Neues von Amazon: Kochen mit twitch.tv und Kaffee trinken mit Balzac

Screenshot: twitch.tv/Food

"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie was man kriegt." So sind sie, diese komischen Amerikaner und so hat es Forrest Gump, der wahre Konfuzius des 20. Jahrhunderts, für alle Zeit auf Film festgehalten. Es hat Jahre gedauert, bevor ich verstanden habe, warum der Salat in US-Restaurants so unterschiedlich ist. Jetzt weiß ich, dass man als Deutscher für die Amis eine schwer verständliche Aussprache hat- und dass es dort neben dem "French Dressing" auch ein "Ranch Dressing" gibt.

Bei Amazon Prime gibt es jetzt jedenfalls mit "The New Yorker Presents" so etwas wie ein sehr ungewöhnliches Dressing fürs Programm und Amazons twitch.tv lernt jetzt kochen. Warum das interessant ist? Ganz einfach: Es widerspricht allem, was uns die Marketing-Fuzzis hierzulande jeden Tag so erzählen.

Wenn die angeblichen Werbe-Fachleute noch ein deutsches Wort verwenden, dann ist das in der Regel "die Zielgruppe". Die "Zielgruppe" von "Prime Video" sind doch aber die "Game of Thrones"-Gucker wie ich. Und twitch.tv ? Dort sind nur blasse Jünglinge in der "League of Legends" zu finden, die zu selten die Sonne sehen.

Amazon hat aber die "Zielgruppen"-Werber jetzt anscheinend zum Austragen von Paketen abkommandiert und besinnt sich auf Forrest Gumps gute, alte Pralinenschachtel. "The New Yorker" präsentiert uns auf hohem ästhetischen Niveau Geschichten über "wer wusste was bei FBI und CIA vor dem 11. September". Man informiert uns, dass der französische Schriftsteller Honoré de Balzac einst 50 Tassen Kaffee am Tag getrunken haben soll und zeigt, wie so ein Tag im Leben des Erschaffers der "Menschlichen Komödie" dann in der Praxis ausgesehen haben könnte.

Das ist Information, Dokumentation, Kultur - also das Wahre, Schöne und Gute im Fernsehen. Also öffentlich-rechtlich. Denn Privatfernsehen ist "Game of Thrones" oder Dschungel. Aber Balzac?

Okay, Kochen ist auch Privatfernsehen. Aber bei twitch.tv? Da sitzen doch die Nerds davor, mit Fertigpizza und Mikrowelle. Trotzdem gibt es da ab sofort den "Food"-Kanal. Der gehört zur Abteilung "Twitch Creative", wo man irgendwann sogar Künstlern beim Schaffen ihrer Werke zusehen soll. Hauptsache live. Das könnte dann sogar der Balzac unserer Tage sein, dem man beim Kaffee trinken und dem künstlerischen Ringen um den nächsten Satz über die Schulter schauen kann.

Der Food-Channel von twitch ist gestern mit einer fast fünftägigen Marathon-Dauersendung gestartet. Da werden alle 201 Folgen der einst legendären US-Kochshow "The French Chef" von und mit Julia Child noch einmal gezeigt. Von Anfang an, also 1963, und in schwarz-weiß.

Keine Ahnung, ob Julia Child einst das "French" oder das "Ranch"-Dressing erfunden hat. Aber sie ist in den USA legendär, weil sie die Pralinenschachtel des Lebens einst für Millionen Amerikaner um Ernährungsmöglichkeiten jenseits von Pancakes, Erdnussbutter und Steaks bereichert hat. Noch mehr als zehn Jahre nach ihrem Tod scheint sie nun sogar Nerds aus der virtuellen Games-Welt in eine unbekannte Galaxie mit Töpfen und Pfannen entführen zu können. Mehr als eine halbe Million haben jedenfalls schon einmal reingeschaut und im Chat ist genau so ein reger und für Außenstehende unzugänglicher Meinungsaustausch zu sehen wie in der "World of Warcraft".

Okay, Julia Child ist einfach wirklich groß, denn Meryl Streep hat sie im Film gespielt. Und Streaming-TV wird das Fernsehen ablösen. Nicht, weil dann dort das "Game of Thrones" für "die Zielgruppe" läuft. Sondern, weil es die für das "Old TV" lebenswichtigen Zielgruppen in Millionen von Grüppchen pulverisieren wird.

Wir schalten zurück an den Herd.

Kommentare

Aktuell meist gelesen: