Die Welt geht live auf Sendung. Bleibt der Empfang in Deutschland frei?

Screenshots: Facebook

Irgendwo in Bangladesh fangen sie Fische. Gestern war da einer, der sein bestes Stück in Nahaufnahme streichelte. In Nord-Laos wird geheiratet. Feurige Redner halten Ansprachen vor Straßen-Publikum in Pakistan. Aus der Mongolei gibt es zwei Mädels mit Einbauküche. Zwei Jungs irgendwo bei New Orleans kuscheln unter der Bettdecke. In Vietnam ist es oft sehr laut und es wird sehr viel gegessen. In Südkorea fährt einer Auto und singt dazu mit Inbrunst asiatische Schlager. Und in Haiti (!) tanzt eine attraktive junge Dame lasziv in ihrem Zimmer- zu den Klängen von deutsch-türkischem "Gangsta-Rap".

Die "Live-Map" von Facebook wird immer voller und bringt das pralle Leben vom gesamten Globus direkt zu uns. Na ja, nicht den gesamten Globus. In China zeigt die Karte nicht viel- obwohl ich die dunkle Ahnung habe, dass es nicht stimmt, dass da weit weniger passiert als in Laos. Auch weite Teile Afrikas sind recht ruhig.

Während Afrika sicher weniger mit der mangelnden Lust am Live-Stream kämpft, als mit nicht vorhandenen Internetverbindungen und materiellen Möglichkeiten, ist es in China anders. Dort wird Facebook per staatlicher Zensur geblockt. Dafür gibt es dann das eigene chinesische Netzwerk von "Tencent". Da wird eine "Live Map" wie bei Facebook nicht stattfinden. Die Chinesen werden vielleicht bei Tencent irgendwann auch Karaoke-Schlager singen. Viel mehr aber nicht. Denn sie wissen, da schaut die Regierung zu. Und jedes falsche Wort, jede falsche Tat könnte Probleme verursachen.

Auch hier in Deutschland steht die Politik ratlos vor dem "Bewegtbild-Tsunami" und damit vor einer grundsätzlichen Entscheidung, ob und wie wir frei bleiben wollen. Denn der Tsunami bringt echte Probleme. Sogar Menschen sterben live auf Facebook. Der massierende Herr aus Bangladesh oder die Hübsche aus Haiti sind dagegen wohl eher eine eingebildete Herausforderung für den Jugendschutz. Ich wette dagegen, dass fast jeder deutsche Jugendliche ab zehn schon Schlimmeres gesehen hat. Und dann ist da noch der Redner aus Pakistan. Keine Ahnung, was er gesagt hat. Aber seine feurigen Augen wecken den Verdacht, da könnte "Hatespeech" dabei gewesen sein.

"Hatespeech" ist aber ein Thema, das die ganze Rat- und Hilflosigkeit der deutschen Politik vor diesem neuen und wie eine Tsunami-Welle heranrollenden Phänomen deutlich macht wie kein anderes. Die Politiker leben noch in einer weitgehend von der neuen digitalen Realität abgeschotteten Welt, in der Live-Videos "Medien" sind, die durch die Politik "reguliert" werden. So hat es lange gedauert, bis sich YouTube wirklich "live" nach Deutschland getraut hat. Und nun kommt Facebooks Bewegtbild-Tsunami noch dazu und die Medienpolitik wirkt wie ein Kleinkind am Strand mit zwei Säcken Sand.

Mit dem live sterben oder dem Schniedel in Großaufnahme können deutsche Politiker anscheinend noch leben. Aber bei "Hatespeech" hört die Freundschaft auf. Wahrscheinlich zuerst beim "Hatespeech" gegen die eigene Partei. Denn je nach Standpunkt ist die Meinung natürlich unterschiedlich, was "Hatespeech" denn nun eigentlich ist. Die Folge in Deutschland ist aber nicht eine dringende notwendige grundsätzliche Diskussion über das Problem und mögliche Lösungen. Sondern naive und parteipolitisch motivierte Einzelaktionen der Politik ohne jeglichen Sinn und Verstand.

Das Bundesfamilienministerium hat sich gerade mit einer solchen höchst albernen Initiative hervorgetan. Zusammen mit YouTube, also Google, wurde unter dem griffigen Hash-Tag "#NichtEgal" eine Kampagne gegen, so meint man, "Hatespeech" in die den verantwortlichen Entscheidern vermutlich weitgehend unbekannte digitale Welt gesetzt. Prominente YouTuber mit "mehr als zehn Millionen Abonnenten" wurden, wie auch immer, dazu animiert, für die Initiative zu trommeln.

Natürlich war der so schön ausgedachte Hash-Tag "NichtEgal" sofort ein voraussehbar gefundenes Fressen für die Armeen der Trolle im Netz. Das einzig andere Ergebnis der angeblich nichts kostenden, da von YouTube organisierten Kampagne, war die berechtigte Frage nach der Glaubwürdigkeit von YouTubern wie "Dagi Bee" in solch schwierigen politischen Fragen. Also YouTubern, die im sonstigen Leben eine Art verkapptes Shopping-TV mit Trödel für Teenager betreiben.

Großer Gott. Die immer krasser zu Tage tretende digitale Inkompetenz der Politik macht mir Angst. Denn aktuell gibt es neben solch albernem Quatsch wie von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig nur eine belastbar funktionierende Lösung: Die chinesische. Und die Herren der Cloud im Silicon Valley arbeiten mit Hochdruck an ihrer eigenen, dann besser funktionierenden Lösung: Der künstlichen Intelligenz, die dann automatisiert die Inhalte verstehen und überprüfen kann. Und dann eben handelt. So, wie ihr es der Besitzer dann vorgibt.

Genau dann, wenn dieses irgendwann funktioniert, habe ich noch mehr Angst vor der deutschen Politik. Sie haben zwar keinerlei Ahnung vom Digitalen. Aber Besitzer sind, anders als ein Tsunami, stets greifbar. Und beim "vorgeben", da kennen sie sich aus. Das Silicon Valley aber kämpft nur für den freien Handel von Dagi Bee.

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