Christoph Harting ist nicht Angelique Kerber: Geplatzte Drehbücher in Rio

Die getanzte Siegerehrung des Christoph Harting. Screenshot: YouTube / Sportschau

Früher war alles viel besser. Sportler wussten den Wert der Inszenierung "Olympia" zu schätzen und übten vor dem "Einmarsch der Nationen" vermutlich monatelang den Gleichschritt. Für Leni Riefenstahl war sowas dann ein "Fest der Völker". Das waren noch Bilder. Daraus konnte man etwas machen.

Heute ist alles viel schwieriger. Unser Land braucht anscheinend dringend neue Helden. Mit gewaltigem Aufwand haben ARD und ZDF jedenfalls eine beeindruckende Menge Sportreporter, Journalisten und "Experten" nach Rio entsandt, um diesen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen. Obwohl ihnen dieser eigentlich nirgends gegeben wurde. Berichterstattung, ja, Journalismus auch- aber Inszenierung steht da eigentlich nur bei Theater-Übertragungen oder Filmproduktionen auf dem Programm.

Aber egal. Den Inszenierungs-Auftrag für Olympia gaben sich die verantwortlichen öffentlich-rechtlichen "Journalisten" irgendwie selbst. Und es ist an vielen Tagen sehr lustig, sie bei ihren oft krampfhaften und im so sehr anderen Fach der Regie meist untalentierten Bemühungen zu beobachten.

Eine richtig schöne Helden-Geschichte geht so: Es ist das Finale im Diskus-Werfen der Männer. Das ist Olympia pur. Schon die alten Griechen meißelten olympische Helden gern leicht bekleidet mit Diskus in reinstem Marmor. Unser Olympiasieger hat Hexenschuss im Vorkampf. Sagt er zumindest. Und scheidet aus. Er hat aber noch einen introvertierten (!) Bruder. Der wirft auch ganz gut Diskus. Nicht so gut wie unser Olympiasieger. Aber immerhin gut genug, um ein olympisches Finale zu erreichen. Dann hat der introvertierte Bruder seinen letzten Versuch. Und donnert das Ding auf einmal auf achtundsechzig Meter irgendwas und Gold. Yeahh !! Was für ein Drehbuch !

Der übliche B-Movie-Fahrplan für die offenkundig von Degeto-Filmen inspirierten ARD/ZDF-Sport-"Journalisten" geht dann so weiter: Jetzt kommt das "Sieger"-Interview, gern auch umrahmt von einem irgendwie nach Arbeit aussehenden Bistro-Tisch sowie einem "Experten". Auf jeden Fall muss der neue Held verkünden, wie schwer das alles war (harte Konkurrenz !), wie toll das alles ist (unbedingt mit Dank an die "vielen" Fans !) und dass er sich unglaublich freut. Gut kommt auch "der Gruß nach Hause", verbunden mit dem Dank an den unbekannten und selbstlos engagierten Übungsleiter der B-Jugend in Dings, ohne den das alles gar nicht möglich gewesen wäre.

Eigentlich war alles bereit. Und dann spielt dieser Harting einfach nicht mit. Kein Sieger-Interview. Verweigert demonstrativ ZDF-Reporter Norbert König das "Abklatschen" zum Beweis, was für eine dolle "Familie" die öffentlich-rechtliche "vierte Gewalt" und "die Athleten" vor Ort wieder mal sind. Statt ordnungsgemäß still zu stehen, Haltung anzunehmen (gern auch mit der Hand auf dem Herz) und den Blick auf die langsam nach ganz oben gleitende deutsche Fahne auszurichten (jetzt bitte eine Träne der Rührung im richtigen Moment), tanzt der Mann zu Sieger-Ehrung und Hymne eine Art merkwürdiges Menuett. Gibt es denn gar keine echten deutschen Sportler mehr?

Mag sein, dass Christoph Harting ein wenig besonders ist. Aber das ist vielleicht ja auch eine wichtige Voraussetzung dafür, um eine eigenartige sportliche Übung der alten Griechen so lange zu üben, bis man Olympia-Sieger wird. Die nachfolgenden Anfälle von Wut-Berichterstattung einiger Journalisten und die Lawine von "Hatespeech"-Kommentaren, die in den einschlägig bekannten "Social Media"-Kanälen über den bedauernswerten Sportler hereinbrechen, lassen sich aber kaum mit den Besonderheiten von Christoph Harting erklären. Böse Menschen wie ich unterstellen sogar eine leichte, unterschwellige und nun grob enttäuschte Sehnsucht nach der perfekten Inszenierung. So wie bei Leni Riefenstahl.

Das ist natürlich vollkommen abwegig. Auch wie die täglichen kleinen und nicht so schönen Beispiele, die wir unermüdlich sammeln. So etwas zum Beispiel: Noch am gleichen Tag ist Finale im Damen-Tennis. Yeahh- wir haben eine neue Steffi Graf. Angelique Kerber hat gerade die Australian Open gewonnen und nun das olympische Finale erreicht. Angelique Kerber (hehe- "Angie" ! ) ist ganz anders als Christoph Harting. Sie ist im Millionen-Geschäft Tennis mit Sponsoren unterwegs und beherrscht auch alle einschlägig bekannten Drehbücher außerhalb des Tennis-Courts absolut perfekt. Wahrscheinlich könnte man sie nachts um zwei wecken und das ultimative Statement für den gerade gewonnen Oscar hätte sie sofort bereit. Die Gegnerin? Ach was. Irgend eine aus Puerto Rico. Rangliste Platz 34- oder so.

Diesmal ist es das "Island Girl", welches sich nicht an die offenkundig beim ZDF längst akribisch ausgearbeiteten Helden-Drehbücher der Inszenierung hält. Mit pausenlosen und ebenso unglaublich kraftvollen wie präzisen Schlägen direkt an die Grundlinie lässt Monica Puig der Deutschen praktisch keinerlei Chance. Auch eine "Verletzungspause" der deutschen Heldin bringt sie nicht dauerhaft aus ihrem Rhytmus.

So aber stand das nicht im längst vorbereiteten ZDF-Drehbuch für neue Heldinnen. Der Reporter ist unüberhörbar verwirrt. Anstatt zu kommentieren, was jeder sieht, der schon einmal ein paar Bälle über den Tennis-Platz bewegt hat, barmt er vor Publikum um seine offenkundig nicht funktionierende Inszenierung. Wünscht der Deutschen "ein paar leichte Punkte". Und ähnlichen Unsinn mehr.

In den USA ist Olympia übrigens wieder ein großer Quoten-Bringer für NBC. Nur deutlich weniger als noch vor vier Jahren in London. Dafür explodieren die Abrufzahlen im Streaming. Das Publikum beginnt, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Statt des von Journalisten geschnürten Gesamt-Paketes "Olympia" will der Zuschauer anscheinend "seine" Sportarten. Sich aus dem Angebot bedienen, nach seinem Geschmack- wie bei einem leckeren Buffet. Am liebsten natürlich live.

Das macht journalistische Inszenierungen natürlich noch komplexer und damit schwieriger. Und gibt so Anlass zur Hoffnung. Aber in Hollywood haben (fast) alle Filmemacher Leni Riefenstahls Werke zum Nachschlagen heimlich im Kino-Keller. Und "komplexer und schwieriger" könnte vielleicht nur bedeuten, dass man den "Waldi Weißbier"-Reportern von ARD und ZDF irgendwann die Regie und den Stuhl am Set einfach wegnimmt. Echter Journalismus im Sport bleibt wohl dennoch ein Traum.

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