Nur Schnee, der auf Kopierer fällt: Amazons "American Gods" sind wie ein Werk von Joseph Beuys

Foto: Amazon / © 2016 Starz Entertainment

1972, so können wir es den Archiven des "Spiegel" entnehmen, schickte der Kunstsammler Lothar Schirmer eine Kinderbadewanne auf Reisen. Der Emaillezuber, der durch allerlei Verzierungen aus Heftpflaster, Mull und Fett doch eigentlich leicht als ein Kunstwerk des großen Joseph Beuys zu erkennen war, sollte im Rahmen einer Wanderausstellung zum Thema "Realität" in sieben deutschen Städten gezeigt werden.

Am 3. November 1973 im Leverkusener Schloß Morsbroich geschah dann das Unheil. Kurz vor der geplanten Ausstellung hatte sich die lokale SPD das Erdgeschoß des Schlosses für eine Feier reserviert. Durch ein "Versehen" wartete die Beuys-Wanne im gleichen Magazinraum auf ihren Auftritt, in dem auch das Gestühl für das Parteifest aufbewahrt wurde. Die Genossen fanden die Wanne gut geeignet, um darin Flaschenbier kalt zu stellen und Gläser zu spülen, zumal die störenden Verschmutzungen leicht zu entfernen waren. Die Ausstellung fand dann ohne die Badewanne statt.

Warum ich das hier erzähle? Ganz einfach: "American Gods" ist bisher nicht, wie von Amazon groß beworben, "die Show mit dem Zeug zum Serienmeilenstein". "American Gods" ist eher wie die Badewanne des Joseph Beuys.

Bei Ausstellungen, die sie noch unversehrt erreichte, erfuhr die Wanne eine höchst unterschiedliche Rezeption. Den Vermerk, in diesem Gefäß sei einst der Säugling Beuys gebadet worden, ergänzte ein Betrachter mit "offenbar zu heiß". Andere Betrachter, vorrangig aus den Kreisen des damals noch existierenden Zeitungs-"Feuilletons" verführte sie vielleicht zu den verschiedensten tiefsinnigen Betrachtungen über den Sinn des Lebens, den stupiden gesellschaftlichen Zwang zur Reinlichkeit oder den offensichtlichen Zusammenhang zwischen unseren gut gefüllten Wannen und dem Wassermangel in der dritten Welt.

Auch die zerstörerischen Handlungen der SPD-Genossen kann man im nachhinein sicher im Sinne des von Joseph Beuys vertretenen "erweiterten Kunstbegriffs" als Rezeption des Werkes begreifen, da durch sie bis dahin eher versteckte zusätzliche Dimensionen des Kunstwerks mittels geringfügiger Veränderungen erfahrbar wurden. Ohne Zweifel aber wird ein tiefer und nahezu unüberbrückbarer Graben zwischen den einzelnen Betrachter sichtbar.

Dieser Graben wird auch die Betrachter von "American Gods" auf ewig teilen. Oder wie es die Briten viel schöner beschreiben: Dies ist keine Serie, so wie die meisten Serie verstehen.

"American Gods" hat einen sehr schönen und modernen Vorspann. Dann kommen, manchmal sogar schon davor, sehr viele sehr schön drastische "Szenen". Mit Sex. Mit Gewalt. Mehr mit Gewalt als mit Sex. Und gerne schön blutig. Ist ja okay. Auch zu den Zeiten von Josef Beuys hat sich keiner den "Schulmädchen-Report" wegen der Handlung angesehen, sondern nur wegen der damals noch raren "Szenen". Also die, wo die Möpse so schön schaukeln. "Hömma", höre ich da "American Gods"-Gucker sagen: "Haste gesehen, wie die den da mit der Muschi?" Na ja, und eben eine ordentliche Dosis Blut und Gewalt.

Dazu kommen bei "American Gods" dann eben noch sehr schön surreale Szenen. Wer möchte nicht mal sehen, wie es aussieht, wenn Scully Gillian Anderson als Marilyn Monroe knapp über dem Erdboden schwebt. Achtung, Spoiler: Es sieht gut aus. Oder wie Schnee auf Kopierer im Büro fällt. Oder ob Hauptdarsteller Ricky Whittle einen zweiten Gesichtsausdruck hat. Achtung, Spoiler: Nein- hat er nicht. Wahrscheinlich nennt sie ihn deshalb "Welpchen".

Und so geht das dann immer weiter in so einer Art Nummern-Revue exzentrischer Begebenheiten quer durch Landschaften und Geschichte Amerikas. Irgendwie wie in einer Ausstellung von Joseph Beuys. Und die "Szenen" sehen eben immer gut aus. Ja, es gibt auch so eine Art Rahmenhandlung aus irgendeinem Buch. Aber wirklich interessiert haben sich die Macher wohl nur für die "Szenen".

Als seriöser Kritiker muss ich also wieder mal an die Geschichte von dem Kaiser und seinen neuen Kleidern erinnern. "American Gods" braucht vielleicht ein Kind, das ruft: "Aber er hat doch gar nichts an!" Nur- ich bin eben ich. Und gucke weiter. "Hömma- haste gesehen, wie die den da mit der Muschi?"

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