"YouTube Connect" - Google in der Facebook-Livestream-Falle

Screenshot: YouTube
In normalen Firmen würden im Management jetzt reihenweise Verantwortliche gesucht, die mit mehr oder weniger großzügigen Abfindungen und dem Ruf als "Versager" in die Wüste geschickt werden können. Google ist keine normale Firma. Man versucht es statt dessen einmal mehr mit hektischen Notreparaturen.

Dabei hätte man in Moutain View einfach nur zuhören müssen. Zuhören, was im Netz gerade aktuell so los ist. Es war vor etwa einem Jahr, als dort mit Periscope und Meerkat die Apps für den unkomplizierten Video-Livestream von den Usern begeistert angenommen wurden. Aber bei Google war man wohl zu sehr beschäftigt. Zum Beispiel damit, den Social-Network-Versuch Google+ wieder einzustampfen, kurz nachdem man gerade alle YouTuber mit einer Zwangs-Mitgliedschaft erfreut hatte. Oder dem Geld der TV-Werbekunden hinterherzujagen.

"Hochmut kommt vor dem Fall"- das war einer von Opa's vielen Kalendersprüchen. Und Opa hatte wie immer Recht. Facebook ist offenkundig noch nicht hochmütig geworden und hat vor einem Jahr dem Netz zugehört. Und gehandelt. Kurz danach kamen die ersten Live-Streams für Prominente. Anschließend waren es auch nur noch Monate bis zum Live-Stream für alle. Jetzt läuft längst die Professionalisierung, auch mit großen Kooperationspartnern und erst gestern war ich erstaunt, mit welchem Tempo aus der "Generation YouTube" eine "Generation Facebook-Video" wird.

Anscheinend ist man nun doch noch aufgewacht. Jedenfalls berichtet Venturebeat, dass auch YouTube bald eine Livestream-App haben wird, und die heißt dann "YouTube Connect". Bisher hatte man wohl gedacht: "YouTube Live haben wir doch längst auch". Wahrscheinlich hat es bei Google nie jemand ausprobiert, sonst hätte der Unterschied doch jemandem auffallen müssen.

Das Management-Versagen beim Thema Live-Video in Mountain View ist vor allem deshalb so krass, weil die Google-Chefs ja eigentlich nun als skurrile Schweizer mit dem Spruch "Wer hat's erfunden?" herumlaufen könnten. Google brachte einst die Hangout's on Air, als man bei Facebook wohl noch über die optimalen Kurven des "Gefällt mir"-Daumens diskutierte, Meerkatzen noch kleine Affen waren und Periskope zum Gucken aus U-Booten dienten. Noch länger, nach Netz-Maßstäben praktisch schon ewig, gibt es "YouTube Live". Google hatte tolle Ideen, was man damit anfangen könnte- wie die "Helpouts" zum Beispiel. Um dann nach kurzer Zeit das Spielzeug wieder wegzuwerfen und alle Nutzer zu verprellen, so wie auch mit dem Drama um Google+.

Schön, wenn es dann auch bei YouTube eine Livestream-App gibt. Aber die Livestream-Fans haben bis dahin alle die Facebook-App längst probiert. Und dort finden sie das Wichtigste, was ein Livestream zum Leben braucht- ein Publikum. Bei einem Live-Event ist es entscheidend, dass viele schnell informiert werden, dass und wo etwas passiert. Wer wird schon gern Zuschauer, wenn es vorbei ist. Facebook kann das. YouTube informiert seit dem Abwracken von Google+ praktisch nur noch die eigene Filterblase. Und die wird zunehmend spezieller. Denn, so las ich es gestern in einem zugegeben bösen Kommentar: "YouTube wird mehr und mehr zum QVC für die Zielgruppe U30".

Hört wieder zu, liebe Google- und YouTube-Verantwortliche. Legt den Hochmut ab. Und für den Sommer empfehle ich einen gemeinsamen Motivations-Besuch im Kino:

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