Hinter Gittern: Warum Netflix seine "Quoten" lieber nicht veröffentlicht

Orange is the New Black - nun schon in Staffel vier. Foto: JoJo Whilden / Netflix

Hach, da muss ich doch gleich wieder an den Jörg vom WDR denken. Oder an seine großen US-Kollegen. Mittlerweile produziert Netflix aber wohl so viel, dass die europäischen Film- und Serienmacher über die EU sich gern einen Anteil vom Kuchen erzwingen würden. Und selbst die Netflix-Zuschauerzahlen sickern jetzt immer öfter mal durch.

So hat das "Wall Street Journal" gerade darüber berichtet, dass die großen US-TV-Quotenvermesser von Nielsen ja jetzt auch Zahlen zu Netflix haben. Denn durch Zuschauerzahlen kann man nicht nur als Produzent oder Fernsehsender viel Geld verlieren, wenn sie schlecht sind. Sondern auch viel Geld verdienen, wenn sie gut sind. Noch wertvoller sind die Zahlen nur für die, die sie messen- denn die verdienen damit immer viel Geld, völlig egal, ob sie gut oder schlecht sind.

Deshalb kann der Gorilla in diesem Geschäft, also Nielsen, die Netflix-Zahlen natürlich nicht irgendwelchen Start-Ups wie "Symphony" überlassen. Und misst deshalb auch selbst- allerdings nur im Auftrag der Produzenten, die Nielsen eine Tonspur ihrer Produkte überlassen, mit deren Hilfe dann 40.000 Quoten-Spione in US-Haushalten hinein horchen, ob diese eventuell gerade dort zu hören ist. Was macht eigentlich Amazon Echo? Egal. Berichten wir über die Fakten.

Da Nielsen derzeit nur im Auftrag der Produzenten Netflix-Zahlen ermittelt, wurde über mögliche Flops natürlich nicht berichtet. Dafür gab es neue und interessante Zahlen über die brandneue Staffel vier der erfolgreichen Frauenknast-Serie "Orange is the New Black" zu hören. Stolze 6,7 Millionen Zuschauer sahen danach in den USA die erste frische Episode "OITNB" zwischen dem 17. und 19. Juni. Immerhin noch 5,9 Millionen schauten auch schon die Folge zwei. Im schwierigen Vergleich mit dem "normalen" Fernsehen wäre damit der Netflix-Frauenknast aktuell die beim US-Zuschauer erfolgreichste Produktion, geschlagen nur vom irgendwie in einer eigenen Liga spielenden "Game of Thrones" von HBO.

Produzent der erfolgreichen Netflix-Serie und Auftraggeber für die Nielsen-Messung ist Lions Gate. Wenn die jetzt mit Netflix über Staffel fünf reden, dann werden für die schauspielernden Damen sicher ein paar zusätzliche "kleine Schwarze" drin sein, auch von Chanel. Und für die Lions Gate-Aktionäre ein schöner Batzen Extra-Dukaten dazu.

Bald gibt es auch wieder Quartalszahlen von Netflix. Die werden wie immer mit Spannung erwartet, denn Netflix arbeitet wie ein Start-Up und bezahlt einen Teil seiner Content-Expansion mit frischem Aktionärsgeld als Investition. Nur so war und ist das rasante Wachstum des Streaming-Giganten finanzierbar. Was würde passieren, wenn Netflix die genauen Abrufzahlen jeder einzelnen Produktion veröffentlicht?

Na klar- dann kämen die Analysten. Auf dieser Zahlenbasis könnte man für jede einzelne Folge jeder Serie, jede Netflix-Produktion auf den Bruchteil eines Cents genau ausrechnen, wie viel Abonnenten-Geld sie in welchem Zeitraum theoretisch einspielt. Und dann die Netflixe mit Fragen löchern, warum sie das und dieses produzieren, aber jenes nicht. So kann es nicht funktionieren. Das Abonnement ist ein Paket. Netflix ist interessant durch die unglaubliche Vielfalt im Programm.

Die Zeit der Controller wird aber kommen. Genauso wie immer mehr Zahlen für Netflix. Und diese werden dann wohl keine Schwäche zeigen, wie manche Alt-Fernsehmacher sich die Welt immer noch schönreden. Dennoch ist der hinhaltende Widerstand der Streamer richtig. Es gibt einen Grad an Erfolg, ab dem auch nervigsten Aktionäre schweigen und genießen. Vielleicht hat Netflix diesen ja bis dahin erreicht.

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