Nur eine Pfütze im Live-Stream: "Britain's most famous puddle"

Screenshot: YouTube / chemival1
Fernsehmacher wissen alles. Fernsehmacher können alles. Aber es gibt ein einziges Phänomen, welches sie wohl niemals endgültig verstehen werden: Den Zuschauer. Und je mehr Möglichkeiten sich für diesen zum Zuschauen auftun, um so unergründlicher wird er.

In Großbritannien regnet es viel. Dadurch bilden sich Pfützen. Manchmal auch größere Pfützen, die Fußgänger vor Herausforderungen stellen. Wie in dieser Woche in Newcastle. Und in Newcastle gibt es auch eine findige Marketing-Agentur mit dem Namen "Drummond Central", welche aus ihrem Bürofenster auf eine solche Pfütze schaute.

Live-Streaming ist ja in der neuen Welt des Netz-TV nichts Außergewöhnliches mehr. Mittlerweile so normal, dass es jetzt sogar Deutschen auf YouTube erlaubt wird- ein bisschen. Das notwendige Equipment wird auch immer erschwinglicher. Ja, ich glaube, 2016 wird die Welt liver denn jemals zuvor aus Trilliarden Kanälen auf uns einstreamen.

War es nun Auftragsmangel oder ein Marketing-wissenschaftlich fundierter und in langen Meetings begründeter Plan- wir wissen es nicht wirklich. Jedenfalls stellte "Drummond Central" eine Kamera ins Bürofenster und sendete das Bild der Newcastler Pfütze mit Hilfe der Livestreaming-App Periscope hinaus ins weltweite Netz. Pfütze heißt auf Englisch "Puddle" und so wurde dazu noch der griffige Hashtag #DrummondPuddleWatch geboren.

Daraufhin geschah etwas, worüber sicher noch Doktorarbeiten und zahllose einschlägige Fach-Referate zu schreiben sein werden. Okay, Periscope ist nun in Sachen Bildqualität kein UHD-TV auf der Höhe der Zeit, aber im Prinzip ist das ja Fernsehen. Fernsehen im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch wir hier in Deutschland konnten die Pfütze in Newcastle mit Hilfe der App von fern sehen.

Nun ist "Slow TV" ja unter Kennern auch nichts Neues mehr. In Norwegen gibt es Strick-Wettbewerbe im Fernsehen und anderswo fahren Kameras im Führerstand von Zügen stundenlang mit. Die "Puddle" von Newcastle ist aber so etwas wie der Sprung in eine neue Qualität und somit quasi Fernsehgeschichte.

Denn, wie man oben erkennen kann, da passiert eigentlich nichts. Stundenlang. Gar nichts. Okay, inmitten der Pfütze ist ein Warnschild, das da ein Spaßvogel aufgestellt hat. Hin und wieder kommen Passanten und versuchen, das Problem der Pfütze auf verschiedene Arten zu lösen. Es gibt sportliche Sprünge, diverse Versuche zur Umgehung und wieder andere laufen, so wie einst Jesus über den See Genezareth, einfach darüber hinweg. Das alles wird dann online live von den Zuschauern kommentiert. Dazu brauchten die nicht einmal einen "Second Screen". Mit der App geht das alles auch auf einem.

Und ja, ganz klein ist es im Screenshot oben zu erkennen: Gerade schauen knapp 20.000 Zuschauer zu. Live, in diesem Moment. Insgesamt dürften es noch wesentlich mehr gewesen sein. Unter dem Hashtag #DrummondPuddleWatch meldete Twitter "über 50.000" Tweets. Gerüchteweise sollen auf Ebay Mondpreise für eine Flasche Original-Pfützenbrackwasser geboten worden sein und die Produktivität in britischen Büros sei am Mittwoch messbar gesunken.

Tja. Vielleicht wird die Zukunft des Fernsehens wieder einmal ganz anders als man denkt. Denn "mal etwas Anderes sehen" ist ja eigentlich einer der am häufigsten geäußerten Zuschauer-Wünsche. Aber für "Puddle Watch" ist es jetzt zu spät. Denn der Pfütze selbst hat so viel Aufmerksamkeit nicht gut getan. Völlig unromantische Straßenarbeiter der Stadt Newcastle haben "Britain's most famous puddle" jetzt trocken gelegt.

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