Mr. Carson und der Datenschutz: "German Angst" vorm Smart-TV?

Samsungs neuer "Smart Hub" Foto: Samsung

"Noch nie in meinem Leben hat mich jemand als liberal bezeichnet- und ich beabsichtige nicht, das jetzt zu ändern." So kennen wir ihn. So lieben wir ihn- Mr. Carson, den strengen Hüter des glanzvollen Hauses mit dem schönen Namen Downton Abbey. Jim Carter spielt, nein ist der Chefbutler der Crawley-Familie und einer der Glanzpunkte im ohnehin überragenden Cast der Erfolgs-Serie. Und Mr. Carson hätte auch einhundert Jahre später gewiss keinerlei Verständnis für irgendwelche liberalen Laxheiten oder Zugeständnisse beim Datenschutz. Wahrscheinlich würde er sich dieses ganze komische Zeugs gar nicht erst anschaffen.

Dabei ist Mr. Carson doch selbst ein Datenschutzproblem. Seine Aufgabe als oberster Butler von Downton Abbey ist es, dafür zu sorgen, dass der Laden läuft. Dinners müssen geplant, gekocht und serviert werden. Viele Räume und edelstes Mobiliar rufen nach Pflege und Reinigung. Die Herrschaften im Haus werden Tag und Nacht umsorgt, gekleidet und verwöhnt nach all den strengen Vorschriften des viktorianischen Zeitalters. Um Details oder Personal müssen sie sich dabei normalerweise nicht sorgen.

Mr. Carson würde es wissen, wenn der Earl of Grantham die Whisky-Flasche zu oft leert, denn er muss Nachschub bestellen und sich um die Rechnung kümmern. Egal, ob Essen, Parfüm oder Bekleidung: Mr. Carson kennt die Vorlieben aller. Und weiß sicher noch sehr viel mehr. Auch Dinge, die sehr, sehr privat sind. Denn Mr. Carson ist so gut wie immer anwesend und einfach alles landet irgendwann irgendwie auf seinem Tisch.

Das muss auch so sein, denn Mr. Carsons Aufgabe ist die Organisation von Service auf höchstem Niveau. Und er würde darin auch kein Datenschutz-Problem erkennen. Denn die wichtigste Qualifikation eines Butlers ist Schweigen. Niemals würde ein Mr. Carson über die Familien-Geheimnisse derer von Grantham plaudern. Die Daten sind sicher. Ob die Verbraucherzentrale NRW das einfach so akzeptieren würde?

Auch ein guter Smart-TV ist irgendwie ja so etwas wie ein Butler. Naja, jedenfalls für uns normale Fernsehzuschauer, die kein Earl of irgendwas sind und demzufolge keinen Mr. Carson haben, der dafür sorgt, dass genau das richtige Programm zur richtigen Zeit eingeschaltet wird. Der Smart-TV soll uns nach dem Einschalten einfach nur gut unterhalten. Und wie die Herrschaften von Downton Abbey wollen wir uns um die Details eigentlich nicht kümmern.

Entsprechend ihrer Idealvorstellung vom "mündigen Konsumenten" will die Verbraucherzentrale NRW dies aber so nicht akzeptieren. Deshalb haben die wackeren Asterixe aus Gallien an der Ruhr die SmartTV-Geräte des koreanischen Giganten Samsung vor Gericht gezerrt- und nun teilweise sogar gewonnen.

"Datenschutzbestimmungen, die auf 56 Bildschirmseiten eines Smart-TV im Fließtext ohne Verwendung von Abschnitten und Überschriften dargestellt werden, sind wegen ihrer Länge und Unübersichtlichkeit intransparent und keine geeignete Grundlage für eine Einwilligung in die Datenerhebung und -verwendung." So hat das Landgericht Frankfurt am Main nun nach der Klage der Verbraucherzentrale NRW gegen die Samsung Electronics GmbH entschieden. Und hat damit ja nun auch irgendwie zweifellos Recht.

"Die Daten zum Fernsehverhalten gehören dem Zuschauer. Sie müssen informiert entscheiden können, wer diese nutzen darf", so kommentierte Wolfgang Schuldzinski, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW, das Urteil. Ja. Und nun? Bevor Daten übertragen werden "müssen Nutzer hierüber informiert werden und einwilligen", so der Verbraucherschützer. Es müsse bereits in den Grundeinstellungen möglich sein "auch einen Smart-TV als reines TV-Gerät zu benutzen, ohne dass es zu einer Datenübertragung kommt".

Da ist sie wieder, die "German Angst". Es geht vielleicht gar nicht so sehr um den Datenschutz. Der Smart-TV ist eine dieser neuen und suspekten digitalen Technologien an sich. Nirgendwo sonst als im schönen Deutschland beschäftigt man sich so intensiv mit den "Gefahren" solch penetrant neuartiger Dinge. "Erpressungs-Trojaner" können jetzt euren Fernseher "als Geisel nehmen". Wow. Die "Datenkrake Smart-TV" soll sogar schon heimlich "Paare beim Sex" gefilmt haben. Da will ich doch sofort meinen guten alten Röhren-Grundig zurück.

Entgegen der Ansicht der Verbraucherschützer sah das Gericht die Samsung Electronics GmbH allerdings nicht in der Verantwortung, vor der ersten Übertragung personenbezogener Daten eine entsprechende Einwilligung der Smart-TV-Nutzer einzuholen. Die Richter verwiesen auf eine mögliche Verantwortlichkeit des in Südkorea ansässigen Samsung-Mutterkonzerns. Die Samsung Electronics GmbH entließ das Gericht aber nicht vollkommen aus der Pflicht und entschied, dass die deutsche Vertriebsgesellschaft die Nutzer auf jeden Fall über die "Gefahr von Datenflüssen" des TV-Geräts aufzuklären habe.

Sowohl das Gericht als auch die Verbraucherzentrale wünschen sich wohl die ersten SmartTV-Käufer von vor drei Jahren zurück, die das schöne neue Gerät nach dem Kauf erst gar nicht ans Internet anschlossen. Der Idee, dass der TV-Käufer von heute wegen diesem Netflix, wegen Amazon oder "Mediatheken" die "Gefahr von Datenflüssen" beim Kauf sogar aktiv anstreben könnte, vermögen sich beide wohl nach wie vor nicht anzuschließen.

Bei beiden Institutionen ist es wohl immer noch die sehr deutsche Idee des "Rundfunks", die da nach wie vor durch die Köpfe geistert. Aus dem "Empfangsgerät" Fernseher wird aber inzwischen immer mehr eine digitale "Benutzerschnittstelle" für die globale Daten-Cloud, in der mehr und mehr Inhalte zum Abruf bereit liegen- egal ob Video on Demand, Live-TV oder einfach nur Games zum Daddeln. Die Daten-Cloud wird dazu immer intelligenter. Sie wandelt sich nach und nach zu einem Mr. Carson, mit dem wir sogar reden können- zu einem kompetenten Butler, der unsere (Programm-) Wünsche erfüllt. Ohne, dass wir uns dazu um allzu viele Details kümmern müssen.

Der neue "Samsung Smart Hub" organisiert die Inhalte zum Beispiel so, dass das, was wir gewöhnlich am liebsten schauen, im Angebot vorn steht. Die Vermutung liegt nahe, dass dafür unser bisheriges Sehverhalten ausgewertet wird. In der Cloud, natürlich. Denn die kann sogar darüber nachdenken, was wir denn auf Grund unserer bisherigen Vorlieben vielleicht gern als Nächstes schauen wollen. Wie so ein Mr. Carson eben, der zum Dinner nach dem Hauptgericht einfach das von Mrs. Patmore gezauberte Dessert heraufbringen lässt. In der Regel sogar ohne die beteiligten Verbraucher vorher über den Vorgang an sich und die Gefahr für Leben und Gesundheit durch den Verzehr von Süßspeisen hinreichend aufzuklären.

Niemals würde Mr. Carson dagegen mit irgend jemandem über den Whisky-Konsum des Earl of Grantham reden. Oder gar potentielle Lieferanten dazu auffordern, dem Lord interessante Angebote zu schicken. Denn die wichtigste Qualifikation eines Butlers ist Schweigen. Und sollte er die Notwendigkeit sehen, sein Schweigen zu brechen, dann würde er den Earl vorher um Erlaubnis fragen.

Liebe Verbraucherzentrale NRW, ihr kämpft da einen völlig sinnlosen Kampf an der falschen Front ohne Aussicht auf Erfolg. Datenschutz bedeutet nicht, den Verbraucher vor Daten zu schützen. Wir Verbraucher hätten gern alle einen Mr. Carson im Haus, das macht unser Leben angenehmer und einfacher. Dafür brauchen wir aber immer mehr "Datenflüsse" hin zu unserem digitalen Butler in der globalen Cloud. Die technischen Details will ich als Verbraucher weder wissen noch genehmigen. Dagegen brauche ich Mr. Carsons eiserne Regeln des Schweigens in der Cloud. Also ein Mindestmaß an Kontrolle darüber, was dort mit meinen Daten über das für meinen Service Notwendige hinaus geschieht. Und jemanden, der darüber wacht, dass diese Regeln auch eingehalten werden.

Wäre das nicht endlich mal eine wirklich sinnvolle Aufgabe? "Sie können immer meine Hand halten, wenn Sie sich sicher fühlen wollen", so Mrs. Hughes zu Mr. Carson angesichts der Herausforderung, die nackten Füße in das kalte Wasser des Meeres am Strand von Brighton Beach zu tauchen. SmartTV's sind kein Teufelswerk, sondern einfach nur eine neue Technik, um uns alle besser zu unterhalten. Auch neue Ghostbusters helfen da nicht wirklich weiter:

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