Danke, Netflix: Wir werden 2017 auf allen Kanälen mehr sehen denn je.

Foto: obs / Sky Deutschland / Steffan Hill

"Fortitude" geht weiter. Die zweite Staffel der Thriller-Serie vor arktischer Kulisse gibt es ab 26. Januar bei Sky zu sehen. "Die herausragende Eigenproduktion von Sky fasziniert auch in der zweiten Staffel mit vielen Schockeffekten, Überraschungen, einer wendungsreichen Story und vielen neuen Rätseln. Hochkarätige Neuzugänge wie Dennis Quaid, Michelle Fairley und Parminder Nagra bereichern die exzellente Besetzung um Sofie Gråbøl und Richard Dormer", so freut sich Peter Schulz, "Senior Vice President Programming & Planning" bei Sky Deutschland.

Das wäre in der "Vor-Netflix-Zeit" sehr wahrscheinlich noch anders gewesen. Denn die erste Staffel von "Fortitude" war nicht schlecht, nein- aber "eines der am meisten erwarteten TV-Ereignisse des Jahres", wie angekündigt, war die Serie 2015 dann doch nicht. Die Zuschauermeinung bei IMDb & Co. ist am besten mit "okay, geht so" beschrieben und das war es dann auch. "Fortitude" ist keine billige Produktion, da arbeiten internationale Stars und Vollprofis und die Drehorte sind nicht für preiswerte Dienstleistungen oder Filmsubventionen bekannt. Die Kosten-Kontrolleure der Industrie hätten einst die Serie wohl als leichte Trophäe von einem ihrer Jagdausflüge auf "unnütze Ausgaben" mit zurück gebracht. Mit dem nur schwer zu widerlegenden Argument: "Wenn uns nichts billigeres einfällt, na, dann wiederholen wir halt was."

Noch im Start-Jahr von "Fortitude" war eine der meist diskutierten Aussagen der globalen TV-Branche die von "FX Networks"-CEO John Landgraf. Der "Peak TV" sei jetzt erreicht, so meinte er, und noch mehr Serien pro Jahr könne die Branche kaum sinnvoll produzieren. Schon ein Jahr später revidierte er sich und erwartet den "Peak TV" jetzt "spätestens 2019". Ich bin mir da nicht so sicher. Landgraf kommt aus einer Branche, die es gewohnt war, die Marke ihrer Sender vor allem auch durch Dinge wie "Empfang", "Zugang" oder "Quoten" zu definieren. In der neuen Fernsehwelt, deren Tore vor allem Netflix geöffnet hat, spielt das keine Rolle mehr. Es gibt eine unüberschaubare Flut von Anbietern und immer problemloseren Zugang zu allem. Und die einzige Möglichkeit, sich vom Wettbewerb zu differenzieren, ist exklusives Qualitäts-Programm.

Sky hat das längst begriffen. Und bietet jetzt auch selbst (mit)produziertes wie "Die Medici-Herrscher von Florenz". Und eben "Fortitude". Es reicht nicht mehr aus, sich auf den Einkauf und die großen HBO-Produktionen wie "Game of Thrones" oder "Westworld" zu verlassen. Auch Sky produziert deshalb jetzt mit und sogar vorsichtig in größeren Anteilen selbst.

Auch wenn sich die Controller allseits noch schwer tun: Nicht nur bei Sky ist die Erkenntnis längst durch. Es braucht ja auch seine Zeit und allerhand Vorarbeit, bis ein neues Werk wirklich die Bildschirme für uns alle sichtbar erreicht. Ich glaube nicht an den "Peak" von Herrn Landgraf. Denn nur selbst produzierte Serien und Filme können noch eine Marke auf den Bildschirmen der Zukunft erschaffen. Eine komplette globale Branche wird die Produktions-Maschinerie erst noch richtig anwerfen und weder auf die Controller noch auf Herrn Landgraf hören. Es gibt da einen sehr starkes Motiv: Die Angst.

Wer genau auf die TV-Branche schaut, sieht ein glanzvolles Schiff, auf dem steht "Titanic" drauf. Die Kapelle spielt noch und der Hummer wird frisch serviert. Aber von unten, aus Richtung Maschinenraum, gibt es komische Geräusche. Und die Produktion eigener Serien und Filme, die das Publikum liebt- sie ist das Rettungsboot.

Wer noch genauer hinschaut, sieht sie alle schon zum Notausgang drängeln. Der US-Trend hat Europa erreicht. RTL produziert plötzlich aufwendige Sachen wie die Geschichte der "Dassler-Brüder" oder "Winnetou" und hat typisch Deutsches wie eine geplante Hitler-Serie gestrichen. Themen, zu denen sonst alles erzählt ist, überlässt man finnischen Spezialisten. Und sucht statt dessen nach neuen und interessanten Geschichten für das unterhaltungslustige Publikum.

Sogar auf öffentlich-rechtlichen Sendern ist man vor Qualität nicht mehr sicher. Auch wenn es noch ein verdammt langer Weg ist- selbst auf dem "Traumschiff" stehen die Tische längst schief. ProSiebenSat.1 schenkt jetzt "Maxdome" eine eigene Serie. "Jerks" mit Christian Ulmen gehört aus von Vorurteilen geprägter Netz-TV-Sicht zwar eher in die Rubrik "Dinge, die die Welt nicht braucht": Aber es ist das Beginnen, was zählt.

Für Freunde großartiger Serien und Filme ist es an der Zeit, Netflix einmal "Danke" zu sagen. Konkurrenz belebt das Geschäft- es ist wahrer denn je. 2016 war für uns ein großartiges Jahr und 2017 verspricht, noch besser zu werden. Na ja, wenn uns der Trump nicht versehentlich in die Luft sprengt. Aber Politik ist doch auch nur ein finnischer Film.

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