Warum "Jordskott" vielleicht besser eine Netflix-Serie geworden wäre

Party bei den "Narcos" Foto: Netflix/Daniel Daza

Pablo Escobar alias Wagner Moura kann wieder feiern. Mit seinen "Narcos" von Netflix kommt er in den USA jetzt sogar ins "richtige" Fernsehen. Na ja, ins spanischsprachige Fernsehen. Der US-Broadcaster Univision wird seinen Zuschauern die komplette erste "Narcos"-Staffel zeigen und den ebenfalls spanisch sprechenden Netflix-"Club de Cuervos" sogar noch dazu. Und Fernsehsender in spanischer Sprache sind in den USA große Sender, keine Nische, sondern richtig quotenträchtiges TV. Zumindest, je weiter man in den Süden des Landes kommt.

Damit wird den klassischen Sendern eine weitere vermeintliche Gewissheit genommen. Wir produzieren die guten Programme, die Video on Demand-Anbieter wollen sie kaufen und können froh sein, wenn sie was kriegen- so war es jedenfalls bisher. Es kann nun auch andersherum kommen. Oder sogar noch schlimmer. Univision wird Netflix für die Narcos sicher ein paar Dollars zahlen, ja- aber die Streamer geben die Serie wohl nicht aus diesem Grund her. Das Geschäft ist vor allem ein Marketing-Deal. Sowohl die "Narcos" als auch der "Club de Cuervos" werden mit neuen Staffeln ins Netflix-Programm kommen. Und die älteren Staffeln laufen im klassischen TV quasi als Ankündigung dafür.

Erst vor kurzem haben wir ja darüber gestaunt, dass das französische Fernsehen genau zwei (!) Folgen der neuen Netflix-Serie "Marseille" zur Primetime zeigt. Um dann quasi zumindest ungesagt zu sagen: "Liebe Zuschauer, wenn ihr wissen wollt, wie es ausgeht- dann geht doch zu Netflix." Besser kann Marketing nicht aussehen. Jetzt darf die Marketing-Abteilung wohl sogar bei älteren Serien mit ganzen Staffeln arbeiten. Noch mehr tolle Werbung für Netflix. Und statt viel Geld dafür auszugeben, bekommen sie nun manchmal sogar noch etwas dazu. Um es dann sofort mit vollen Händen wieder unter die Leute zu bringen- für tolle Produktionen, ja, aber nicht zuletzt auch für einen gewaltigen Marketing-Etat.

Der gigantische Erfolg von Netflix ist vor allem auch ein Marketing-Erfolg. "House of Cards" war vielleicht die erste Serie im Fernsehen, über die wohl mehr Menschen redeten, als die Serie Zuschauer hatte. "Die spielen verstecken mit ihren Flops", so gerade CBS-CEO Leslie Moonves etwas säuerlich in Anspielung auf die standhafte Verweigerung von Netflix bei der Veröffentlichung von Abrufzahlen. "Vielleicht feiern sie Produktionen als Hit, die zehn Leute angesehen haben. Wir wissen es nicht."

Genau das ist ja der Marketing-Trick. "House of Cards" ist sicher zumindest bei Netflix doch noch zum großen Zuschauer-Erfolg geworden. Aber wohl nicht auf Grund der zweifellos exzellenten Qualität der Serie. Sondern, weil alle darüber geredet haben. Und auch bei den "Narcos" lief die Marketing-Maschine schon lange bevor überhaupt die erste Szene im Kasten war.

Die schöne neue Fernsehwelt bringt eine Flut an tollen Serien und Filmen- man muss sie aber auch finden. "Jordskott" habe ich zum Beispiel gefunden, weil ich einen Trailer bei Arte irgendwie spannend fand. Sicher gab es für die schwedische Serie das übliche Marketing- Pressemitteilungen also und in Folge dessen die eine oder andere Rezension in irgendeinem "Feuilleton". Sicher wird es noch zehn Verrückte mehr geben als mich, die bei Arte irgendwelche Trailer schauen. Sicher wird in den Wochen der "Versendung" der eine oder andere per "Zapping" zu "Jordskott" finden. Aber auch nicht annähernd die Zahl an Zuschauern, die diese Serie eigentlich finden könnte.

Denn "Jordskott" ist verdammt gut. Nicht nur, weil ich gut gemachte Mystery generell mag. Wir wissen ja, dass Europa Serie kann und insbesondere auch die Schweden- aber "Jordskott" legt da noch einmal eine Schaufel Qualität oben drauf. Vor allem natürlich mit einer guten, tragfähigen und so noch nicht gesehenen Grundidee. Und einem Drehbuch, dass die Idee perfekt umsetzt. Aber auch durch das grandiose Handwerk der Produktion. Musik, Szene, Kamera, Schnitt- da stimmt alles, hält mühelos mit den ganz großen US-Serienproduktionen mit und ist vielleicht hier und da sogar noch einen Tick besser. Für den ganz großen Zuschauer-Erfolg fehlt da nur noch eines: Ein Marketing auf dem Niveau von Netflix.

Habt ihr gehört, Netflix? Ihr sollt doch mehr aus Europa bringen. Ihr habt das Geld. Ihr habt das Marketing. Kauft das Ding und nehmt es den Sendern weg. Bis dahin: "Jordskott - Die Rache des Waldes" ist noch an zwei Donnerstagen auf Arte zu sehen.

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