Sturm der Nicht-Liebe: ARD zeigt Arte-Doku als betreutes Fernsehen am Mittwoch


Die sind so toll. Das sind meine "öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten". Sie sorgen sich um mich- schließlich habe ich das Ganze ja auch mit bezahlt. Ohne dass ich mich weiter darum kümmern muss, schützen sie mich ahnungslosen Zuschauer vor schlimmen "handwerklichen Fehlern". Und es ist wohl kein Zufall, dass es wieder einmal der WDR ist, der uns so viel Freude macht. Nur, dass es diesmal nicht der Jörg ist, der uns die Fernsehwelt erklärt, sondern der Tom.

"Das Thema der Dokumentation war und ist uns wichtig", so WDR-Intendant Tom Buhrow. "Und je wichtiger das Thema, desto genauer muss die journalistisch-handwerkliche Sorgfalt sein. Dabei gilt: Sorgfalt vor Schnelligkeit. Wir haben den Film intensiv geprüft und ich habe entschieden, die Dokumentation und unsere handwerklichen Fragezeichen dazu transparent zur Diskussion zu stellen."

Was war Schlimmes passiert? Eigentlich nichts. Unser allerliebster Kulturkanal Arte hatte eine Dokumentation in Auftrag gegeben. Beim WDR. Und dann nicht gesendet. Sowas passiert. Aber so eigentlich nicht.

Die Doku-Macher und andere wollten sich mit der Nicht-Sendung des einmal beauftragten Werkes nicht abfinden. "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa", so heißt es, und damit wird es auch schon schwierig- es geht um Politik, um kein einfaches Thema und ganz plötzlich ging es auch um den Verdacht, die Doku-Sendepause bei Arte könnte mit den Inhalten des Werkes zusammenhängen. Also volkstümlich gesagt: Die Macher der einmal in Auftrag gegebenen Dokumentation könnten beim Machen Dinge herausgefunden haben, die dem Auftraggeber dann wiederum so nicht gefielen.

Das ist natürlich unmöglich. Selbst der Zentralrat der Juden in Deutschland würde das nie so sagen- aber er hätte gern, dass die beteiligten öffentlich-rechtlichen Sender "den unter Verschluss gehaltenen Film freigeben". Und damit, dass kurz vor der Wahl und gleich am Anfang der Dokumentation ein superduperfantastischer SPD-Kanzlerkandidat als ziemlich erbärmlich vorgeführt wird, hat das alles natürlich auch nichts zu tun.

Nichts hat mit gar nichts zu tun, wir kennen das, und deshalb liegt das alles an "handwerklichen Mängeln". Also, auf Seiten der Dokumentations-Macher, natürlich. Der Jörg, der Tom oder wer auch immer- öffentlich-rechtliche Verantwortliche leiden niemals an mangelhaftem Handwerk sondern, wenn überhaupt, nur versehentlich beschäftigte Mitarbeiter oder Auftragnehmer. Und dass das schwierige Werk nun doch irgendwie vorgeführt wird, hat auch nichts damit zu tun, dass es diese "BILD" schon allen gezeigt hat.

Auch der Volker macht alles richtig und erklärt es uns deshalb auch zielgruppengerecht leicht verständlich: "Ich halte es für richtig, die umstrittene Dokumentation jetzt einem breiten Publikum zugänglich zu machen, auch und trotz ihrer handwerklichen Mängel. Nur so kann sich das Fernsehpublikum ein eigenes Bild machen. Die ja längst stattfindende öffentliche Diskussion bekommt so eine Grundlage, auf der sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann. Im Anschluss an die Dokumentation wird auch die Gesprächsrunde bei Sandra Maischberger das Thema aufgreifen."

Volker ist nicht von "Der Sendung mit der Maus", sondern "Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen" und heißt mit Nachnamen "Herres". Also der richtige Mann, um alle zum betreuten Fernsehen mit der gefährlichen Dokumentation einzuladen. Mittwoch, den 21. Juni 2017, um 22:15 Uhr ist es dann soweit- ich hoffe, ein deutlicher Jugendschutz-Hinweis wird vorher gesendet und Frau Maischberger wird uns Kindern dann das Gefährliche an diesem Werk erklären.

Dann gehen wir alle brav zurück in unser Bett und träumen wieder vom "Sturm der Liebe". Und bitte keine Alpträume von "Journalisten", die schlimme Dinge machen- sowas wie "informieren" zum Beispiel. Hier warnt uns zu Recht nochmal die Anja davor- denn so etwas findet sie "frech".



Update 20.06.: Noch mehr für linguistische Feinschmecker direkt aus Frankreich liefert uns heute nun Arte selbst: Mit Blick auf die öffentliche Diskussion und um einen identischen Kenntnisstand des Arte-Publikums in Frankreich und Deutschland zu ermöglichen, habe man sich dazu entschlossen, die im Ersten ausgestrahlte Dokumentation und anschließende Diskussionssendung am 21. Juni 2017 zu übernehmen und ab 23 Uhr zeitversetzt auszustrahlen. Somit hätten auch Zuschauer in Frankreich die Möglichkeit, eine "fachlich eingeordnete" Version der Dokumentation zu sehen. Derzeit kursierten im Internet nur fehlerhaft übersetzte französische Fassungen. "Fake-Dokus", sozusagen.

In der Arte-eigenen Diskussionssendung sollen auch für die Franzosen "die vom WDR beanstandeten handwerklichen Mängel berücksichtigt" werden. Arte selbst hat offenbar gar keine "handwerklichen Mängel" gefunden. "Die Ausstrahlung dieser vom WDR produzierten Dokumentation wurde von Arte zurückgewiesen, da entgegen dem Auftrag der Fokus nicht auf europäische Länder, sondern auf den Nahen Osten gerichtet wurde. Darin liegt eine grundlegende Abweichung des ursprünglichen Sendekonzepts, die für Arte als Sender mit einem besonderen Blickwinkel auf Europa nicht akzeptabel war." Also geografische Mängel, sozusagen. Und Schuld ist der WDR, der entgegen seinem Auftrag das Problem in den falschen Ländern dokumentiert hat.

Und nun? Wollemerse reilasse? Jaa! Narrhalla-Marsch! Und unbedingt Pappnasen für alle- auch mitten im Sommer.

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