose Entfernung des Herrn aus allen ausgenutzten Machtpositionen zu reparieren war. Harvey ist jetzt weg und kommt nicht mehr wieder. Da ist es dumm, dass er in Hollywood eigentlich so etwas wie fast die letzte wichtige Adresse für viele Nicht-"Franchise"-Filme war.

Ja, Harvey war böse und ist jetzt weg. Aber nach "Pinguin" kommt in Hollywood doch normalerweise "Joker", sonst ist "Batman" irgendwann arbeitslos. Die wichtige Frage, die Frage wer nach Harvey Programm macht- sie bleibt vorerst ungeklärt. Denn das Wichtigste für uns bleibt doch irgendwie nun einmal das Programm.

Das beginnt im November mit "La La Land", der hat im Gegensatz zu "Lion" die Oscars in großer Zahl dann auch bekommen, insgesamt waren es sieben und "La La Land" ist in diesem Monat sicher das Highlight in Amazons "Prime"-Programm. Auch auf einen Oscar, von 2016, sowie einen bärenstarken "Frischegrad" von 94% bei "Rotten Tomatoes" kann der klaustrophobische irisch-kanadische Alptraum "Raum" verweisen. Und Amazon liebt Godzilla, hat mit "Shin Godzilla" in Japan einen weiteren gefunden und da geht ordentlich was kaputt.

"Silence" ist ein neuer Martin Scorsese-Film (!) mit Liam Neeson als Pater (!) über die Christen-Verfolgung im mittelalterlichen Japan (!), der im Vatikan (!) seine Premiere feierte. Das ist mindestens genauso interessant wie die Tatsache, dass selbst die Schweden jetzt ein "Blockbuster-Franchise" haben. Jedenfalls ist "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" jetzt "Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand" und bei Amazon Prime wieder auftauchte.

In "The Age of Shadows" geht es auch gegen die Japaner, dieses Mal im Korea der 20er Jahre und der südkoreanisch-patriotische Action-Heuler steht bei "Rotten Tomatoes" sogar auf unglaublichen 100%. Tss... tss.. In "Slow West" darf sich Alien-Konstrukteur Michael Fassbender mal in Wild, Wild, Wild West austoben und böse Kritiker sagen, das beste in dem Film über den "wilden Westen" seien die tollen Natur-Aufnahmen aus Neuseeland.

Schlimmen Menschen wird noch gefallen, dass Tom Cruise in "Live Die Repeat: Edge of Tomorrow" gleich dutzende Male wirklich erschossen wird und "Morris aus Amerika" kommt von dort direkt nach Heidelberg.

Als einziges "Original" aus den Amazon-Studios ist im November die Staffel 4 von "Transparent" zu erwarten. Zwar ist auch die erste Staffel von "The Marvelous Mrs. Maisel" Ende des Monats fertig, aber eben wohl wieder einmal noch nicht synchronisiert. "Transparent" jedenfalls hat sicher seine Fangemeinde- aber bin ich der Einzige, der das Gefühl hat , dass die Geschichte von Maura, geborener Mort und den Pfeffermans jetzt doch irgendwie auserzählt ist?

Auf jeden Fall auserzählt ist ja nun auch irgendwie infolge des Harvey-Desasters die Geschichte von Roy Price als Chef der Amazon-Studios. Ein Konzept, wie sie zu einem neuen "Game of Thrones" kommen, hat Amazon allerdings anscheinend immer noch nicht. Dabei müssten sie doch nur, statt wie in "The Lost Tycoon" Hollywood romantisch zu verkitsch-klären, mal mit klarem Blick in Beverly Hills über die Hecken schauen. Harvey, na klar, aber auch die zahllosen Figuren und wie sie versuchen, den Fall Weinstein für ihr eigenes Vorankommen in Richtung Thron zu nutzen, es ist ein wahrlich prachtvolles und selten facettenreiches Schauspiel.

Für den November runden mit der neuen Serie "Rellik", dem Beginn der Staffel fünf der "Vikings" und mit Staffel zwei von "The Girlfriend Experience" exklusive Amazon-Einkäufe das dünne Eigen-Programm ab. Auch die Staffel eins von "Lethal Weapon" sowie die zwei von "Legends of Tomorrow" werden bei "Prime" verfügbar.



Auch Netflix erreicht den November und ist so kurz vor Halloween nicht Weinstein-sicher. Der Harvey-Effekt überschreitet alle Grenzen, auch die der Geschlechter, und "House of Cards"-Star Kevin Spacey soll nun vor langer Zeit Anthony Rapp, der mittlerweile als Lt. Paul Stamets für Netflix auf der "Discovery" mitfliegt, im zu jungen Alter von 14 Jahren bedrängt haben. Tss... tss..

Im "House of Cards" ist jedenfalls auf den ersten Blick alles wie immer, auch dass die Staffel fünf, wie in Deutschland üblich, erst bei Sky läuft und deshalb nun erst jetzt im November das Netflix-Angebot erreicht. Das macht aber nichts- denn die meist jüngeren Netflixe gucken ohnehin noch die Staffel zwei von "Stranger Things" und freuen sich schon auf die Staffel eins von "Marvel's The Punisher".

Langsam, aber sicher scheint der "Wilde Westen" allgemein wieder trendy zu werden. Kein geringerer als Steven Soderbergh hat jedenfalls mit "Godless" für Netflix dort eine "Mini-Serie" fertig gestellt. Es geht um eine Stadt im Wilden Westen, die nur von Frauen bewohnt ist. Eine Harvey Weinstein-Idee? Eher nicht. Die Frauen im Wilden Westen waren damals bewaffnet und gefährlich.

"Mini-Serie" scheint auch ein neuer Trend zu sein, genau wie die Bücher von Margaret Atwood. In "Alias Grace" geht es um eine bedauernswerte Frau vor fast zweihundert Jahren in Kanada. So ganz habe ich es noch nicht verstanden, aber bei "Mini-Serie" heißt es in der Regel nicht "Staffel", also geht es wahrscheinlich danach auch nicht weiter.

Für "The Sinner" allerdings oder zumindestens ihren mitfühlenden Detektiv könnte es theoretisch auch irgendwie weitergehen. Für das "USA Network", woher das "Netflix Original" eigentlich stammt, war die "Staffel 1" der Serie der Sommerhit des Jahres. Allerdings wohl nicht in der gleichen Besetzung- eher so wie bei "Fargo", mit einer neuen Geschichte, mit anderen Mitspielern, zu einer anderen Zeit.

Aus einer anderen Zeit vor dreißig Jahren und von Spike Lee ist "She’s Gotta Have It" und für Netflix will er seinen Erfolg nun als Serie noch einmal machen. Und "Frontier" beweist uns gleich zweierlei: Der Wilde Westen (in diesem Fall der "nordische Westen") ist wieder trendy. Und man kann es schaffen bei Netflix, und nicht nur mit Sitcoms wie "Lady Dynamite", in die ersehnte Staffel zwei.

Nichts wird Fernsehsender zu Halloween mehr erschrecken als dies hier: "The Big Family Cooking Showdown" ist genau das, nach was es sich anhört- "Das große Familienkochen" von der BBC. Na ja- es ist aber zum Glück nicht ganz das, nach was sich der von Netflix so schön eingedeutschte Titel anhört. Also, es werden keine Familien gekocht. Aber es ist "Scripted Reality", perfekt produziert und Netflix greift also jetzt auch auf dem wohl wichtigsten Fachgebiet des klassischen Fernsehens mit dem bisher nur selten genutzten Kochlöffel auf immer breiterer Front an.

Originale, Originale, Originale... nimm das, Amazon. Denn mit den "Netflix-Filmen" geht es weiter. "Mudbound" ist ein Filmdrama von Dee Rees, das allerdings auch schon in Kinos war und nur von Netflix angekauft wurde. "The Killer" ist dagegen der erste "Netflix Original Film", der in Brasilien produziert wurde. Und er zeigt gleichzeitig auf lateinamerikanisch, dass "Western" anscheinend wieder extrem trendy ist.

"6 Days" ist ein britisches "Netflix-Movie"- aus einem bewaffneten Überfall auf die Iranische Botschaft entsteht 1980 eine sechstägige ausweglose Situation zwischen Geiselnehmern und britischen Elite-Soldaten. Und "Netflix Dokus" (über Cuba, die Rettung des Kapitalismus und Jim Carrey) sowie "Original Comedy" gibt es ja auch noch.

Selbst die reinen Einkäufe sind diesmal frischer: Die "American Horror Story" (also nicht die von Weinstein) geht mit "Roanoke" weiter, das ist schon die Staffel sechs der "Anthologie"-Serie. Genau wie bei Amazon gibt es "Live Die Repeat: Edge of Tomorrow" mit Tom Cruise. Die "Transformers" besuchen "die dunkle Seite des Mondes" und Chris Hemsworth hat sein "Moby Dick"-Erlebnis "Im Herzen der See".

Okay, es gibt auch gut Abgelagertes mit Will Smith ("Hancock", "Sieben Leben", "I am Legend") oder Piraten der Karibik "Am Ende der Welt". Und Tom Cruise entschlüsselt in unmöglicher Mission das "Phantom Protokoll". Na ja.

Maxdome will uns im November mit dem "Kampf der Titanen" locken. Wer kauft so etwas ein? Na ja- auch sie haben, Überraschung, Tom Cruise in "Edge of Tomorrow". Er kann eben wie kein Zweiter "repeat". Aber etwas Schönes für Kenner gibt es wohl nur bei Maxdome: Die Staffel eins der österreichischen Comedy "Braunschlag".

Und ja, nicht nur in Hollywood: Jede Menge "Halloween-Filme" überall.

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