Erfolg oder nicht? Das RTL-Dschungelcamp und seine Quoten

Foto: RTL / Stefan Gregorowius

Welkt er? Oder welkt er nicht? Das ist die Frage aller Fragen, die Fernseh- wie auch Werbe-Deutschland am Anfang eines Jahres verlässlich in Atem hält. Aus Sicht von RTL welkt da natürlich gar nichts und der Dschungel blüht prächtiger denn je. Und das stimmt ja auch, die Quoten sind grandios. Oder?

Deutschland bleibt im Dschungelfieber, so meldet es uns jedenfalls der Sender: Insgesamt 5,75 Millionen (Marktanteil: 28,6 %) sahen zum Beispiel gestern Abend ab 22.15 Uhr die fünfte Folge der aktuellen Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". In der Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen erreichte die Show damit sehr starke 36,8 Prozent Marktanteil (4,31 Mio.). Damit war das RTL-Dschungelcamp auch am Dienstag das erfolgreichste Programm im deutschen Fernsehen.

Deutschland ist und bleibt aber Deutschland, also muss man nicht lange suchen- irgendwo ist immer auch der warnende Zeigefinger. "Meedia" zum Beispiel fragt sich auf Grundlage der gleichen Zahlen, ob der allseits geliebte Dschungel nicht vielleicht in einer "Quotenkrise" steckt. Und der "Stern" meldet, dass "BILD" meldet, dass für die "Dschungelprüfungen" in Wahrheit "fast niemand" mehr anruft.

Ein Rätsel. Was nun?

RTL hat Recht. 5,75 Millionen Zuschauer für diese Sendung sind grandios. Meedia hat Recht. Bisher waren doch mehr als sechs Millionen die Regel und 5,75 Millionen ist der schlechteste Wert seit zwei Jahren, für einen Werktag sogar seit sieben Jahren. Was nun? Eines steht auf jeden Fall fest: Das Interesse der Medien am "Dschungelcamp" ist zweifelsfrei ungebrochen. Auf den "Markt" dagegen, dessen "Anteile" für RTL man wild diskutiert, fällt dagegen nur sehr wenig Licht.

Warum ist das so? Erstens ist ein schwieriges Thema. Und zweitens: Was würde passieren, wenn der Dschungel welkt? Na ja- das wäre bitter für RTL. Es gibt aber tatsächlich jemanden, der den Erfolg von "IBES" noch dringender braucht: Die Werbe-Industrie.

Denn der Quoten-Widerspruch beim Dschungelcamp, so denkt jedenfalls "Netz-TV", hat zwei Ursachen. Na klar, werden jetzt alle sagen: Netflix und Amazon. Wenigstens bei der zweiten Ursache können wir aber eine Überraschung bieten: Denn der zweite Grund sind: Netflix und Amazon.

Natürlich waren auch gestern Abend wieder potentielle Dschungel-Zuschauer bei der neuen Konkurrenz unterwegs. Egal, ob "The Crown" bei Netflix oder "The Man in the High Castle" bei Amazon: Einige haben gefehlt. So viele, wie man oft denken möchte, sind es vielleicht noch gar nicht. Aber der Gesamt-Markt, dessen "Anteile" so wild diskutiert werden, er bröckelt. Spätestens nach zehn Minuten "Dschungel" wird mir immer langweilig. Und Netflix oder Amazon sind stets mit ihren Alternativen auf Tastendruck bereit.

Die Streaming-Angebote locken aber nicht nur Zuschauer weg. Viele haben durch sie neu gelernt, wie schön eine Serie oder ein Film ohne Werbeunterbrechung ist. Die Akzeptanz für Fernseh-Werbung sinkt deutlich- das ist nicht nur, aber auch eine Folge von Netflix und Amazon. Und dies ist zumindest kurzfristig bedrohlicher für das "alte" Fernsehen als hier und da weggebliebene Zuschauer. "Was? Schon wieder Werbung?" Dann lieber "In aller Freundschaft" auf ARD. Nein, nicht nur "die älteren Zielgruppen". Gerade von jüngeren höre ich das immer mehr.

Es ist fast schon rührend, wenn Werber-Guru Thomas Koch in der Wirtschaftwoche die Renaissance des "analogen Fernsehens" gegen die Streaming-Dienste beschwört. "Analog und digital" verstehen sie nicht. Er beschwört mit "analog" sicher eher die gute alte Zeit der "Mad Men" und damit das traditionelle lineare Fernsehen. Die Werbekunden sehen die Echtzeit-Daten, die sie über die Zuschauer bei einem Werbespot auf YouTube erhalten. Und stellen erst einmal nur Fragen. Aber hinter den Kulissen tobt längst eine riesige Schlacht um verdammt viel Geld.

Wer wird nun Dschungelkönig? Zuerst einmal mit Sicherheit RTL. Denn bei der Quote ist es egal, ob es nun fünfkommanochwas oder sechs Millionen sind. Wegen dem angenehmen Dialekt bin ich für Hanka Rackwitz. Vermutlich würde ich dort auch Bäume umarmen. Aber anrufen oder gar bei "TV Now" kostenpflichtig Dschungelcamp-Folgen vom Vorjahr anschauen- das mache ich nicht.

Kommentare

Aktuell meist gelesen: