Sie kommen in Frieden- und sind jünger als 29: Die Zielgruppen-Aliens


Gut, dass ich schon älter bin. Ich kenne Stanislaw Lem und seinen wegweisenden Science Fiction-Klassiker "Eden". Wäre ich 29 Jahre alt oder weniger, dann wäre das eher unwahrscheinlich. Und ich hätte langsam so etwas wie Verfolgungswahn. Denn Zuschauer unter 29 werden gnadenlos gejagt. Von den Fernsehmachern. Dabei wollen sie doch nur schauen, was ihnen gefällt, wo es ihnen gefällt und wann es ihnen gefällt. Ist das so schwer zu verstehen?

In "Eden" landet ein irdisches Raumschiff unsanft auf einem unerforschten, aber bewohnten Planeten. Da die Mannschaft Zeit für die Reparatur benötigt, muss sie sich notgedrungen auch mit den Verhältnissen vor Ort befassen. Dabei schlittert sie schrittweise in den Krieg mit den Einheimischen, obwohl keine der beiden Seiten irgendwie feindlich gesonnen ist. Sie interpretieren nur die Handlungen der jeweils anderen aus ihrer eigenen Erfahrungswelt heraus. Und liegen dabei vollkommen falsch. Sie sind nicht dazu in der Lage, sich zu verstehen- obwohl sie es doch so dringend wünschen.

Erst gegen Ende des Romans schafft ein neugieriger Alien-Wissenschaftler so eine Art Brücke. Für die Fernsehsender sind die Zuschauer im Alter von 14 bis 29 Jahren offensichtlich völlig unverständliche Aliens. Und der "Jugendkanal" von ARD und ZDF soll ab Oktober wohl eine Brücke der Verständigung errichten.

Die Medienanstalten haben gerade ihren "Digitalisierungsbericht" 2016 vorgelegt. Und der enthält viele von "TNS Infratest" ermittelte erstaunliche Zahlen. Zum Beispiel schauen mittlerweile nur noch 49 Prozent, also weniger als die Hälfte der 14 bis 29-jährigen täglich oder fast täglich klassisches Fernsehen. Bei den 14 bis 19-jährigen sogar nur noch 41 Prozent.

Was soll's, werden da viele der ebenfalls wie ich meist älteren TV-Verantwortlichen sagen. Hach ja- als ich so jung war, hatte ich auch noch Besseres zu tun als Fernsehen. Ja, wir Ältere sind oft geneigt, die Vergangenheit zu verklären. Denn noch vor wenigen Jahren war es ganz anders. Tägliches Fernsehen war auch für die 14 bis 29-jährigen so selbstverständlich wie Zähne putzen.

Und auch die Jungen von heute glotzen- nur online und wo anders. 53,3 Prozent, also mehr als die Hälfte, bei YouTube. 46,4 Prozent nutzen Online-Videotheken wie Amazon, Netflix und Co. Immerhin 44,6 Prozent nutzen Mediatheken von Fernsehsendern. Eine erste Brücke. Und schon kommt die erste unverständliche Überraschung der Aliens: 35,5 nutzen öffentlich-rechtliche Mediatheken, aber nur 28,0 Prozent die der Privaten. Häh? Wie war das doch mit den Privaten und der jungen Zielgruppe?

Und noch obendrauf: Nicht nur die Jüngeren- auch bei den Zuschauern insgesamt gibt es für die TV-Macher ziemlich unheimliche Tendenzen. Nur 13,4 Prozent von ihnen nutzen die privaten Mediatheken. Und die Nutzung ging gegenüber dem Vorjahr sogar um 19 Prozent zurück. Zuviel Werbung, DSDS und Reality und zu wenig Game of Thrones? Ist nur eine böse Spekulation. So wie die Sache mit dem HDplus der Privaten. Erst 53 Prozent der Gesamtzuschauer schauen HDTV, das sind 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Und gerade mal 19,8 Prozent schauen Privatsender in HD. Und deren Zahl stieg gegenüber dem Vorjahr um gerade einmal ein Prozent.

Zahlen, Zahlen, Zahlen... Noch mehr Interessantes? Netflix ist entgegen allen Unkenrufen jetzt auch in Deutschland rasant auf dem Vormarsch. Bei den Nutzern von Online-Videoabos legte Netflix innerhalb eines Jahres um stolze 150 Prozent zu. Die Ausgangsbasis war allerdings nicht so toll. Aber immerhin ist Netflix in Deutschland damit schon mehr als doppelt so groß wie der einstige Pionier Maxdome, der mit 4 Prozent Zuwachs nahezu stagniert und etwa halb so groß wie Amazon, das "nur" noch um 52 Prozent wuchs.

Florian Hager, der Chef des kommenden ARD- und ZDF- "Jugendkanals" hat im DWDL-Interview schon mal das eine oder andere Programm genannt, welches nun eine Brücke der Verständigung zwischen den Fernsehsendern und der unbekannten jungen Zielgruppe schlagen soll. So wird es tatsächlich interessante internationale Serien online geben. Der Horror für die Privaten geht also los. Nein, nicht mit "Game of Thrones". Sondern unter anderem mit der britischen Serie "The Aliens". Das ist eine Art "District 9"-Verschnitt und es geht, man kann es ahnen, um die Verständigung mit dem unverständlich Fremden.

Netz-TV ist gespannt. Die Wahrheit, sie liegt irgendwo da draußen. In "Eden" geht die Sache zumindest für den nach Verständigung suchenden Alien übrigens nicht gut aus. Er muss sterben- nur weil er etwas zu spät verstanden hat.

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