Steffen hat Angst vor "Generationenabriss". Ich habe Angst um "funk".

MDR-Zentrale Leipzig Foto: MDR

Ach ja, die "Gremien". Sie tagen. Nicht immer hört man davon, aber manchmal schon. Der MDR-Rundfunkrat hatte auch wieder eine Sitzung und jetzt habe ich Angst. Denn Steffen, also Steffen Flath, der Vorsitzende des MDR-Rundfunkrats, ist uns nun innerhalb weniger Tage schon zum zweiten Mal irgendwie aufgefallen.

Auf die Idee, dass wir mit mehr Rundfunkbeitrag unsere Demokratie stärken, muss mann auch erst einmal kommen. Jetzt wird mir auch klar, warum der MDR gerade 126 neue Folgen der Seifenoper aus der Sachsen-Klinik "In aller Freundschaft" bestellt hat. Oder das ZDF ein Special der "Rosenheim Cops" in Spielfilm-Länge. Beide Produktionen sind Quoten-Erfolge, keine Frage. Aber wie stärken die dafür aufgewendeten Millionen an Rundfunkbeitrag die Demokratie?

Ganz einfach, so würden böse Populisten sagen. Bis zu dem Moment, in dem der Zuschauer ungewollt in Kontakt mit den realen Welten in deutschen Polizei-Stationen oder in Kliniken für Kassen-Patienten gerät, ist die Demokratie noch in Ordnung. Danach hat er dann vielleicht einen "Generationenabriss". Oder so.

Das ist natürlich Unsinn. Denn erst einmal ist ja nichts Schlechtes daran, dass viele Leute beim Fernsehen auch einfach nur ein wenig Entspannen oder ruhig einschlafen wollen. Und etwas heile Welt hilft halt vielen dabei. Nur droht so eben der "Generationenabriss". Denn so wie in der heilen Welt von früher funktioniert Fernsehen nicht mehr.

Als ich klein war, gab es keinen "Generationenabriss". Opa hatte den Fernseher finanziert und damit das Recht der ersten Programmwahl. Opa mochte den "Blauen Bock" und "keine Ami-Filme". Und meine Generation wurde ganz einfach unterrichtet: "Entweder guckste mit oder gehst raus." Damals gab es viel weniger Demokratie und die Rundfunkgebühr lag wahrscheinlich deshalb bei umgerechnet weniger als fünf Euro für einen ganzen Monat.

So war ich sehr viel draußen an der "frischen Luft" und wurde ein rundum gesundes Kind. Heute hätte ich mindestens ein Smartphone. Vielleicht gar ein Ipad. Und YouTube. Oder sogar das Netflix-Passwort von wem auch immer. Der "Blaue Bock" hätte den "Generationenabriss" und ich Gewichtsprobleme schon mit zwanzig.

Was lernen wir daraus? Na klar: Früher war alles viel besser. Bis auf die Demokratie. Und die "Blauer Bock"-Sender haben ein Problem. Aber dafür gibt es ja jetzt "funk".

"funk", das junge Angebot von ARD und ZDF, überzeugt Monat für Monat immer mehr Nutzer auf den verschiedenen Plattformen in der Netzwelt. So lernen wir es jedenfalls aus einer MDR-Pressemitteilung. Der "funk"-Programmgeschäftsführer Florian Hager zeigte sich bei einer Präsentation des Angebotes in einer Sitzung des MDR-Rundfunkrates sehr zufrieden mit der Entwicklung der "kreativen Medien-Plattform": "Wir erreichen diejenigen, die wir uns vorgenommen hatten, zu erreichen- und wir erreichen viele davon, auch wenn wir wissen, dass wir erst ganz am Anfang unserer Entwicklung stehen". Seit dem Start am 1. Oktober 2016 hätten alle Inhalte von "funk" zusammen genommen 65 Millionen Abrufe auf YouTube verzeichnet und weitere 28,4 Millionen auf Facebook. Allein im Januar dieses Jahres kamen 15 Millionen Abrufe auf YouTube hinzu. Vier Angebote von "funk" seien für den renommierten Grimme-Preis nominiert, der in wenigen Tagen verliehen wird.

Alles toll. Oder? Na ja. Statt "funk"-Programme zu machen oder zu organisieren, muss der Florian Hager von "funk" offenkundig ständig durch die Gremien reisen, um seine Abrufzahlen zu "präsentieren". Es ist an der Zeit, Angst zu haben- um "funk". Denn schöner als Steffen, der ja gerade auch dem ARD-Rundfunkrat vorsitzt, kann man Bedrohungen nicht formulieren. Siehe Rundfunkbeitrag und Demokratie.

"Die ARD wollte mit diesem neuartigen Angebot junge Leute für qualitätsvolle Inhalte, seriösen Journalismus und intelligente Unterhaltung gewinnen und dabei Kreativität und Innovationskraft einsetzen", so Steffen Flath. "Ein halbes Jahr nach dem Start wissen wir: das Konzept ist aufgegangen. Grimme-Preis-Nominierung und zugleich millionenfache Abrufzahlen im Netz sind ein deutlicher Beleg dafür, dass Qualität und Attraktivität zusammen gehen".

Mein Tipp jetzt für Florian Hager: Ruhig bleiben. Er findet bestimmt nicht heraus, welche Videos bei "funk" wirklich funktionieren.

Aber es kommt noch viel bedrohlicher: Die Gremien hätten ein besonderes Interesse an dem neuartigen öffentlich-rechtlichen Netzangebot, so Flath, weil es Hinweise darauf gebe, wie einem befürchteten Generationenabriss begegnet werden könne. Deshalb wollten die Gremienmitglieder auch weiterhin das Projekt "intensiv begleiten". Der MDR-Rundfunkratsvorsitzende: "funk gehört gewiss zu den spannendsten Antworten auf die Fragen nach der Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks".

Arghhh... Viel Spaß jetzt noch bei "funk", Florian Hager. Das habt ihr nun von eurer "Demokratie". Wenn die "funk"er jetzt nicht irgendwann ein wenig diktatorisch "Entweder guckste mit oder gehst raus" sagen können, werden sie an gut gemeinten Ratschlägen sterben. Und das wäre schade- sogar um einige "qualitätsvollen Inhalte". Denn so gut wie der da hätte ich dieses Problem auch gern erklärt:

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