Furzkissen, die um Aufmerksamkeit betteln


Immer noch schwimmt da vorn der Eisberg 
nur die Spitze ist zu sehn. 
Immer noch träumen wir von Heimkehr 
und vertrau'n dem Kapitän. 
Immer noch glaubt der Mann im Ausguck 
einen Silberstreif zu sehn 
Immer noch findet sich keiner, der ausspuckt 
und keiner darf beim Kompass steh'n!! 

SOS- lasst die Bordkapelle spielen 
SOS- einen Walzer mit Gefühlen 
SOS- fresst und sauft und sauft und fresst !! 

Immer noch brennt bis früh um vier in der Heizerkajüte Licht. 
Immer noch haben wir den Schlüssel von der Waffenkammer nicht!!

Das hat einst die legendäre Tamara Danz zusammen mit "Silly" gesungen, also einfach (fast) unkritisiert so singen dürfen und dieses schöne und bemerkenswerte Liedgut wurde damals noch auf "Langspielplatten" gepresst sowie danach in die Läden verteilt. In der DDR. Also in der "richtigen" DDR, zwar in der Endphase des "Arbeiter- und Bauernstaates", aber noch zu einer Zeit, in der Erich Honecker und seine Zensoren die Zügel der Macht noch fest in ihren Händen glaubten. Vielleicht lag es ja daran: Das Album "Februar" wurde als erstes Album der DDR-Rockgeschichte als Koproduktion mit einer "West"-Firma, der BMG Ariola, produziert. Wer weiß...

In diesen Tagen kommt wieder ein Musik-Album in die mittlerweile ja eher virtuellen Plattenläden und sorgt für allerhand Aufregung, vor allem bei allerlei einschlägig bekannten Berufsaufregern in der Presse sowie in der Politik. Die "Söhne Mannheims" sind zurück, zusammen mit Xavier Naidoo, ihrem bekanntesten "Sohn" und das Album enthält neben einem fröhlichen "Guten Morgen"-Song auch ein Lied mit dem schönen Titel "Marionetten".

Ja, der Xavier. Dieser Weg wird für ihn sicher wieder kein leichter sein, aber große Sänger sind komischerweise oft ein wenig seltsam. Nun ist Xavier Naidoo noch lange kein neuer Elvis, jedenfalls noch nicht. Aber sicher eines von vielleicht gerade mal noch einer Handvoll kreativer Talente in der gerade von Jan Böhmermann nicht ganz zu unrecht ziemlich heftig geschmähten neuen deutschen Musik. Und ein wenig seltsam ist er auf jeden Fall auch.

Seine Seltsamkeit müsste er aber noch um einige Stufen steigern, mindestens bis zu der offiziellen Feststellung, dass nicht nur Elvis, sondern zur Freude der "Reichsbürger" auch Bismarck noch lebt. Jedenfalls, wenn er auch nur annähernd den Grad an Seltsamkeit erreichen will, den anscheinend einige Journalisten schon haben- zum Beispiel, wenn sie jetzt im Kampf gegen ungeliebte Lieder das unschuldige Wort "Marionetten" zum "Sprachbild antisemitischer Verschwörungstheorien" erklären. Bevor jetzt in Augsburg die Panik ausbricht: Nein, Jim Knopf oder Lukas der Lokomotivführer sind im Moment noch nicht direkt verdächtig.

Fast nichts mehr scheint aber derzeitig unmöglich und es ist ausgerechnet "Tote Hosen"-Sänger Campino, der uns verständnislosen Außenstehenden die ultimative Aufklärung bringt. Dessen Groll gegen Jan Böhmermann ist seit der Geschichte mit dem "Echo" offenkundig noch immer nicht verflogen und er prägte im Gespräch mit der Sonntags-FAZ ein einprägsames neues "Sprachbild". Es gebe wohl kaum einen Menschen in dieser Republik, der mehr um Aufmerksamkeit bettle als Böhmermann, so Campino. Und mit seinem Erdogan-Gedicht zum Beispiel täte er dies "auf dem Niveau eines Furzkissens".

Was soll ich sagen: Campino hat völlig Recht. Und die "Toten Hosen" haben nächste Woche auch ein neues Album. Ob sie über Marionetten singen, ist noch nicht bekannt. Genauso wenig, wie bekannt ist, ob Tamara Danz wohl Xavier Naidoo gemocht hätte. Vermutlich eher nicht. Aber betteln um Aufmerksamkeit musste sie nie.

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