Nach der EM: Das ZDF feiert sich. Rundfunkbeitragszahler feiern Island.

Foto: © ZDF / Eliot Blondet

Jetzt kennen ihn alle. Er kommentiert im Fernsehen die Fußballspiele der englischen Liga, der spanischen Liga und der Bundesliga. Natürlich auch die der Champions League. Und auch Spiele der EM 2016 - für das isländische staatliche Fernsehprogramm "Ríkisútvarpið". Nun ist er auch noch berühmt. Sein Torschrei aus dem Spiel der Nordmänner gegen Österreich jedenfalls ging um die Welt.

Gudmundur Benediktsson selbst aber lebt in einer Welt, die für die Herren oben im Bild sicher unvorstellbar ist. Seine Tätigkeit als Kommentator ist nur der Nebenverdienst. Hauptberuflich ist er Fußballtrainer und hat seinen Job als Assistenztrainer beim isländischen Erstligisten KR Reykjavik gerade verloren. Vielleicht darf er demnächst, so wie der Chef des isländischen Fernsehens, dann zusätzlich gelegentlich die Hauptnachrichten moderieren.

Auch auf die Unterstützung von insgesamt 500 Fernsehmachern konnte "Gummi Ben", wie ihn alle nennen, in Frankreich nicht bauen. So viele haben nur ARD und ZDF zur Berichterstattung nach Frankreich geschickt. Naja, das isländische Staatsfernsehen müsste dann ja wohl ausnahmslos alle Mitarbeiter ausfliegen. Und sicher noch ein paar mehr. Gudmundur Benediktsson kann auch nicht zu hochbezahlten, nach unbestätigten Gerüchten sogar sehr hoch bezahlten Ex-Nationalspielern "ins Studio zurückgeben", die dann das Gesehene "analysieren". Macht nichts. Fußball-Nationalspieler war Gummi-Ben auch.

Die Isländer haben die Spiele ihrer Nationalmannschaft im Fernsehen trotzdem gesehen. Das große Spiel gegen England schrieb mit einer offiziell gemessenen Einschaltquote von 99,8 Prozent sogar so etwas wie Fernsehgeschichte. Das bedeutet, dass in ganz Island insgesamt noch 650 Zuschauer Konkurrenzprogramme einschalteten. Ein ganzes Volk im hohen Norden war live im TV dabei und ist bestens über die Fußball-EM 2016 informiert. Sie werden wohl noch den Rest des Sommers weiter feiern. Den Aufwand für das isländische EM-Fernsehprogramm würde ich mal vorsichtig auf etwas weniger als ein Prozent, also ein Hundertstel der Kosten schätzen, die für das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen fällig werden. Und zwar ohne die Übertragungsrechte, für die wir wegen unserer zahlreicheren Köpfe natürlich und richtigerweise deutlich mehr bezahlen.

Nein, ich will nicht bei uns das isländische Fernsehen einführen. Es ist ein ganz anderes Land mit anderen Bedingungen und anderen Zuschauern. In der realen Welt da draußen, also außerhalb des Fernsehens, werden Firmen aber sofort sehr nervös, wenn ein Konkurrent ein ähnliches Produkt auch nur einige Prozent billiger herstellen kann, statt um 99 Prozent. Dann gibt es sofort ein "Benchmarking". Man will herausfinden, wie die das machen- und ob da eventuell Ideen für die eigene Verbesserung vielleicht einfach so herumliegen.

Das aber ist wohl nicht öffentlich-rechtlich. Klar, klingeln gehört zum Handwerk und deshalb ist eine Erfolgsmeldung wie die des ZDF erst einmal logisch. Dort zieht man "eine positive Bilanz" der EM-Berichterstattung. "Die ZDF-Übertragungen von der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich sind bis zuletzt auf eine hervorragende Zuschauerresonanz gestoßen. Das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich am Donnerstag, 7. Juli 2016, sorgte mit durchschnittlich 29,82 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 80,6 Prozent) für eine neue EM-Rekordreichweite."

Okay. Die Isländer schaffen aber 99,8 Prozent. Das ist jetzt ein böser Vergleich- aber er zeigt, dass Zahlen immer relativ sind. "Die Zahlen dieser EM haben einmal mehr gezeigt, wie herausragend die Bedeutung des Fußballs bei den deutschen Fernsehzuschauern ist", so ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. "Das ist ein Fakt, auch wenn er nicht von allen gern gesehen wird. Das ZDF ist für sich neue Wege gegangen und hat eine neue, moderne Form der Präsentation gewählt, die auch von den Zuschauern honoriert wurde." Ja. Aber vielleicht sehen die, die das "nicht so gern" sehen, ja trotzdem gern Fußball. Und fragen sich nur, ob das Gebotene in Relation zum betriebenen Aufwand wirklich angemessen, modern und auf der Höhe der Zeit ist.

Über derartig glanzlose Themen hören wir dagegen wenig vom Lerchenberg. Das bedeutet ja nicht, dass man gar nicht innovativ wäre. Sogar eine echte Frau hat beim ZDF EM-Spiele kommentiert. "Unser neues Konzept mit den Gesprächsrunden rund um Olli und Olli - Welke und Kahn - ist aufgegangen, das ZDF-Team hat diese EM kompetent, informativ und unterhaltend präsentiert und mit Claudia Neumann gezeigt, dass selbstverständlich auch Frauen Spiele bei großen Turnieren souverän kommentieren können", so ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey. "Der große Zuspruch im TV, aber auch für unsere Online-Angebote, ist uns Ansporn für das nächste Sport-Großereignis: die Olympischen Spiele in Rio."

Ja, so muss man das den Gremien verkaufen. Und nur die kleinen, grauen und ewigen Nörgler werden wieder fragen, wie viele denn dann von Rundfunkbeiträgen bezahlt an die Copacabana fliegen. Das kann man so machen. Und sich darüber wundern, warum der Rundfunkbeitrag bei der Verkäuferin oder dem Altenpfleger mit Mindestlohn auf immer mehr Hass und Ablehnung stößt.

Statt nach Rio würde ich wenigstens einen kundigen öffentlich-rechtlichen Mitarbeiter nach Island zum Benchmarking schicken. Einfach nur, um herauszufinden, wie Fernsehen auch mit viel, viel weniger Geld funktioniert. Bis dahin träume ich mal weiter. Oder will jemand die Gebührenzahler vielleicht doch auch einmal so sehen?

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