"Solo für Weiss" vor dem "Weinberg": Ein Abend gutes Fernsehen in Serie

"Solo für Weiss- Das verschwundene Mädchen" Foto: ZDF / Simon Vogler

Ich weiß nicht. Vielleicht war das gestern auch ein historischer deutscher Fernsehabend. Nein, nicht wegen dem da. Sondern, weil man ein ganzen Abend lang deutsches Serien-Fernsehen schauen konnte. Also anschauen, nicht nur schauen. Krimis. Nein, nicht wie an den anderen 364 Tagen im Jahr. Sondern gutes Handwerk auf hohem Niveau.

Das ist so ungewöhnlich, dass man darüber eigentlich schreiben muss. Ja, es gibt aller Jubeljahre auch mal etwas Gutes im Fernsehen aus Deutschland. Die Normalität aber ist eher trist.

Begonnen hat der erstaunliche Vorfall mit dem zweiten Teil von "Solo für Weiss" im ZDF. "Die Wahrheit hat viele Gesichter"- ja, so ist es und "Solo für Weiss" hat natürlich zuerst einmal das von Anna Maria Mühe. Also schauspielerisch schon einmal eine Klasse für sich. Sie ist als "LKA-Zielfahnderin" auf der Jagd nach verschwundenen Mädchen. Also eigentlich nur ein Krimi von gefühlt ungefähr Tausend- allein im ZDF.

Was war da so anders? Das zu beschreiben, sprengt hier den Rahmen. Man muss es gesehen haben. Anna Maria Mühe, na klar. Ein Drehbuch ohne Schablonen, manchmal sogar überraschend und spannend. Tolle Bilder durch Kamera-Arbeit auf sehr hohem Niveau- modern, aber ohne unnötige Spielereien. Und natürlich auch die Regie. Denn das außergewöhnlich gute Ergebnis entstand aus dem perfekten Zusammenspiel von allem.

Am Tag davor gab es bei RTL neue Folgen von "Bones". Das ist US-Serienware aus der Massenproduktion auf handwerklich großartigem Niveau. Also so etwas wie ein Standard. "Solo für Weiss" war fast durchgehend besser. Viele andere deutsche Produktionen, auf die das ebenfalls zutrifft, fallen mir gerade nicht ein.

Das war aber noch nicht alles am gestrigen Abend. Auf Vox feierte die Eigenproduktion "Weinberg" des Pay-TV-Senders "TNT Serie" ihre Premiere im Free TV. Auch die ist deutsch. Und so ganz anders. Dafür gab es schon einige Auszeichnungen- unter anderem eine Nominierung für den "Deutschen Fernsehpreis" in der Kategorie "Beste Serie". Einen Sendeplatz auf Vox. Mit dem "Club der roten Bänder" haben die damit sogar schon zwei deutsche Aushängeschilder im Programm. Erstaunlich. Wenn es noch mehr wird, müssen irgendwann vielleicht erste Köche zurück an den Herd in der Gaststätte. Wollen wir das? Eigentlich schon.

Auch von der Kritik wurde "Weinberg" schon fast mit Lob überhäuft. Denn es ist zwar ein Krimi. Aber auch "Mystery". Eine Disziplin, die deutsche Serienmacher anscheinend gar nicht kennen. Und für einen ersten Versuch ist "Weinberg" nicht schlecht gemacht.

Okay, im "Weinberg" wird kein Klischee ausgelassen. Graue Nebel wallen und versperren die Sicht. Der Held hat meist keine Ahnung, was los ist. Dorfbewohner sind immer irgendwie unheimlich. Es gibt einen asiatischen Pfarrer, der eigentlich gar kein Deutsch kann. Und eine stilechte Gestapo-Lederjacke für böse Bürgermeister ist Pflicht.

Aber das ist Meckerei auf hohem Niveau. Denn gute "Mystery" braucht ihre Klischees. Die Wahrheit muss immer irgendwo "da draußen" liegen. Zombies und Monster sind böse und müssen im Dunklen auf Unschuldige lauern. Und Nebel- na ja, ohne Nebel geht gar nichts. Nebel ist Pflicht.

"Weinberg" ist spannend, überraschend und unterhaltsam. Mystery ist ein weltweit erfolgreiches Genre. Und mehr braucht Mystery nicht.

Vielleicht doch noch etwas: Auch in der ausweglosesten Situation brauch der Held eine Hoffnung. Zwei Schwalben allein an nur einem Abend bringen noch nicht wieder den Sommer. Aber sie sind vielleicht ein Indiz. Ganz hoffnungslos ist die Situation der deutschen Serie nicht.

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