Preis, Leistung, freier Fall und die neue "Medienordnung 4.0" von ProSiebenSat.1


Es ist Sommer. Urlaubsruhe liegt über dem Land. Auch die Reihen in der Fernsehbranche sind durch Abwesenheit zahlreicher sonst mehr oder weniger handelnder Personen stark gelichtet. Die Programme riechen bis auf einige die Regel bestätigende löbliche Ausnahmen stark nach Archiv-Keller. Das Programm hinter den Kulissen ist allerdings toller denn je und besitzt einen großartigen Unterhaltungswert.

Den ersten Stein warf Mitte Juni die "Organisation Werbungtreibende im Markenverband" (OWM) ins Sommerloch. Das ist der Verband der Werbung treibenden Unternehmen in Deutschland mit mehr als 100 illustren Mitgliedern von Coca Cola bis Bitburger. Also so etwas wie der Verband der Budgets, die das private Fernsehen in Deutschland werbefinanzieren.

Und genau diese Sender und ihre Vermarkter wurden vom OWM ziemlich heftig kritisiert. Von einem "Preis-Leistungsverhältnis im freien Fall" war die Rede und noch von einigem mehr.

"TV ist heute noch das zentrale Medium bei allen wichtigen Kampagnen", so OWM-Geschäftsführer Joachim Schütz. "Umso wichtiger ist und bleibt ein faires Preis-Leistungsverhältnis. Doch das Werbemedium TV wird bei sinkendenden Reichweiten seit Jahren immer teurer. Ein Werbekunde muss heute für die gleiche Kampagne weit mehr ausgeben, um die gleiche Wirkung wie noch vor einigen Jahren zu erzielen. Gleichzeitig steigt der Wettbewerbsdruck durch nicht-lineare Angebote und globale Player. Die OWM fordert die TV-Anbieter auf, umzudenken und die Wettbewerbsfähigkeit des werbefinanzierten TV wieder zu stärken."

Tut was, ihr privaten Fernsehmacher, so kann man das frei interpretieren. Wir wollen bessere Programm-Umfelder für unsere Werbung und transparentere Abrechnung. Sonst kaufen wir euch den Kram nicht mehr ab.

Offiziell fand man sich bei RTL, ProSiebenSat.1 & Co. wenige Tage später bei den Programm-Präsentationen zu den "Screenforce Days" trotzdem große Klasse. Mit lautem Marketing-Getrommel wurden die ewig gleichen billigen Programm-Umfelder der Bacheloretten, Töpfe schwingenden Fernsehköche oder Sing-Wettbewerbe sowie jede Menge noch viel schlimmerer "Reality"-Schund als Programm-"Innovationen" angekündigt.

Wohl für den unwahrscheinlichen Fall, dass das alles trotzdem nicht ausreicht, wurde man danach bei ProSiebenSat.1 wirklich innovativ. Mit der "Medienordnung 4.0", so erfuhr eine staunende Öffentlichkeit, stellt die ProSiebenSat.1 Media SE ein Modell vor, das nicht weniger als "die Diskussion um eine Neuausrichtung der medienpolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland anstößt". Ziel sei es, "gesellschaftspolitisch relevante Inhalte (Public-Service-Inhalte) zu fördern" und so "vermehrt junge Menschen mit demokratiestiftenden, meinungsbildenden und integrativen Angeboten" zu erreichen.

Klingt toll. Eine "Diskussion um eine Neuausrichtung der medienpolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland". Interessante Idee. Nur: Zahllose "Seiten- und Mittelschlitzträger" machen das doch eigentlich schon seit Jahrzehnten auf ebenso zahllosen Veranstaltungen, werden dabei alt und gehen in Rente, ohne dass das je irgend etwas wirklich verändert hätte. ProSiebenSat.1 plant aber jetzt nicht weniger als die Revolution. Man will ran an das Heiligste vom Allerheiligen- an die prall gefüllten Töpfe des Rundfunkbeitrags.

"Die Politik", so heißt es aus München listig, sollte einen "Public-Service-Auftrag" definieren und diesen im Rundfunkstaatsvertrag gesetzgeberisch festlegen. Im Rahmen einer Auftragsausschreibung können dann private Anbieter ihre Projekte in einem Konzessionsverfahren vorlegen. Eine staatsfern organisierte unabhängige Kommission legt den Finanzierungsrahmen fest und verantwortet die Auftrags- und Mittelvergabe.

Listig ist das deshalb, weil genau so normalerweise das öffentliche Beschaffungswesen funktioniert. Ihr wollt öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm? Okay, macht eine Ausschreibung. Niemand braucht dafür "Anstalten".

"Mit dem Modell einer 'Medienordnung 4.0' will ProSiebenSat.1 einen konstruktiven Beitrag zum laufenden medienpolitischen Diskurs leisten", meint Conrad Albert, Mitglied des Vorstands und "General Counsel" der ProSiebenSat.1 Media SE. "Uns jetzt für den Erhalt unserer ausgeprägten Medien- und Meinungsvielfalt zu engagieren, ist für unser Zusammenleben enorm wichtig. Dieses Engagement muss vor allem den jungen Zielgruppen gelten, denn sie sind die Wähler von morgen."

Ein "Counsel" ist übrigens ein Ratgeber des Vertrauens und Anwalt für besonders schwierige und diffizile Fragen. Und wie es sich für eine solch wichtige Position gehört, wir wissen es aus biografischen Hollywood-Filmen, hat Conrad Albert gleich auch noch einen guten Grund für die Revolution zur Hand und verweist auf den öffentlich-rechtlichen "Generationenabriss". Woraufhin ZDF-Sprecher Alexander Stock diese "Angriffe" des Herrn Alberti sofort empört zurückweist. Also, die Angriffe wegen dem "Generationenabriss". Nicht auf den Rundfunkbeitrag. Nur der ist ein Geschäft, das man nicht ablehnen kann.

Also fassen wir mal zusammen: Die Werbekunden wollen nicht mehr so viel bezahlen. Das Privatfernsehen braucht trotzdem Geld. Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen vom Rundfunkbeitrag nichts abgeben. Und die Zuschauer klagen über endlose und nervende Werbeblöcke. Vielleicht wäre ja eine aus Amerika kommende neue Idee die Lösung: Comcast-Kabelkunden können da demnächst die Programme des Senders AMC gegen ein paar Dollar mehr auch werbefrei sehen. "OTT" macht das möglich. Die Amis hatten gestern "Independence Day"- und wenn Comcast und AMC damit Erfolg haben, dann wäre das ja für das Fernsehen auch eine Art "Independence Day" von diesen ewig nörgelnden Werbekunden.

Warum sollten die Zuschauer zahlen? Nun ja. Werbung nervt eben bei spannendem Programm. Und AMC hat Serien wie "The Walking Dead", Better Call Saul" oder den "Preacher". Das könnte doch auch für ProSiebenSat.1 funktionieren. Die haben...

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