Immer schön zynisch lächeln: Deutschland und Vox feiern "Echo 2017"

Es gab auch Gewinner beim "Echo 2017" Foto: Vox

Maybe I'm foolish 
Maybe I'm blind 
Thinking I can see through this 
And see what's behind 
Got no way to prove it 
So maybe I'm blind 
But I'm only human after all 
I'm only human after all 
Don't put your blame on me 
Don't put your blame on me

Auch der "Rag'n'Bone Man" war dabei. Und hat sogar gleich zwei "Echos" bekommen. Als "Newcomer International" und mit "Human" gewann er dazu noch die Kategorie "Künstler international". Und er sang auch gleich das passendste Statement des Abends. Aber eben nur in englischer Sprache.

Das passt dann vielleicht doch wieder nicht. Denn trotz des "Rag'n'Bone Man" war dieser Abend sehr deutsch. Nach der Veranstaltung 2016 wollte die ARD ja den Musikpreis "Echo" nicht mehr. Mit "Frei.Wild" hatte es wohl einen politisch zu unkorrekten Gewinner gegeben und überhaupt sei die Veranstaltung "erschöpft und müde", so hieß es damals.

Nun ja. Vox war jedenfalls in die Bresche gesprungen und wurde wohl im ersten Anlauf auch nicht richtig glücklich. Der ECHO wird von der Deutschen Phono-Akademie, dem Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) vergeben. Vielleicht erfreut deshalb ja wenigstens das Lob von BVMI-Geschäftsführer Dr. Florian Drücke die Sender-Verantwortlichen: "Ein rundherum guter Abend für die Branche, der mit einem ausgesprochen stimmungsvollen Nominierten-Dinner anfing, was sich in der Show mit vielen sehr emotionalen Momenten fortsetzte. Schon jetzt ein ganz herzlicher Dank an unseren neuen Senderpartner Vox und an das gesamte Team für die gute Zusammenarbeit und für einen spannenden, tollen Abend!" Aber die Einschaltquoten. Sie waren wieder mal höchstens so mittel.

Es ist eben alles eine Frage der Erwartungen. So eine Award-Show aufzuzeichnen und dann einen Abend später zu "versenden" ist nicht ganz unproblematisch. Zwar ist das eine schöne Gelegenheit, um die bei einem solchen Abend anscheinend unvermeidlichen Längen herauszuschneiden und das Ganze so etwas zu straffen. Aber die Zuschauer wissen ja nun schon, wer gewinnt. Warum sollten sie noch zuschauen?

Okay, wegen dem "Rag'n'Bone Man". Oder um zu sehen und zu hören, wie "Tote Hosen"-Frontmann Campino Jan Böhmermann als "cooles Arschloch" bezeichnet. Um dann später dem "Spiegel" zu erklären, dass der Präsidenten-Beleidiger so direkt gar nicht gemeint gewesen sei. Es ginge ihm nur um "diese Art von Typen, die lächelnd und mit zynischen Gags versuchen, Leute kleinzureden, die sich engagieren".

Kann es sein, dass es jemand noch nicht weiß? Eigentlich nicht. Keine Ahnung, warum- vielleicht war es der Ärger darüber, dass "Deutschlands Beste" nicht mehr beim ZDF gesucht werden, aber Jan Böhmermann hatte sich in seinem "Neo Magazin Royale" anlässlich des "Echo" einmal prinzipiell mit dem Zustand der deutschen Musikindustrie beschäftigt. Und es war nicht so lustig. Na ja- jedenfalls nicht für alle, nur für das Publikum:



Wie man hört, will Max Giesinger nicht den Erdogan-Weg gehen und Jan Böhmermann verklagen. Und Böhmermann hat ja auch irgendwie Recht- wenn Udo Lindenberg mit 70 in den virtuellen Plattenläden der Neuzeit den deutschen Nachwuchs immer noch an die Wand nuschelt, ohne sich dabei irgendwie anstrengen zu müssen, dann stimmt etwas nicht.

Vielleicht ist es aber nicht die fehlende "Haltung" bei den deutschen Sangeskünstlern, die Böhmermann anmahnt. Da klingt er so müde und erschöpft wie die SED-Funktionäre, die uns einst den Udo ausreden wollten und statt dessen ihre FDJ-Sängerknaben anpriesen. "Haltung" und "Politik" fehlt ja auch gar nicht- "Frei.Wild" hätte da durchaus ein Angebot und Campinos "Tote Hosen" haben erst kürzlich in Dresden unangekündigt "gegen Pegida" gerockt.

Gute Musik kennt aber keine Haltungsnoten. Sie wird gut, wenn sie die Gefühle der Zuschauer anspricht. Und die sind zum Glück überwiegend unpolitisch.

Ja, Böhmermann kritisiert zu Recht. Aber vielleicht ist der nächste Udo ja schon längst "irgendwo da draußen". Und traut sich nur nicht in die deutsche Öffentlichkeit, aus Angst vor den zahllosen Typen, die lächelnd und mit zynischen Gags versuchen werden, sich auf seine Kosten zu profilieren und ihn lächerlich zu machen. Nur bessere Lieder würde diese coole und neue "Humor"-Industrie auch nicht schreiben.

Auch der neue Udo ist schließlich "only human after all", wurde nicht perfekt wie Jan Böhmermann geboren und hat vielleicht nur so ein paar Ideen. Und will nach reiflicher Überlegung mit dieser so schäbigen neuen deutschen Medien-Öffentlichkeit nichts zu tun haben. Sollte er statt dessen schon die für die Branche notwendige Teflon-Schicht wie Max Giesinger haben, wird es wahrscheinlich trotzdem nichts. Denn die coole und tolle Medien-Industrie, die jeden Gag von Böhmermann tagelang feiert, würde ja, wie Marius Müller Westernhagen als Echo-Preisträger für's "Lebenswerk" im Interview richtig anmerkte, den "neuen Jimi Hendrix" in ihren "Formatradios" nirgends spielen. Und, so denke ich: Einen leicht schwankenden Sänger mit "alles klar auf der Andrea Doria" gewiss auch nicht.

Campino hat auch Recht. Nur das "cool" hätte er vielleicht weglassen können. Und, ach ja: Vox, gebt bitte nicht auf und macht weiter.

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