Mit "Homeland" in die Nacht bei Sat.1 - die bipolare Störung geht weiter

Zum Einsteigen ins "Homeland": Bei Amazon Prime Video gibt es die ersten vier Staffeln jetzt am Stück. Foto: Amazon

Berlin tut Carrie offensichtlich gut. Sie geht schlafen, einfach so- das alte Ritual ( ordentliche Dosis Weißwein, Tabletten, Ohrstöpsel, Augenbinde ) aus den gefährlichen Zeiten in Islamabad ist erst einmal weg. Es gab deutsche Steuermittel in Millionenhöhe für die Produktion. Carrie hat zwar auch in Berlin den Weltfrieden wieder nicht abschließend sichern können, aber in Babelsberg haben die traditionsreichen Studios das Jahr 2015 mit einem ordentlichen Gewinn beendet und so ist sicher wenigstens der Frieden unter deren Gesellschaftern ein Stück weit wahrscheinlicher.

Und, für den deutschen Markt eigentlich fast noch wichtiger: Carrie, Saul und Peter Quinn haben ein "Homeland" für ihre fünfte Staffel auf einem echten deutschen Fernsehsender gefunden. Entgegen allen Erfahrungen hat Sat.1 für die Mega-Serie noch einmal Geld ausgegeben und sendet jetzt die aktuellen Folgen im Doppelpack Sonntags nach 23 Uhr. Die Qualitäts-Offensive für Nachteulen sozusagen.

Tja. Die Welt ist meist wie das Fernsehen- also eine endlose Wiederholung der immer gleichen Banalitäten. Carries neue Normalität in Berlin wird schnell und erwartungsgemäß wieder von Terror und Geheimdienst-Intrigen überschattet und genau so erwartungsgemäß bleiben die Zuschauer für Sat.1 und "Homeland" am Sonntag Abend nach 23 Uhr weg.

Man habe sich bei Sat.1 zusätzliche Zuschauer durch den Drehort Berlin versprochen, so schreibt DWDL. Ja, okay. Der eine oder andere Berliner vielleicht, der als Statist mitwirken durfte. Aber es gibt nicht wenige sehr erfolgreiche Serien im deutschen Fernsehen, deren Erfolg vor allem darauf beruht, dass sie nicht in Berlin spielen.

Agentin Carrie, wir schrieben es bereits, ist "bipolar gestört"- und damit geradezu ein Sinnbild für die Welt des deutschen Fernsehens. Die "bipolare affektive Störung", so informiert uns Wikipedia, hat "manische Episoden" mit "gesteigertem Antrieb und Rastlosigkeit", welche "oft mit inadäquat euphorischer oder gereizter Stimmung einhergehen" und in denen "die Fähigkeit zur Prüfung der Realität mitunter stark eingeschränkt" ist. Wer längere Zeit bei einem echten TV-Sender beschäftigt war, wird diese Symptome bestimmt nicht nur aus "Homeland" kennen.

Über die Fähigkeit von "Netz-TV" zur Prüfung der Realität muss natürlich der geneigte Leser urteilen und der Weg zur ultimativen Erkenntnis ist und bleibt die Konfrontation und der Selbstversuch. Also habe ich es wieder versucht. Ja, ich gebe es zu, am späten Sonntag Abend wurde ich zum Sat.1-Zuschauer. Denn ich bin ein "Homeland"-Fan. Die Serie ist einfach großartig. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Inhalt. Sondern darum, wie das geschrieben, inszeniert, geschauspielert und erzählt wird. Im Vergleich dazu arbeitet sich gerade die ARD in drei Filmen am NSU-Thema ab. Die "Homeland"-Macher liefern dem Zuschauer ein fünf Sterne Gourmet-Dinner. Die ARD einen halben Teller lauwarme Kartoffelsuppe. Aber man darf unterbrechungsfrei löffeln, zur Hauptsendezeit, direkt nach der "Tagesschau".

Es hat trotzdem nicht geholfen. Irgendwann zwischen Mitternacht und ein Uhr früh bin ich an der Hürde eines weiteren von vielen gefühlt mehrstündigen Werbeblocks gescheitert und ausgestiegen. Am Folgetag habe ich es mit einer "ganzen Episode" auf Abruf bei sat1.de noch einmal versucht. Aber auch da waren die Werbeblöcke deutlich länger als in "Game of Thrones" bei RTL now.

Nein, daraus wird nichts. Jedenfalls nicht mit mir. Wer die großen Qualitäts-Serien für die "Zukunft des Fernsehens" hält, der ist für mich bipolar gestört. Zumindest in dem Teil, der die "Fähigkeit zur Prüfung der Realität" betrifft und das werbefinanzierte Free-TV. Selbst bei deutlich simpler gestrickten Serien als "Homeland", wie zum Beispiel "Bones", war der Effekt ja schon deutlich zu merken. Die klassische Unterbrecher-Werbung zerstört diese Serien. Und da gibt es jetzt eine Alternative.

Die Zukunft von Sat.1, RTL und Co. muss deswegen nicht endgültig manisch depressiv sein. Event-Filme könnten eine Lösung sein. Oder leichtere, eher in den Häppchen zwischen den Werbeblöcken konsumierbare Qualität. Und dazu bleiben die Castings, Reality-TV, die Koch-Shows und Guido Maria Kretschmer.

Ich aber bin dann mal weg. "Homeland" hat jetzt fünf Staffeln, eins bis vier sind zum Einstig jetzt ohne Zusatzkosten bei Amazon Prime und die Staffel fünf ist auch im Maxdome-Paket zu sehen.

Kommentare

  1. Kleiner Tipp: wir sehen via 7TV-App auf dem Fire TV. Ohne Werbeunterbrechung. Und zu humanen Uhrzeiten...

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    1. Ist das so noch kostenfrei? Ich bin geizig. :-) Der Staffelpass kostet bei Amazon 32 Euro.

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