Diamond Reynolds war live. Und nun, Facebook?

Screenshot: Facebook

Stellen Sie sich eine dieser ewig geradeaus gehenden Straßen in Nevada vor, die völlig leer sind und einen stundenlang durch ödes und menschenleeres Land führen. Der Horizont flimmert in der Hitze des Tages. Ein entgegenkommendes Auto taucht auf, wie eine Fata Morgana. Als ich erkenne, dass es ein Polizeiauto ist, ist es zu spät. Ich bin mit gut 75 Meilen unterwegs- das ist zu viel in den USA, auch hier, wo man bei diesem Tempo fast einschläft und über hunderte Meilen hinweg höchstens eine Schlange überfahren kann. Die Polizisten haben Radar hinter der Windschutzscheibe.

Der Wagen fährt an mir vorbei, wendet und schaltet sein imposantes Blaulicht an. Jetzt muss ich, so die Regeln, sofort rechts ran fahren und anhalten. Sie stoppen ein paar Meter hinter mir und zwei Polizisten steigen aus. Dann passiert für uns Deutsche Ungewöhnliches. Einer der beiden bleibt am Polizeiauto stehen und bringt seinen imposanten Revolver zum Anschlag. Auf mich. Der andere öffnet ebenfalls sein Halfter und kommt langsam zu mir ans Autofenster und fragt nach dem Führerschein.

Das ist der Moment in den USA, in dem man nicht hektisch werden sollte. Langsam, ruhig und gut sichtbar Papiere hervorziehen- und bloß nichts anderes, egal was. Denn, was uns in dieser Situation völlig abwegig erscheint: Die zwei haben Angst. In den USA sind Millionen von Waffen aller Art jeden Tag auf den Straßen unterwegs. Als sie merken, dass ich nur einer dieser komischen Deutschen bin, die oft in Mietwagen kreuz und quer durch Gegenden fahren in die ein US-Bürger nie kommt, wenn er nicht muss, entspannt sich für mich die Situation. Der ängstliche Polizist am Fenster verwandelt sich in einen selbstbewussten Vertreter der Staatsmacht und belehrt mich über meine gefahrene Geschwindigkeit. Wir Deutsche haben dort oft eine Art Idioten-Bonus, ich darf dann ohne Bestrafung weiter.

Die gleiche Szene gibt es wohl tausendmal mehr jeden Tag überall in den USA. Und es geht nicht immer gut aus. Und besonders oft geht es für Schwarze nicht gut aus. Ich habe Polizisten in Las Vegas dabei beobachtet, wie sie einen frisch gefangenen Taschendieb mitten auf der Hauptstraße vor hunderten Leuten per Handschellen ans Auto ketteten, um dann ins Fast Food-Restaurant was essen zu gehen. Einem Weißen wäre das so wohl nicht passiert. Dazu trägt wohl jeder junge Schwarze am Steuer eines Autos für die Polizisten fast automatisch das Label "Gang" auf der Stirn. Also noch mehr Angst. Noch mehr Nervosität am stets einsatzbereiten Abzug.

So ist es in dieser Woche wohl Philando Castile ergangen. Keine Ahnung, ob er irgend etwas falsch gemacht hat. Aber danach hatte er vier Kugeln im Körper, aber keinerlei Waffe in der Hand und verblutete auf seinem Fahrersitz. Neben ihm saß seine Freundin Diamond Reynolds. Sie machte etwas Außergewöhnliches und den Vorgang damit zum NetzTV-Thema. Mit ihrem Handy ging sie per Facebook-Video live.

Wie eine Reporterin berichtet sie über die Situation. Neben ihr stirbt Philando Castile in Nahaufnahme und der offenkundig völlig überforderte Polizist brüllt irgendwas, die Waffe immer noch auf den Fahrer gerichtet. Das Video ist ein Dokument einer neuen Zeit. Millionen haben es gesehen, sicher auch Kinder und viele, die so etwas eigentlich nicht sehen wollten. Sehr viele davon bevor man bei Facebook das Ganze bemerkte, das Video vom Netz nahm und dann mit einem Warnhinweis wieder online stellte.

Was nun? Facebook und mittlerweile auch viele andere erhoffen sich eine neue Zeit, in der jeder bei allem durch jeden live dabei sein kann. Im Moment meist noch per wackligem Smartphone-Video, aber zunehmend auch professioneller und bald sogar virtuell total real. Nur: Bei allem live dabei, das geht aber eigentlich nicht. Kino- Konzert- oder Sportveranstalter fürchten zu Recht um ihre lukrativen Rechte. Und das Leben beinhaltet auch zwischen Verbrechen, Pornografie und ja, auch dem Sterben, so vieles, wo man vielleicht nicht dabei sein möchte. Vielleicht hat Frau Reynolds eine kleine Facebook-Freundin. Die hatte das Ganze dann womöglich per Autostart zwischen ihren rosa Prinzessinnen und Kindergeburtstagen im Stream.

Nun hat sogar Mark Zuckerberg selbst auf das Video reagiert. Per Facebook, natürlich- und neben den zu erwartenden Beileidsbekundungen für die Betroffenen im Video, wie auch außerhalb des Videos, meint er: "Während ich hoffe, nie wieder ein anderes Video wie das von Diamond zu sehen, erinnert es uns daran, warum es so wichtig ist, dass wir zusammen kommen, um eine offenere und vernetztere Welt zu bauen- und wie weit wir dabei noch zu gehen haben."

Tja. Ein bisschen wenig. Wie könnte denn eine Lösung aussehen? Eine Mark Zuckerberg-Lösung wohlgemerkt, denn die Antwort "wir haben uns geirrt- und stellen das jetzt ein" ist von ihm wohl nicht zu erwarten.

Sie werden mit Hochdruck daran arbeiten, dass ihre "künstliche Intelligenz" in der Cloud immer schneller und immer besser versteht, welche Bilder die Welt ihnen da in immer größeren Mengen zuliefert. Damit die künstliche Intelligenz darauf in Echtzeit reagieren kann. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Denn Milliarden oder Trilliarden an Livestreams zu verfolgen und zu kontrollieren, ist für Menschen nicht möglich.

Und sie werden so vielleicht eine Lösung finden. Und dabei dann aber ein viel größeres und neues Problem erschaffen: Die Maschine, die die ganze Welt in Echtzeit beobachtet, kontrolliert und auf das Geschehen selbständig reagiert. Wird die dann besser funktionieren als Polizisten?

Der Heckenschütze, der in Dallas gerade bei einer nicht zuletzt durch das Video ausgelösten Demonstration fünf Polizisten tötete, soll von einem Roboter der Polizei weggesprengt worden sein. Schöne neue Welt.

Kommentare