"Morgen hör ich auf": Das unkomplexe "deutsche Breaking Bad" ist da.

Familie Lehmann (v.l.n.r.: Mutter Julia (Susanne Wolff), Sohn Vincent (Moritz Jahn), Tochter Laura (Janina Fautz), Nadine (Katarina Kron) und hinter dem Sofa Vater Jochen (Bastian Pastewka) © ZDF/ Mathias Bothor

Das hat Bastian Pastewka nicht verdient. Denn eigentlich hätte die fünfteilige Mini-Serie "Morgen hör ich auf" für ihn der offenbar gewünschte Durchbruch sein können. Denn Bastian Pastewka will sich anscheinend vom "Comedian" zum ernsthaften "Darsteller" wandeln. Vielleicht deshalb hat er wohl im Vorjahr sogar die Freundschaft mit Oliver Kalkofe riskiert. Wer in Deutschland vom "Comedian" zum "Darsteller" aufsteigen will, darf nicht den "Inspektor Very Long" in Filmkunstwerken wie "Der Wixxer" spielen. Er muss sich möglichst ausschließlich "gesellschaftskritischen" Themen zuwenden.

Dass kann auch durchaus einmal das Thema der deutschen Mittelschicht und ihrer Abstiegsängste im sich rasant verändernden wirtschaftlichen Umfeld sein. Obwohl das eher seltener der Fall ist, denn wer die Mittelschicht gesellschaftskritisch zu sehr verschreckt, verspielt vielleicht damit seine Chance auf den Hauptgewinn einer Gastrolle auf dem "Traumschiff". Sei es wie es sei: Es ist die verquere deutsche Ausgangslage, die dazu führt, dass "Morgen höre ich auf" scheitert. Scheitern muss, egal wie toll die daran Beteiligten ihren Job auch machen.

Die Tragödie begann mit einigen wohl nicht ganz durchdachten Worten von ZDF-Programmchef Norbert Himmler. Auf die damals überall zu hörende Frage nach dem deutschen Pendant zum US-Mega-Erfolg "Breaking Bad" antwortete er, das ZDF plane "horizontale Geschichten" über eine Woche hinweg zu erzählen, vergleichbar mit "Breaking Bad". Anfang 2015 (kein Schreibfehler) solle "an vier aufeinanderfolgenden Tagen" eine Mini-Serie mit dem Titel "Morgen hör ich auf" zu sehen sein. Bastian Pastewka spiele darin einen "arbeitslosen Grafiker", der seine Fertigkeiten nutze, um seine Familie durchzubringen.

Wahrscheinlich seit genau diesem Moment liegt so etwas wie "der Fluch des Brian Cranston" über dem Projekt. Denn "Programmchef" ist in öffentlich-rechtlichen Anstalten "ganz weit oben". Das Projekt bekam zu viel Aufmerksamkeit. Und nun ist aus dem "arbeitslosen Grafiker" ein notleidender Unternehmer geworden und nur wer "Breaking Bad" gesehen hat, kann erahnen, warum da ständig zusammenhanglos ein 50 Euro-Schein im trüben Wasser schwimmt.

Ob es daran lag, dass nach den wegweisenden Worten zu viele mitreden wollten oder woran auch immer- mit einem Jahr Verspätung ist das Werk nun da. Und wird jetzt plötzlich nicht mehr "an vier aufeinanderfolgenden Tagen" gesendet. Dabei sollte doch genau diese "kompakte Programmierung" es laut Herrn Himmler "dem Zuschauer erleichtern, den horizontalen Erzählsträngen zu folgen und eine höhere Komplexität der Geschichte und ihrer Figuren erlauben." Spätestens nach der Sichtung des Ergebnisses verschwand die "kompakte Programmierung". Denn "komplexe Geschichten" kennt "Morgen höre ich auf", so wie fast alle deutschen Serien, nicht.

Was ist dann eigentlich eine "komplexe Serie"? Na, ganz einfach: Zum Beispiel "Breaking Bad". Die "Schlüsselfolge" der Serie ist, so will es ja zumindest Netflix herausgefunden haben, die Folge, in der die Badewanne mit, na sie wissen schon, durch die Decke in Jesse Pinkmans Korridor kracht. Das bringt uns dem Geheimnis vielleicht ein wenig näher.

Denn "Breaking Bad" ist eben mehr als die Geschichte des Walter White alias Brian Cranston, der ähnlich wie Bastian Pastewka in "Morgen hör ich auf", in Geldnot gerät und deshalb die verborgenen Talente in sich entdeckt. Es ist eben auch die epische Geschichte des kleinen Ganoven Jesse, der immer wieder mit seinem Gewissen Konflikt gerät. Es ist die Geschichte der Polizisten-Familie Schrader, die mit Kleptomanie und Angstzuständen kämpft. Es ist die Geschichte des schwarzen Muster-Unternehmers Gustavo Fring, der auch noch Gourmet und Drogenpate ist. Es ist die Geschichte des Profikillers mit Herz Mike Ehrmanntraut. Es ist die Geschichte des windigen Anwalts Saul Goodmann, die als Nebenrolle Nummer sieben oder acht nach dem Hauptdarsteller immer noch inhaltsreich und lebensvoll genug ist, um daraus eine weitere Serie zu entwickeln.

Das alles wird bei "Breaking Bad" über die Staffeln hinweg kunstvoll zu einem prallen und lebensechten Kleinstadt-Universum verwoben, so dass die Entwicklung aller Figuren glaubhaft nachvollziehbar ist. Wenn es dann dem Ende entgegen geht, kann der ehemalige spießige Chemielehrer Walter White mit den grandiosen Unterhosen dem ehemaligen Kleinganoven Jesse Pinkman glaubhaft versichern: "Ich bin im Imperien-Geschäft".

Bastian Pastewka ist dagegen in "Morgen höre ich auf" weitgehend allein und von Schablonen statt Geschichten umgeben. So gleitet die ursprünglich so gute Grundidee dann zwangsläufig in eine Mischung aus SOKO-Billigprodukt, Pastewka-Comedy und Degeto-Familienserien-Magerquark ab. Wenn "komplexe Geschichten" die Geschichten verlieren, bleiben "Komplexe" übrig. Und 50 Euro-Scheine im trüben Wasser.

Schade. Lernt lieber von den US-Vorbildern, anstatt sie schlecht zu kopieren. Erzählt wieder Geschichten. Davon gibt es auch in Deutschland so unendlich viele, dass man problemlos mehrere zu einer Großen mischen kann. Das ist gar nicht so schwer. Niemand braucht ein "deutsches Breaking Bad". Statt dessen hätten wir gern Geschichten, von denen andere gern eine "amerikanische" Version wollen.

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