Netflix: Marvel's "Iron Fist" verprügelt die Kritiker

Finn Jones ist "Danny Rand" mit der "Iron Fist" - Foto: Netflix / Patrick Harbron

Khihihi. Beginnen wir mit einer Geschichte, die natürlich völlig frei erfunden ist. Mindestens so erfunden wie die Geschichten von Marvel. Einst war ich als mittelwichtiges Jury-Mitglied eines mittelwichtigen Fernsehpreises berufen und damals gab es noch keine online zugänglichen "Screening Rooms" für die Kritiker. Eines Tages stand stattdessen ein freundlicher Postbote mit einem Karton voller DVD's vor der Tür. Und dann ging es los. Ein ordentliches Jury-Mitglied muss alles angucken, von allen Nominierten und bis zum bitteren Ende. Es gab sehr viele Nominierte in sehr vielen "Kategorien". Dann muss man darüber noch nachdenken. Vielleicht noch einmal gucken. Und dann entscheiden.

Vergesst es. Zwar kannten auch wir Kinder des vergangenen Jahrtausends bereits "Bingewatching", es hieß nur "Komaglotzen", aber schon damals setzte diese Verhaltensweise ein gewisses Mindest-Interesse am Inhalt voraus. Ich habe es wirklich versucht- mit Laptop im Bett oder am Schreibtisch, bequem im Sessel vor dem Fernseher oder sogar auf einem "Desktop". No Way. Kein normaler Mensch guckt konzentriert 50 Stunden deutsche TV-Ware, die für Preise statt für Zuschauer gedreht und geschnitten wurde. Jedenfalls nicht in einem Zeitraum von weniger als einem Jahr.

Dazu kommt: "Was mit Medien" ist ein eigenartiger Beruf. Ein Bäcker produziert soundsoviel Brote und Brötchen und hat dann für heute fertig. Ein Mauer schichtet soundsoviel Steine zu einem Stück Wand und hat dann auch fertig. Echte "Medien"-Leute sind niemals "fertig". Sie würden die Steine zu einer Mauer zusammensetzen, diese anschauen und dann denken: "Ein Fenster wäre nicht schlecht".

Wer im Medienbereich arbeitet, kann also niemals seine Arbeit wirklich beenden. Man kann sie nur "loslassen". Diese schlichte Tatsache sowie der dadurch begründete ständige Zeit- und Termindruck entschuldigt vieles, auch vor den eigenen Ansprüchen und dem inneren Ich. Denn auch Medien-Leute müssen, genau wie Bäcker oder Mauerer, irgendwann irgendetwas irgendwo "fertig" abliefern. Also ich habe damals "losgelassen" und als "Jury" etwas angekreuzt, dessen Thema und Titel mir irgendwie gefiel. Natürlich ist das genauso frei erfunden, wie das immer wieder zu hörende Gerücht, manche TV-"Kritiker" schrieben irgendeine Kritik, ohne dass sie in ihren "Screening Rooms" wirklich alles bis zum Ende geschaut und dann fertig durchdacht haben.

So haben mit Sicherheit auch die Kritiker der Netflix-Serie "Marvel's Iron Fist" alle bisher verfügbaren Folgen in voller Länge geschaut. Darüber nachgedacht. Noch einmal geguckt. Und dann entschieden. Das nahezu übereinstimmende Urteil: "Marvel's Iron Fist" von Netflix ist Mist. "Diese Faust hat keine Kraft"- so heißt es hier. "Wer diese Serie erträgt, ist ein Superheld", so heißt es da . Und die Kritiker waren sich darüber rund um den Globus ziemlich einig.

Die Zuschauer haben vielleicht auch darüber nachgedacht. Aber anders entschieden. Oder vielleicht lesen sie gar keine "Kritiken" mehr. Jedenfalls war Marvel's "Iron Fist" laut den Analysten von "7Park Data" die am Premieren-Tag meist gefragte Netflix-Serie ever, so berichtet es "Variety". Durch 14,6% aller Netflix-Streams am 17. März kam die "eiserne Faust" zum Publikum. Zum Vergleich: "Marvel’s Luke Cage" schaffte zur Premiere 12.8%, der "Daredevil" mit seiner Staffel zwei 13.8% und der Netflix-Hit des Vorjahres, "Stranger Things", gerade einmal 4%.

Aber es kommt noch besser: 54,7% der "Iron Fist"-Gucker ließen sich zum "Bingewatching" verleiten und guckten gleich drei Folgen oder mehr am Stück. Auch das ist der beste Wert dieses Jahres- und normalerweise ist es für die Streaming-Dienste der aussagekräftigste Qualitäts-Maßstab überhaupt.

Auch bei Amazon sind Kritik und Zuschauer oft nicht der gleichen Meinung. Vielleicht fehlt Kritikern ja einfach das "kleine Jungs-Gen", welches man haben muss, um Marvel-Produkte zu mögen. Zumindest aber diejenigen, die den "Iron Fist"-Hauptdarsteller Finn Jones in ziemlich übler Weise rassistisch angingen, weil er ihnen "zu weiß" war, sollten dringend wie Danny Rand mal so für ein Jahrzehnt zur Selbstfindung in ein entlegenes Kloster in Asien.

So würde in den Medien Platz frei für andere, um die kommenden "Defenders" zu kritisieren. Andere, die vielleicht das "kleine Jungs-Gen" und damit den Spaß an Marvel-Märchen zumindest noch nachfühlen können. Und die "alten" Kritiker kommen ja irgendwann auch mit einer dann viel schlagkräftigeren Faust zurück.

Die Zuschauer jedenfalls, so befürchte ich, haben sich ihre Meinung zu den "Defenders" schon längst gebildet. Auch ohne irgendetwas davon gesehen zu haben.

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