Am Kreuzweg: Berlinale (fast) ohne deutschen Film, Apple filmt Dr. Dre

Am "Kreuzweg"- aber wohin? Foto: Camino Filmverleih GmbH
Lange nichts geschrieben. Denn es geschieht so viel, aber eigentlich passiert nichts. Alles ist gut. Alles ist wie immer. In Berlin tobt die "Berlinale" durch die Kinosäle, George Clooney war da und der Teufel, der einst Prada trug, also die leibhaftige Meryl Streep leitet die Jury. Und Clooney war sogar im Kanzleramt zu Gast. Also da, wo einen die mehrheitlich ungläubigen Berliner wohl hinschicken würden, auf die Frage, wo in ihrer Stadt das himmlische Gegenstück, also Gott, denn nun zu Hause sei.

Die Formulierungen zeigen es schon, es wird heute kirchlich und wir gehen mal ein Stück auf dem Kreuzweg. Für die ungläubigen Berliner, die es nicht wissen können: Der "Kreuzweg" ist, wie es Wikipedia so unnachahmlich lexikalisch beschreibt, eine "Andachtsübung der römisch-katholischen Kirche, bei der der Beter den einzelnen Stationen dieses Weges folgt". Da nicht alle Katholiken deshalb zum Original-Weg nach Jerusalem fahren können, gibt es dafür in katholischen Landen viele Kreuzwege mit Bildern oder Statuen zum Beten. Und den "Kreuzweg" gibt es auch als Film.

Der Film-Kreuzweg stammt von Regisseur Dietrich Brüggemann und gewann auf der Berlinale 2014 immerhin den "Preis der Ökumenischen Jury" und zusammen mit seiner Schwester Anna konnte sich Dietrich über den "Silbernen Bären" für das "beste Drehbuch" freuen. Im Film geht es um die Probleme von Maria (nomen est omen, würde der Lateiner sagen), die in einem sehr, sehr katholischen Elternhaus aufwächst.

Ich kenne diese Probleme sehr gut, ich komme aus einer solchen Gegend. Ich bin nicht zum "Kreuzweg" ins Kino gegangen. Um es katholisch auszudrücken: Ich habe Schuld auf mich geladen. Damit bin ich nicht allein. "Kreuzweg", so lernen wir wiederum bei Wikipedia, "erhielt auf zahlreichen Filmfestivals Nominierungen und Auszeichnungen". Den "Special Jury Award" auf dem "Abu Dhabi Film Festival" zum Beispiel. Oder den "Stanley Kubrick Award" beim "Traverse City Film Festival". Keine Ahnung, ob Stanley Kubrick jemals bis Traverse City in Michigan gekommen ist. Aber das Festival verweist immerhin auf Michael Moore als Mitbegründer.

Das Budget für "Kreuzweg" war 1,2 Millionen Euro schwer. Der SWR und Arte gaben die Hälfte dazu und der Rest kam von diversen Filmförderern wie der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Deutschen Filmförderfonds. Das Einspielergebnis von "Kreuzweg" in Deutschland betrug stolze 86.200 Euro. In Deutschland, nicht in einem Kino. "Kreuzweg" ist ein typischer Vertreter der "deutschen Filme für den Butterberg". Oder wie böse Menschen sagen: "Filme, die der Zuschauer nicht braucht", beziehungsweise ein "Problemporno".

Denn der Zuschauer ist oft so einfach gestrickt wie ich. Er geht ins Kino, um sich in virtuelle Welten bei "Avatar" oder "Star Wars" zu versenken. Oder um sich bei "Fack ju Göthe" auf die Schenkel zu klopfen. Oder weil ihn eine Geschichte berührt, wie bei "Honig im Kopf". So gut wie niemand geht für "Probleme" ins Kino. Die haben alle auch daheim.

Diese lange Vorgeschichte muss man kennen, wenn man den viel gelesenen "Carta-Text" von Kreuzweg-Macher Dietrich Brüggemann über "Lolasaufen" im Besonderen und deutschen Filmmangel bei der Berlinale im Allgemeinen richtig verstehen will. Denn der Text ist nicht umsonst viel gelesen- er beschreibt die triste Realität sehr genau: Die deutschen Filmemacher sind nur noch mit der Suche nach Geld für ihre Filme beschäftigt.

Und diese Suche wird immer schwieriger. Sie gleicht mehr und mehr einer viel zu großen Schar Hunde, die sich immer heftiger um immer weniger Subventions-Krümel balgen, die von den Förder-Tischen fallen. Die, die an den Tischen sitzen, vergeben immer mehr Speisen und Getränke an die wenigen deutschen Filmemacher, die noch Zuschauer ins Kino locken. Oder vergeben die schönen Förder-Millionen oft sogar schon direkt nach Hollywood, nur um die Filmemacher von dort zur Produktion in deutsche "Locations" und Studios zu locken.

Deshalb und nicht wegen seiner mehr oder weniger alkoholisierten Sprüche ist Til Schweiger der meist beschimpfte und geschmähte deutsche Filmemacher. Die Schadenfreude über die recht wenigen Zuschauer bei seinem aktuellen "Krawumm-Tatort" im Kino ist groß. Hätte er nur mit "Honig im Kopf" nicht insgesamt mehr als 60 Millionen Euro eingespielt. Dann hätte er wohl auch auf etwas mehr Sympathie hoffen können. Nun aber sitzt er mit oben am Fördertisch beim Verteilen und die Hunde beißen ihn alle ins Bein.

Ja, so steht es um den deutschen Film. Und Dietrich Brüggemann, der wohl noch so um die 800 Kreuzwege filmen muss, um so beim Zuschauer anzukommen wie ein Schweiger-Film, analysiert nun, woran die Misere liegt. Mit der dann natürlich folgerichtigen Erkenntnis: Die falschen Leute sitzen am Subventions-Tisch. Man solle sie auswechseln und anders platzieren. Dann würden alle Hunde satt und glücklich und das deutsche Filmemachen gerettet. Dann würden deutsche Filme wieder auf der Berlinale und auf internationalen Festivals "eine Rolle" spielen.

Das mag sein- so zwischen Abu Dhabi und Traverse City, Michigan. Aber schon beim erst kürzlich gewesenen "Sundance Film Festival" eher nicht mehr. Sundance ist die US-Plattform für "Independent"-Filme, also die Filme, die Filmemacher noch außerhalb der großen Blockbuster-Maschinerie Hollywood erstellen. Dort redete in diesem Jahr kaum noch jemand über Subventionen. Neben den Kinos waren aber Netflix und Amazon eifrig unterwegs, um mit für die "Independent"-Szene sehr üppigen Budgets an Dollar-Millionen Filmrechte anzukaufen.

Das ist nur eines von vielen "Nicht-Ereignissen" dieser Tage, die kleine Anzeichen einer stattfindenden großen und grundlegenden Veränderung beim Filmemachen sind. Denn Filme machen wird teurer. Nicht, weil die Schauspieler so unverschämte Gagen fordern, sondern weil schon allein die technischen Anforderungen schnell steigen. Nicht nur das Fernsehen verlangt da im UHD- und HDR-Zeitalter immer mehr. Und auch wenn nicht jeder Kinofilm unbedingt 3D oder Virtual Reality benötigt, wachsen die Ansprüche des Publikums an Bild- und Sound-Qualität bei allen Produktionen rasant.

Die gravierendste Veränderung aber ist gerade die, dass die Ansprüche des Publikums immer mehr in den Mittelpunkt rücken. Filme auf konkurrenzfähigem Niveau werden rasant teurer. Das Publikum wird als Finanzquelle dadurch immer unentbehrlicher, egal ob im Kino, über Streaming-Dienste oder im Pay-TV. Und das Publikum sucht keine Probleme auf dem "Kreuzweg"- es will atemlose Spannung, es will unterhalten, amüsiert und berührt werden.

Deshalb werden neue Förderregeln nicht viel dabei helfen, den deutschen Film zurück zur Bedeutung zu führen. Denn Bedeutung wird immer mehr und immer ausschließlicher am Zuschauer-Erfolg gemessen. Und die Streaming-Dienste fördern diesen Trend noch, indem sie auch Problem-Filme wie "Beasts of no Nation" ermöglichen und so dem gerade in Deutschland besonders stark vertretenen Zuschauer-fernen Autoren-Kino die letzten Refugien nehmen. Schon weil sie zeigen, dass Qualität nicht zwingend wenige Zuschauer zur Folge haben muss. Sondern, dass es gerade eine besondere Qualität ist, wenn man wie bei Schweigers "Honig im Kopf" ganz einfach alle notwendigen Disziplinen beherrscht.

Was das alles nun mit Apple und Dr. Dre zu tun hat? Keine Ahnung. Wenn so viel geschieht aber nichts passiert, wie derzeit, bleibt dem Blogger eben nur der Ausweg des Clickbaiting. Ja, Apple dreht wohl tatsächlich jetzt eine "Serie" für den Apple-TV. Sechsmal eine halbe Stunde mit dem nun bei Apple angestellten Herrn der Kopfhörer, Dr. Dre. Und überall kann man lesen, dass Apple damit jetzt Netflix Konkurrenz mache. Mit in etwa dem Netflix-Produktionsausstoß von drei Tagen in einem ganzen Jahr. Wie gesagt, wenn viel geschieht, aber nichts passiert, bleibt immmer noch Clickbaiting. Mal sehen, ob's funktioniert. Was bleibt uns übrig- wer interessiert sich schon für deutsche Filme.

Wer Dr. Dre ist? Schwer zu beschreiben. So eine Art schwarzer Til Schweiger für alles und alle...

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