YouTube hat seine Vision für die Zukunft verloren



"The same procedure as last year, Miss Sophie? The same procedure as every year, James." Gestern war wieder "YouTube Brandcast", die Präsentation der Marke für die Werber zu den "Digital Content Newfronts" des "Interactive Advertising Bureau" im riesigen Javits Kongress-Center mitten in Manhattan. Und es war natürlich toll. Und aufregend. "Amazing" und "Exciting" eben. Also ungefähr so wie bei Apple und der Präsentation des neuen Iphone irgendwas.

"Superwoman" Lilly Singh war da auf der Bühne zu sehen. Und sogar NFL-Commissioner Adam Silver. Und natürlich YouTube-Chefin Susan Wojcicki, die mich immer mehr an eine weibliche Version von Apple-Chef Tim Cook erinnert. Sogar zu feiern gab es etwas: Google Preferred wirkt doch bei den Werbern- jedenfalls bei einigen. Die Werbeplatz-Einkäufer der "Interpublic"-Gruppe, "Magna Global", haben gerade 250 Millionen frische Dollars aus ihren gigantischen TV-Budgets Richtung YouTube verschoben. Na also- läuft doch. Oder?

Wenn im guten alten US-Fernsehen Prime-Time sei, dann habe YouTube jetzt zur selben Zeit mehr Zuschauer als die erfolgreichsten zehn Fernsehsendungen an Quote schaffen- und zwar zusammen, so Susan Wojcicki. Das ist toll. Aufregend. Und natürlich "amazing" und "exciting". Eben wie bei Tim Cooks neuestem Iphone. Allein auf Mobilgeräten erreiche YouTube mittlerweile mehr Zuschauer als jeder Sender im Kabel-TV. Ja. Genau das letztere hat sie im Vorjahr auch schon gesagt. Und die erste Nachricht basiert auf Zahlen aus 2015.

Da steht dann ein unsichtbares riesiges "F" im Raum und bleibt irgendwie unbeantwortet. Jedenfalls auf der "Brandcast"-Bühne. Denn im realen digitalen Leben beginnen YouTube-Videos jetzt wie beim "großen F" auch hier und da automatisch zu starten. Und sollen so wohl den "Live"-Erfolg von Facebook wieder einholen. Sie sollen auch am Boom-der Streaming-Abonnements irgendwie teilnehmen. Und Adam Silver hatte für YouTube mehr NFL im Gepäck. So wie einst auch für Facebook.

Sogar über ein Fernsehangebot als KabelTV-Ersatz auf einer neuen YouTube-Plattform mit dem dafür recht sinnigen Namen "Unplugged" gibt es seriöse Gerüchte. Das passt. Tim Cook hatte das auch schon vor, so sagte man- im vorigen Jahr. Und Hulu hat auf seiner Präsentation zu den "Newfronts" sein Angebot sogar schon verkündet und macht es also jetzt wirklich. So wie gerade fast alle denkbaren und undenkbaren Wettbewerber auch- zumindest erst einmal auf dem US-Markt.

Ja, YouTube ist toll, amazing und exciting. Und wächst auf der Basis einer bereits aufregenden Größe noch immer. Aber die wirklich neuen Ideen für eine wirklich neue Zukunft kommen jetzt von woanders. Vom "großen F" zum Beispiel und seinem Mark Zuckerberg. Oder von Netflix. Genau das ist der Unterschied. Genau das war früher ganz anders.

Es ist toll, dass mit dem "Commissioner" jetzt noch mehr NFL-Inhalte zu YouTube kommen. Selbst die "Sesamstraße" von HBO war auf der YouTube "Brandcast"-Bühne zu Gast. Es sind oft gar nicht mehr die klassischen "YouTuber", die für Google und Frau Wojcicki das YouTube-Wachstum treiben. Denn das ist ja ganz normales "Altfernsehen" und sein heißestes Programm, der Sport. Aber sowohl die NFL als auch die Krümelmonster-Macher von HBO haben auch ganz eigene Pläne.

Was für Pläne hat YouTube? Anscheinend nur die, mehr Geld einzunehmen und alle guten Ideen von Wettbewerbern irgendwie nachzuahmen. Das klingt hart und fast schlimmer als der Vergleich mit Tim Cook und mit Apple. Das klingt fast schon nach dem guten alten Sender-TV und dem Denken der dort Verantwortlichen. YouTube muss daran arbeiten wieder mehr zu sein als eine Werbeplattform für die Wettbewerber, die Susan Wojcicki schon besiegt zu haben glaubt:

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