Not macht erfinderisch: Amazon first - und "Deutschland 83" geht weiter

Foto: Amazon, © RTL / Nik Konietzny

Bevor Kevin Spacey ins "House of Cards" einziehen konnte und damit quasi zum Vater des neuen "Streaming TV" und Begründer der Netflix-Legende wurde, musste er auch weniger präsidiale Rollen spielen. Zum Beispiel in "Father of Invention". Der Filmtitel lässt sich nur schwer griffig ins Deutsche übersetzen. So wurde daraus "Selfmade-Dad" - Not macht erfinderisch" und das lässt ungefähr erahnen, was im Original mit nur drei Wörtern gemeint ist. Die Kritiken für die Komödie waren eher so mittel. Trotzdem gibt es den Film von 2010 jetzt neu auf BlueRay und DVD. Vielleicht bewerten Publikum und Kritik das Werk ja nun noch einmal neu.

Not macht erfinderisch. Das trifft jetzt sogar auf große deutsche Fernsehsender zu. Was ja irgendwie auch nicht nur bedenklich, sondern auch ein wenig hoffnungsvoll ist. RTL zum Beispiel hat mit den Serien so seine liebe Not. Eigentlich sogar das gesamte werbefinanzierte Fernsehen. Kevin Spacey und das "House of Cards" haben die Zuschauer auf eine Idee gebracht. Die Idee, dass "horizontal" erzählte Serien toll sind- aber nicht im "klassischen" Fernsehen mit Werbeunterbrechung. Sondern ununterbrochen am Stück, am besten in der am wenigsten unterbrochenen Form überhaupt, dem "Binge-Watching".

Aktuell war RTL gerade in Entscheidungsnot. Über "Deutschland 83". Eine echte deutsche Qualitäts-Serie. Viel gelobt, oft ins Ausland verkauft. Die Geschichte fand dort für ein deutsches Werk außergewöhnlich viele Zuschauer und ist jetzt sogar ein ernsthafter Anwärter für den internationalen "Emmy". Bei Serien also ein klarer Kandidat für weitere Staffeln. Aber solche Produktionen sind teuer. Und die Quote bei der Ausstrahlung im RTL-Programm war ziemlich mau.

"RTL ist werbefinanziert, braucht also kein Programm, sondern ein 'Werbeumfeld'. Und dafür sind wirklich gute Serien eigentlich völlig ungeeignet." So stand es hier im Blog zu diesem schwierigen Ergebnis und das Problem wird eher immer schlimmer als besser. Keine Ahnung, wer als Erster erfinderisch wurde und auf die fulminant neue Idee kam. Vielleicht war es wie so oft: Einer, der sonst wenig sagt in der Runde, rief plötzlich "Kooperiert doch!". Und plötzlich war eine Lösung da.

Denn was nun vereinbart wurde, könnte insbesondere für deutsche Serienproduktionen wegweisend sein. RTL lässt Amazon für seine "Prime"-Kunden bei "Deutschland 83" den Vortritt. Und Amazon steigt im Gegenzug finanziell entscheidend in die Produktion ein. "Mit der neuesten Zusammenarbeit von Amazon, RTL Television, FremantleMedia International und UFA wird ein langersehnter Wunsch wahr. Der jetzt gefundene Abschluss ist ein Meilenstein in der Geschichte der Koproduktionen, der auf Jahre hinaus die Standards neu definiert", so Nico Hofmann, Co-CEO der UFA. Na ja. Ob der Abschluss "auf Jahre hinaus die Standards neu definiert", vermag ich nicht zu beurteilen. Aber eine neue und gute Idee ist jetzt in der Welt. Und macht vielleicht den Weg für mehr und andere Produktionen frei.

So wird aus "Deutschland 83" nun "Deutschland 86". Drei Jahre später nimmt die Serie die Geschichte des ostdeutschen Agenten Martin Rauch (Jonas Nay) und seiner Genossen der HVA in Staffel zwei wieder auf. Und es war ein ereignisreiches Jahr. Falco erobert mit seinen Popsongs die ganze Welt, Argentinien wird Weltmeister, Gorbatschow lockert in der Sowjetunion die Zügel, und in der DDR regiert die zunehmende Verzweiflung. Martin wurde nach Afrika verbannt, bis seine Tante Lenora ihn für das letzte Aufbäumen des Kommunismus wieder ins Feld schickt. Vor dem Hintergrund wahrer Ereignisse während des "Sommers der Angst", als der Terrorismus in Westeuropa wütete, führt Martins Mission ihn nach Johannesburg, Tripolis, Paris, Westberlin und schließlich zurück nach Ostberlin, wo er neuen Realitäten ins Auge sehen und eine unmögliche Entscheidung treffen muss.

Eine bisher fast unmögliche Entscheidung war sicher auch diese: Die neuen Folgen werden voraussichtlich 2018 zuerst bei Amazon Prime Video zur Verfügung stehen. Auch RTL kann die neuen Folgen von "Deutschland 86" zeigen. "First-Look-Option" nennt sich das, für "die lineare Ausstrahlung". Aber eben erst später. Den wirklich ersten "First Look" bekommt Amazon für seine Abonnenten im Streaming-TV.

"Nach dem Amazon Original 'You Are Wanted' und Michael Bully Herbigs 'Bullyparade - Der Film' ist 'Deutschland 86' die nächste deutsche Produktion, die exklusiv bei Amazon Prime Video verfügbar sein wird", so jubelt Dr. Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Video Deutschland. "Deutsche Serien und Filme haben für unsere Kunden einen hohen Stellenwert. Wir freuen uns, unser Engagement in der deutschen Produktionslandschaft weiter auszubauen und unseren Kunden großartige neue Inhalte bieten zu können."

Für RTL war das mit Sicherheit ein verdammt großer Schritt. Man ist es dort eigentlich nicht gewöhnt, bei großen Projekten nur als Junior-Partner zu agieren. Aber gerade für deutsche Serien könnte dies ein beispielhafter Weg sein, um ihnen ein Budget zu ermöglichen, welches dann wiederum den Zugang zur internationalen Vermarktung und den daraus möglichen Einnahmen überhaupt erst eröffnet. Und damit ganz andere Produktionen erreichbar macht.

Denn es könnte auch ganz anders kommen. Zum Beispiel, wenn das eigentlich Unmögliche passiert und "Winnetou" bei RTL demnächst den Quoten-Tod stirbt. Und die Privaten uns Serien-Fans irgendwann mit minderwertigen öffentlich-rechtlichen Produktionen allein im Regen sitzen lassen.

Alle Folgen der ersten Staffel "Deutschland 83" sind nun ab sofort bei Amazon Prime im Programm. Not macht erfinderisch. Das soll jetzt kein Wunsch sein. Aber vielleicht brauchen wir in Deutschland manchmal einfach nur ein wenig mehr davon.

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