Danke dafür: Jan Böhmermann hat RTL eine Schwiegertochter gesucht.

Foto: © ZDF / Ben Knabe

Eigentlich bin ich ja kein Fan von Jan Böhmermann. Ich bin eine dieser spießigen Spaß-Bremsen- Spielverderber halt, die von Fernsehmachern selbst unter Kenntnis der Realitäten im Rennen um die immer noch billiger produzierte Quote unerschütterlich ein gewisses Maß der guten alten "Sorgfaltspflicht" erwarten. Das Wort klingt schon an sich verdächtig altbacken und für die Welt der "Scripted Reality" ist man mit solch Bedenkenträgerei wohl auch nicht gemacht.

Dabei bedeutet "Sorgfaltspflicht" eigentlich nichts anderes, als dass man als Fernsehmacher die Folgen seines Tuns für alle daran Beteiligten vorher bedenkt und dann abwägt, ob das Ergebnis diese zumindest einigermaßen rechtfertigt. Zum Beispiel, ob die durchaus verständliche Idee, einen orientalischen Möchtegern-Despoten einmal möglichst krass zu beleidigen, den daraufhin folgenden Stress für Rechtsabteilungen, Mitarbeiter mit Bundesangestelltentarif im diplomatischen Dienst, Chefredakteure mit bedeutungsschwerem Kommentierungsauftrag oder orientierungslose Bundeskanzlerinnen überhaupt wert ist.

Aber jetzt muss Netz-TV sich auch einmal korrigieren. Denn heute ist Jan Böhmermann für mich schlicht und einfach der Held des Tages. Er hat sich in seinem "Neo Magazin Royale" intensiv mit dem Thema "Sorgfaltspflicht" im Fernsehen befasst, auf seine ganz eigene und unverwechselbare Art. Und er erspart damit uns ewig herumkrittelnden Bloggern jede Menge Arbeit.

Zum Beispiel Arbeit mit dem Thema RTL. Die sind doch kreativ bankrott, so war es zum Beispiel hier schon zu lesen. Das Publikum würde sie bestimmt bald mit noch stärker sinkenden Quoten bestrafen. Und so weiter. Und so fort. Dass die Gewinne bei RTL von Rekord zu Rekord eilen, wird dagegen auch hier nicht so oft beschrieben. Nicht, weil dies verschwiegen werden soll. Sondern, weil es dann schwierig wird zu erklären, wie das denn nun alles zusammen passt. Wie der Trick funktioniert, aus Sch... immer mehr Geld zu pressen. Die Geschichte ist für einen simplen Blogbeitrag einfach zu lang. Und fast alle Leser würden sicher weit vor der Pointe am Schluss kopfschüttelnd aussteigen.

Diese Arbeit hat uns Jan Böhmermann gestern abgenommen. Da muss man auch einmal Danke sagen. Denn es gehört auch eine ordentliche Portion Mut dazu, so etwas anzugehen. Egal, ob "Schwiegertochter gesucht" von und mit Vera Int-Veen oder welche "Scripted Reality" auch immer- solche Werke des "modernen" Fernsehens werden von hochintelligenten und ausgefuchsten Profis gemacht. Es braucht also schon ein gewisses Selbstvertrauen, um eine ganze Menge Vorbereitung und Arbeit, also Kosten, in nichts als die eigene Überzeugung zu investieren. In die Überzeugung, dass die sich immer schneller drehende Abwärtsspirale aus Geldgier und quotengeiler Verkommenheit bereits ein Tempo erreicht hat, bei dem man den produzierenden Profis so etwas unterjubeln kann.

Bis auf die Tatsache, dass da niemand misstrauisch wurde und dass mit dem Angebot von 150 Euro "Aufwandsentschädigung" bei "Schwiegertochter gesucht" wohl eine Ebene erreicht wird, auf der den Beteiligten offenkundig gar nichts mehr peinlich ist, gibt es da für am Thema Interessierte eigentlich nichts Neues zu sehen. Aber dass es einmal so schön komprimiert für die Öffentlichkeit aufgezeichnet wurde, ist großes Fernsehen.

Was könnte helfen? Eigentlich nichts. Auch nicht Jan Böhmermann. Erst dann, wenn endlich der Punkt erreicht wird, an dem den Firmen und Marken, die dort ihre Werbung schalten, bewusst wird, wie peinlich für sie dieses "Werbe-Umfeld" ist- erst dann wird sich vielleicht etwas ändern.

Etwas Hoffnung gibt es immer. Zum gerade gewesenen "Screenforce Day" der TV-Vermarkter gab es von den Vertretern der Werbewirtschaft sehr viel Kritik zu hören. An steigenden Werbepreisen, natürlich, undurchsichtigen Rabattierungen und - Hurra! - endlich auch an der Qualität der Programme. Der Ruf nach richtigem Fernsehen statt "Reality-TV" war auch dabei.

In den USA ist die Entwicklung längst weiter. Seitdem die Sender dort den Druck neuer Konkurrenten wie Netflix oder Amazon und den Druck der Werbekunden auf ein qualitativ besseres Umfeld für ihre Spots gleichzeitig spüren, tut sich dort etwas. Ja, sogar völlig Revolutionäres, wie Pläne für eine Verkürzung der Werbeblöcke sind zu hören.

Also, liebe Verwalter der Marketing-Etats: Ihr habt es in der Hand. Rettet uns vor "Schwiegertochter gesucht" und "Reality-TV" a'la Vera Int-Veen. Das Wasser, welches diesen Sumpf so prächtig gedeihen lässt, das ist euer Geld. Es ist höchste Zeit für ein "Umparken im Kopf". Und eine Umleitung.

Kommentare

  1. Wen wundert das Vorgehen von RTL & Co. Das machen die doch schon immer so. Wichtig ist doch nur Quote, nicht Inhalt?!

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    1. Ja. Nein. :-) Früher hätte man Kandidaten genauer angeschaut. Und die hätten fürs Mitmachen deutlich mehr Geld bekommen. Die Quote ist wichtig, ja. Noch wichtiger aber ist, dass bei dieser Art "Fernsehen" unterm Strich viel mehr von RTL verdient wird. Fußball würde noch mehr Quote bringen- kostet aber auch viel. Die Schwiegertochter kostet fast nichts. Und so lange die Werber mitspielen und die Quote bezahlen verdien RTL immer mehr- und wir bekommen immer mehr so ein Zeug zu sehen.

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