Irre? NBC wirbt mit Netflix-Zahlen und Apple soll Time Warner kaufen.

Schon gehört? Die meisten Netflixe schauen "Orange is the New Black" Foto: Netflix
"Die Berichte über unseren Tod sind stark übertrieben". Mit diesem griffigen Mark Twain - Zitat eröffnete dieser Tage Alan Wurtzel, "President of Research & Development" beim US-TV-Giganten NBC seine Präsentation zur Pressetour der Television Critics Association (TCA), auf der das US-Fernsehen traditionell seine aktuellen Programme den Kritikern und auch den Werbekunden anpreist.

Das stimmt. Aber während in Deutschland die TV-Verantwortlichen noch tief und fest schlafen, ist auf dem TV-Markt in den USA längst die Hölle los. Richtig ist, dass noch keiner gestorben ist. Aber wenn zum Beispiel die Aktionäre von Time Warner den Medien-Konzern gern verkaufen würden, obwohl er nach wie vor verlässlich Milliarden verdient, dann stimmt etwas nicht. Bei Netflix-Aktien zum Beispiel greifen die Aktionäre trotz Fragezeichen auch bei Rekordpreisen weiterhin gern zu.

Die aktuellen Berichte jedoch, dass Apple den HBO- und CNN-Konzern kaufen wolle, kann ich mir nur dadurch erklären, dass entweder die Berichterstatter alle iWatch-Käufer sind oder Apple verrückt geworden sein muss. Ja, Apple hat Massen von Geld im Speicher. Ja, wer Time Warner kaufen will, braucht Massen von Geld. Ja, Apple sucht praktisch seit Jahren erfolglos nach attraktiven Inhalten für sein "Apple-TV". Ja, "Game of Thrones" wäre ein attraktiver Inhalt. Dennoch wäre es eine Gleichung für ganz Simple, das einfach zusammenzurechnen.

Denn da wird schlicht übersehen, womit Time Warner sein Geld verdient- über die hohen Kabelgebühren seiner US-Kunden. Und Time Warner für viele Milliarden zu kaufen, um den Konzern dann per Internet-TV zu ruinieren, ist irgendwie ökonomisch sinnfrei. Auch wenn man dann attraktive Programme wie "Game of Thrones" auf dem "Apple-TV" zeigen kann.

Ökonomisch sinnfrei auch deshalb, weil das Problem, wie Netflix zeigt, doch viel einfacher zu lösen ist. Und deren Erfolgsrezept ist viel leichter zu durchschauen, als Netflix selbst es uns weismachen will. Denn statt "geheimnisvoller Algorithmen" ist dort viel mehr ein uraltes Hollywood-Geheimnis am Werk. Es lautet: "Hör auf deine Zuschauer, was sie sehen wollen und dann nimm genug Geld in die Hand, um es mit den Besten am besten zeigen zu können". Und dazu noch: Schalte nicht um auf Werbung, wenn das Biest um die Ecke schleicht.

Womit wir wieder bei Netflix wären und den Präsentationen der klassischen TV-Sender, bei denen im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit der Werbe-Fuzzis eben dieses alte Hollywood-Rezept nicht mehr durchgehend so präsent ist. Aber der Herr Wurtzel (wie sprechen Amerikaner den Namen aus? ) hatte zur TCA-Präsi noch etwas Besseres als Mark Twain-Zitate mitgebracht: Echte Netflix-Zuschauerzahlen.

Die gibt es offiziell ja bekanntlich gar nicht, deshalb ist es erst einmal interessant, woher. Nein, Herr Wurtzel hat keine Agenten, die nachts heimlich in Reed Hastings Schreibtisch wühlen. In den USA gibt es für jeden Bedarf ein StartUp. Egal, für was. Auch für nicht öffentliche Zuschauerzahlen.

Das geht so: Da ist die Firma "Symphony Advanced Media" (klingt in US-Englisch gewiss besser wie "Wurtzel") und die hat eine Smartphone-App namens "MI mobile". Keine Angst, das "MI" steht nicht für die da, sondern für "Media Insights". Und wer die App auf seinem Smartphone aktiviert, dem wird sogar Geld versprochen. Und da "Symphony" mit seiner Meinung, das Ding sei immer bei uns, egal wo, bestimmt gar nicht so verkehrt liegt, könnte es sogar funktionieren.

Zur Freude der Datenschützer lauscht dann die App in die Wohnung hinein und anhand der Töne kann man sehr genau feststellen, was wir gerade fernsehen. Völlig egal ob on demand, linear, nonlinear, analog, per Wasserleitung oder was auch immer. Wahrscheinlich kann man sogar die Daten mit Schnarch-Geräuschen herausfiltern, was theoretisch eine weit größere Genauigkeit als die GfK-Quoten ergeben würde.

Herr Wurtzel meinte nun, dass er anhand dieser Daten beweisen könnte, dass Netflix doch kein so gefährlicher Konkurrent für die großen TV-Sender sei. Denn Symphony habe gemessen, dass zwischen September und Dezember innerhalb von 35 Tagen eine "Jessica Jones"-Episode durchschnittlich 4,8 Millionen Zuschauer in der berühmt-berüchtigten "Zielgruppe" der 18 bis 49 Jahre alten Zuschauer erreichte. Entgegen vielen gut platzierten Gerüchten ist diese Zielgruppe keine Erfindung von Ex-RTL-Chef Helmut Thoma. Er, so Thoma, habe das damals nur einfach so aus den USA übernommen, weil die RTL-Zahlen dann am besten aussahen.

Bei NBC funktioniert diese Zielgruppe genauso prima- bei den 18 bis 49-jährigen ist man US-Marktführer, "nur" bei allen Zuschauern ist es CBS. Und 4,8 Millionen für "Jessica Jones" seien nicht viel im Vergleich mit den großen Shows und Serien im klassischen TV. Dazu käme, dass die meisten der Zuschauer einer neuen Netflix-Produktion nach drei Wochen wieder zum alten Fernsehverhalten zurückkehren würden. "Dann schauen sie wieder Fernsehen, so wie Gott es vorbestimmt hat", so Wurtzel. Eben traditionell und linear. "Der Effekt geht vorbei."

Ja, auch das mag irgendwie stimmen. Die meisten Netflix-User werden durch die großen "Netflix Originals" angezogen. Und da hat es nach Premieren wie "Jessica Jones" oft eine Weile gedauert, bis das nächste große "Netflix Original" online ging. In dieser Zwischenzeit schauen viele "Netflixe" sicher auch ganz "normales" Fernsehen. Was aber, wenn es gar keine "Rückkehr", sondern ein "Warten" ist? Und irgendwann keiner mehr warten muss, weil die Netflix-Produktion mehr liefert, als man schauen kann?

Dann könnten die Zahlen des Herrn Wurtzel nicht die Schwäche, sondern die Stärke von Netflix zeigen. Denn 4,8 Millionen für Jessica Jones bedeuten noch Abstand, ja- aber auch schon erstaunlich gute Sichtweite. Wenn es nicht um die NFL geht, wären 10 Millionen eine Zahl, die auch NBC wochenlang feiern würden. Gut 10 Millionen Zuschauer erreichte zum Beispiel die erste Staffel "The Blacklist" bei NBC im Durchschnitt. Insgesamt- nicht in der Zielgruppe. Da waren es etwa 3 Millionen. Also weniger als "Jessica Jones" bei Netflix.

Der "Master of None" bei Netflix schaffte mit 3,9 Millionen immer noch mehr. Und auch die 3,2 Millionen für "Narcos" sehen da im Vergleich gar nicht schlecht aus. Die nach eigenen Angaben von Netflix dort meistgesehene Serie, "Orange is the New Black", sahen immer noch 644 Tausend- obwohl es im Untersuchungszeitraum gar keine neue Staffel gab, das letzte frische Material kam im Juni.

Für mich sieht es so aus, als habe Alan Wurtzel Netflix statt NBC präsentiert. Und auch die Zahl 2,1 Millionen für Amazons "Mann im hohen Schloss" finde ich für den US-Markt ziemlich beachtlich. Vielleicht sollte sich NBC schnell an Apple verkaufen. Denn jetzt bauen schon zwei am Todesstern. Ein wenig kämpfen tun die US-TV-Sender ja schon wie die Ewoks. Aber es ist nirgends ein Luke Skywalker in Sicht:

Kommentare

  1. Interessant. Aber ihr dürft ruhig auf die Quellen verweisen, von der ihr diese Informationen habt. Oder übersehe ich da was? Der Artikel dürfte doch wohl hierher stammen: http://www.adweek.com/news/television/why-nbc-says-netflix-does-not-yet-pose-consistent-threat-broadcasters-168985

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    1. Das machen wir normalerweise auch- wenn wir wissen, von wo die Nachricht stammt. Wenn nicht, dann kommt sie aus vielen Quellen. Erster war diesmal vielleicht "Deadline", zuerst gefunden habe ich es bei "Variety". Und auch beim "Hollywood Reporter". Ist manchmal schwierig, wenn so viele Quellen im Spiel sind.

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