Red Bull nimmt seinem Sender die Flügel weg - Schluss mit "Servus TV"

Eishockey aus Österreich- sollte eigentlich demnächst bei "Servus TV" zu sehen sein. Foto: Servus TV

In einem früheren Berufsleben war ich viel mit Anzeigen in Zeitungen beschäftigt. Todesanzeigen zum Beispiel gibt es eigentlich nur in zwei Basis-Varianten: Die eine beginnt mit "Nach langer Krankheit" und die andere mit "Plötzlich und unerwartet". Aber obwohl der Salzburger Fernsehsender "Servus TV" aus dem "Red Bull Media House" eigentlich nie wirklich gesund war- seine Todesanzeige müsste mit "Plötzlich und unerwartet" beginnen.

Ja, es war allgemein bekannt, dass "Servus TV" ein Zuschuss-Geschäft ist. Aber die Rote Brause mit den Flügeln verkauft sich immer noch wie geschmiert und neues Geld sprudelt aus den koffeinhaltigen Dosen schneller denn je. Ja, Servus TV hat gerade die DEL und damit die "Servus Hockey Night" an Telekom Entertain verloren. Aber sich auch eben erst die Rechte für die österreichische Liga für drei Jahre gesichert. Was ist plötzlich anders?

"Obwohl wir Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag in Servus TV investiert haben, lässt sieben Jahre nach Einführung die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten", so informiert die formelle Pressemitteilung. "Der Sender ist daher für unser Unternehmen wirtschaftlich untragbar geworden. Wir haben uns der Sorgfaltspflicht eines ordentlichen Geschäftsmannes entsprechend entschlossen, den Betrieb von Servus TV einzustellen. Die Veränderungen am globalen Medienmarkt bestärken uns in dieser Entscheidung, weil digitale Angebote die klassischen, linearen Programme verdrängen."

Ach ja, richtig, verdrängen, das schreibt Netz-TV ja auch immer. Nur Geld verdienen mit Privatfernsehen tun RTL und ProSiebenSat1 auf dem deutschen Markt immer noch jedes Jahr mehr. Das läuft fast so gut wie rote Koffeinbrause in Dosen. Und die erste "Sorgfaltspflicht eines ordentlichen Geschäftsmannes" wäre es doch eigentlich gewesen, dieses viele Geld für "Servus TV" aufzusammeln. Hat nicht funktioniert. Warum? War das Programm so schlecht?

Eigentlich auch nicht. Ich selbst hab erst gestern Abend "Servus TV" geschaut- "Commissario Montalbano" läuft dort Montags und die neuen Folgen des sizilianischen Gourmet-Kommissars von der RAI sind besser denn je. Etwas düsterer ist seine Welt geworden, nach einigen Jahren Pause muss er mehr schießen als früher und ein Schuss "Gomorrah" und Unordnung durchzieht sein einst so heile Insel der kleinen Ganoven, ehrbaren Paten, Strandrestaurants mit frischen Meeresfrüchten zwischen den wunderschönen, aber stets bröckelnden Häusern Siziliens.

Mit Sicherheit ist die Serie derzeit das qualitativ beste Montagabend-Programm im deutschsprachigen Free-TV. Herausragende Quoten erzielt "Commissario Montalbano" für "Servus TV" trotzdem nicht. Denn die meisten der möglichen Zuschauer haben "Servus TV" gar nicht als mögliche Programm-Alternative im Kopf. Der Sender hat kein klar erkennbares Profil. Nach Montalbano kommt immer eine sehr österreichische Talk-Show, die den "Audience Flow" zuverlässig vertreibt. Und so ist es immer.

Die private Fernseh-Landschaft besteht in Deutschland aus zwei mächtigen Sendergruppen, die immer mehr neue Sender an den Start bringen, um deren Profil zu schärfen. ProSiebenMaxx ist für Jungs. "Sixx" für Mädels. "Sat1 Gold" ist für ältere Mädels, RTL II kämpft um die Hauptschüler. Und so weiter und so fort. In enger und familiärer, fast schon sizilianischer Zusammenarbeit mit den ebenso mächtigen großen Agenturen werden die Werbespots je nach Zielgruppe auf die passenden Sender geleitet. Da bleibt nicht viel für die Außenseiter übrig. Schon gar nicht, wenn man gar keine Zielgruppe für den Sender, sondern höchstens für einzelne Sendungen hat. Das ist den Agenturen zu mühsam. In den Pausen von "Commissario Montalbano" bekomme ich deshalb Werbung für Online-Casinos zu sehen. Und zwar in jeder Pause die gleiche.

Langfristig hätte es dennoch etwas werden können. Aber sieben Jahre waren Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz wohl langfristig genug. Mateschitz wird in diesem Monat auch schon 72 und konzentriert sich vielleicht lieber auf Projekte wie die Fußball-Bundesliga in Leipzig, bei denen man schneller Erfolge erzielen kann. Und das "Red Bull Media House" war eigentlich doch schon immer eher ein Outdoor-Sports- und Action-Channel.

Schade ist es trotzdem. Schließlich ist es "Servus TV", die uns jeden Tag neu zeigen, wie echtes HD auf Fernsehern aussieht, und das ganz ohne HDplus-Aufschlag. Der genaue Abschalttermin steht noch nicht fest. Vielleicht muss ich "Commissario Montalbano" gegen Kohle bei Amazon fertig schauen.

Servus TV aber bekam in sieben Jahren trotz sehr viel "Red Bull" nur an einem einzigen Tag wirklich Flügel- das war, als Felix Baumgartner dort live aus dem Weltraum sprang. Jetzt nimmt ihnen Red Bull die Flügel endgültig weg.



Update 04.05.: Gibt es auch Anfang Mai-Scherze? Servus TV geht nun doch weiter. Vielleicht war auch nur die "Red Bull"-Dosis zu hoch. Oder doch die Allergie von Dietrich Mateschitz gegen Betriebsräte. Wie auch immer: Auf jeden Fall dürfte "Servus TV" der erste größere Sender sein, der innerhalb von 24 Stunden geschlossen und wiedereröffnet wurde.

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