Popcorn, bitte - und noch mehr Netflix vs. Fernsehsender

Ab 5. Mai auf Netflix: "Marseille" Foto: Netflix/David Koskas
Das Haarteil saß schlecht bei ZDF-Anchor Claus Kleber heute auf Hubert Burdas DLD-Konferenz in München und die Kameraposition war einfach furchtbar unvorteilhaft. Neben ihm saß ein erstaunlich gelassener, lockerer und souveräner Netflix-CEO Reed Hastings. Erstaunlich locker und gelassen deshalb, weil schon morgen noch weit wegweisendere Worte von ihm erwartet werden. Denn morgen wird Netflix die Ergebnisse des vierten Quartals 2015 veröffentlichen. Und je nachdem, wie sie ausfallen und wie gut sie Red Hastings den Analysten im Live-Interview verkaufen kann, werden Börsen-Milliarden wundersam verschwinden oder aus dem Nichts neu entstehen.

Verkaufen kann er jedenfalls. "Es gibt immer die Tendenz, die Vergangenheit zu romantisieren", so der notorische ausländische Ruhestörer in Deutschlands tief schlummernder Fernsehlandschaft. Daraufhin schlief das Gesicht des ZDF-Moderators zum ersten Mal kurz ein. Denn Kleber macht sich offenkundig Sorgen um sein Metier. Das bisherige Prinzip eines TV-Senders, dass die Fernsehnachrichten in einem linearen Programm auf dem vorhergehenden attraktiven Unterhaltungsprogramm "reiten" könnten und dadurch quasi automatisch ihr Publikum fänden, sei doch eine gute Sache, so Kleber.

Früher, als die Leute noch auf Pferden ritten, so Hastings ganz trocken, hätten sie sehr oft eine Freundschaft zu dem Tier entwickelt. Das wäre auch eine gute Sache gewesen. Trotzdem würden heute alle Auto fahren. Und auf Klebers späteren Hinweis, dass (wohl wegen der ais seiner Sicht ohne feste Fernsehnachrichten fehlenden politischen Unterrichtung) deshalb extreme Politiker wie Donald Trump Zulauf fänden, kam sofort der nächste trockene Konter: "Die Leute wählen rechte Politiker auf Grund realer Ängste und Befürchtungen. Die Eliten müssen das ernst nehmen."

Claus Klebers DLD-Interview mit dem Netflix-Chef, welches er schon mit dem Hinweis auf seinen Brötchengeber ZDF und der launigen Bemerkung "ich bin die Beute, sie sind das Raubtier" Richtung Reed Hastings einleitete, wurde so zum weiteren schönen Beispiel für die zunehmende Nervosität bei den klassischen TV-Sendern in Bezug auf Netflix. Vielleicht sollte er sich mit Hastings Hinweis trösten, Netflix sei mit 70 Millionen Abonnenten gar nicht so groß im Vergleich zu einer Milliarde monatlichen YouTube-Nutzern und TV-Sender würden halt in Zukunft einfach Internet-Firmen werden. Und auf Englisch heißt Raubtier ja "Predator". Spätestens nach der Übersetzung von Klebers englischer Gesprächseinführung klingt es doch schon weit weniger schlimm.

Seit Wolfgang Petersen im gleichnamigen Film George Clooney so bildgewaltig im Nordatlantik versenkte, wissen wir mehr über "The perfect Storm". Es muss eine seltene Konstellation verschiedenster Wetterfaktoren zusammentreffen, erst dann wird es richtig gefährlich. Auf dem US-Markt scheint es fast soweit zu sein. Hastings morgige Ergebnis-Präsentation jedenfalls dürfte ein sicherer Quoten-Renner bei den Verantwortlichen werden.

Denn die Frustration der Verantwortlichen im US-TV über die nach dem Start-Up Muster börsenfinanzierte Content-Explosion bei Netflix ist bei der diesjährigen Pressetour der Television Critics Association (TCA) mit Händen zu greifen. So klagte John Landgraf, CEO von FX Networks, darüber, dass die kommende Netflix-Serie "The Crown" sowie der für den "Golden Globe" nominierte "Master of None" doch ursprünglich FX-Projekte gewesen seien und Netflix habe dann einfach mehr Geld geboten.

"Wir haben einen Gewinn für unsere Aktionäre und unseren Vorstand abzuliefern und wir müssen diesen Profit jedes Jahr steigern, aber niemand achtet auf die Rentabilität mancher Wettbewerber", so Landgraf. Und ob die von NBC genannten Netflix-Zuschauerzahlen korrekt seien wäre er nicht so sicher. Es sei lächerlich, dass Netflix keine Zuschauerzahlen veröffentlichten. Er könne verstehen, dass es Staatsgeheimnisse gebe, aber TV-Quoten würden nicht dazu gehören.

Noch mehr Öl ins Feuer brachte dann bei der TCA-Tour der Content-Chef von Netflix, Ted Sarandos. Er bezeichnete die von NBC genannten Daten als "bemerkenswert unrichtige Zahlen", für die "sie hoffentlich kein Geld bezahlt haben". Und er nannte (Popcorn, bitte!) natürlich auch wieder keine eigenen Werte. Seinen Vortrag widmete er dann wie üblich dem Programm-Marketing für Netflix.

Quoten hätten dabei keinen besonderen Wert für sein Geschäft. Netflix-Kunden fänden das Programm gleich wertvoll, egal ob sie es heute, morgen oder in einer Woche anschauen würden. Und: (noch mehr Popcorn, bitte) "Kann sein, wir produzieren die Show für zwei Millionen Leute, kann sein, wir tun es für 30 Millionen", so Sarandos. Womit er eine neue tolle Zahl in die Marketing-Welt einbrachte, ohne sie als Tatsache zu behaupten.

Im Mai kommt übrigens Obelix zu Netflix. Nein, kein Zeichentrick, sondern der französischste aller Franzosen, der russischen Staatsbürger Gerard Depardieu. Der zeigt dort zwar keinen Kampf mit den Römern, sondern spielt nur die Hauptrolle in der ersten richtig europäischen Netflix-Serie "Marseille". Auch das war bestimmt wieder nicht billig. Aber ein bisschen wie Asterix und Obelix ist die Geschichte von Netflix schon. An wen erinnert mich jetzt Reed Hastings? Morgen wissen wir mehr.

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