Rauchen in Detroit und deutsche Nachrichten

Screenshot: YouTube / CNN

Ich bin alt. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da durfte man in Flugzeugen rauchen. Und auf Flughäfen. Also rauchen mit Genuss, zum Beispiel mit einem Glas Bier in der Hand in angenehmer Umgebung, und nicht in einer kleinen stinkenden Gaskammer für Nikotin-Süchtige.

Meine erste eindrucksvolle Begegnung mit dem US-Mediensystem hat mit diesem unzeitgemäßen Verhalten zu tun. Ja, ich rauche. Es hat nicht geholfen. Ich bin trotzdem alt. Vielleicht, weil sich das Laster noch etwas in Grenzen hält. Jedenfalls gehe ich nicht in diese Dreckslöcher auf Flughäfen. Und kann, wenn es sein muss, sogar einen Transatlantikflug überleben.

Damals, so Anfang der 90er Jahre, gab es sogar noch "Raucherplätze" im Flieger. Ich hatte keinen mehr abbekommen und saß in der Reihe direkt dahinter. Deshalb hatte ich auf dem Flug nach Detroit eine sehr eindrucksvolle Begegnung mit einer Frau mit aschefarbenem Teint. Die ging vor mir und meinem Sitz auf die Knie (damals hatten Gänge im Flugzeug noch eine so etwas ermöglichende Breite) und bat mich darum, meinen Sitz mit ihr zu tauschen. Die offenkundig nikotinsüchtige Dame hatte sich in der Reihe geirrt.

Als Umsteiger Richtung Kalifornien hatte ich nach ungefähr acht Stunden Flug natürlich auch Lust auf eine Zigarette. Im Airport hatte man das damals US-typisch geschäftsfördernd gelöst. Es gab eine Bierkneipe mit echtem Zapfhahn. Und wer bestellte, der durfte dort rauchen.

Über dem Thresen hing eine riesige Wand voller Bildschirme. Auf jedem lief ein anderer Fernsehsender. Darunter jede Menge LokalTV-Stationen mit irgendwelchen Nachrichten. Praktisch alle Nachrichten hatten aufgeregte Reporter mit Mikrofon und im Hintergrund abgesperrte Tatorte, Polizisten sowie Kranken- oder Leichenwagen, die die jeweiligen Opfer abtransportierten. Danach bekam ich als US-Neuling unbegründete Vorurteile und etwas Angst vor diesem Land. Aber auch die feste Überzeugung, dass Amerikaner von ihren Medien offenkundig rundum gut informiert werden. Und so ein komisches Untergrund-Gefühl, das könnte noch nicht alles gewesen sein.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Rauchen in Detroit jedenfalls ist jetzt noch deutlich schwieriger. In den USA tobt die Wahlschlacht um den richtigen Präsidentschaftskandidaten. Letzte Woche haben die Republikaner Donald Trump als den ihrigen gekürt. Wir Deutsche wissen es immer besser und die Amerikaner sind eben doof. Ich bin alt. Und habe so ein komisches Untergrund-Gefühl: Das ist noch nicht alles. Und dass es ein Irrtum ist, dass es hätte nicht noch schlimmer sein können.

Diese Woche suchen sich die Demokraten eine Kandidatin aus. Ja, Kandidatin- es ist so geregelt in den USA, das Ergebnis steht eigentlich schon fest. Dennoch wird eine gigantische Berichterstattungs-Maschinerie zum Einsatz kommen. Live-Übertragungen, Live-Streams, aufgeregte Reporterinnen und Reporter, wohin man auch schaut. Die Amerikaner werden rundum über das Ereignis gut informiert. Werden sie?

Ja und nein. Auch in den USA spaltet sich das Land in unversöhnliche Lager und es gibt so etwas wie ein Sender-Angebot für jede politische Richtung. Was mir jedoch im Vergleich mit Deutschland am krassesten auffällt, ist der mittlerweile unheimliche Unterschied im Entwicklungsstand der Medien. Man muss nur mal eine Weile zuschauen. Die haben da jetzt ein Raumschiff Enterprise. Wir sitzen dagegen in einer Art endlosen 70er-Jahre-Zeitschleife fest.

Nun ist die Zeit für uns Deutsche gerade ungewohnt ereignisreich. Der Informationsbedarf beim Publikum ist groß. Plötzlich stellen einige fest, dass unsere Medien anscheinend so funktionieren:


Und der Ruf nach Veränderung wird laut. "Braucht Deutschland ein CNN?", so fragt zum Beispiel der "Tagesspiegel".  Und berichtet über Ulrich Deppendorf, einst Chefredakteur bei "ARD aktuell", und seine Twitter-Forderung: "Tagesschau24 oder Phoenix müssen endlich 24hNews Channel werden!! Linear, digital und online!!"

Tolle Idee. Da wird keiner etwas dagegen haben. Und so gibt es natürlich auch schon Rufe aus Richtung der Anstalten, die Politik "müsse das beauftragen". Und natürlich dann zusätzliche Mittel, also noch mehr Rundfunkbeiträge, dafür bereitstellen.

Dass die öffentlich-rechtlichen Sender jedoch über Jahrzehnte ihren "Auftrag" zumindest bei der Weiterentwicklung schlicht nicht erfüllt haben, wird irgendwie nicht thematisiert. Auch wenn beim Vergleich mit den US-.Medien das mittlerweile auch Nicht-Fachleuten sicher sofort ins Auge fällt. Von jedem Klempner wird ein Service auf aktuellem Stand der Handwerkskunst einfach erwartet. Nur für deutsche Medien gilt das anscheinend nicht.

Liebe öffentlich-rechtliche Medienmacher, der entsprechende "Auftrag" liegt seit Jahrzehnten vor. Und auch die Mittel dafür sind längst da. Sie sind aktuell nur gerade in vielleicht so nicht notwendigen Transatlantik-Flügen gebunden. Und sowohl jetzt als auch danach in vielerlei Überflüssigem mehr.

Ich muss nicht einmal mehr nach Detroit fliegen, um den aktuellen Stand des US-TV zu sehen. Über das Netz habe ich hier auf zahllosen Kanälen Empfang. Gestern gab es eine Bombe in Ansberg. Gerade schießen sie wieder in Florida. Die Zeit ist leider ungewohnt ereignisreich. Macht endlich euren Job, für den ihr schon längst bezahlt wurdet. Und zwar auf der Höhe der Zeit.

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