Manufaktur der Träume- im dunklen Herbst der deutschen Medien


Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben. Aber ich mag Dresden. Ich mag die Sachsen. In der sehr sächsischen Provinz um Chemnitz habe ich meine Lehrjahre verbracht und ich hatte auch das Privileg, längere Zeit in Dresden zu leben.

Ja, die Sachsen sind anders. Da ist noch irgend etwas, etwas, dass in anderen Teilen Deutschlands längst irgendwie verloren gegangen ist. Statt großer quadratischer Einkaufszentren aus billigem und schäbigen Investor-Beton bauen sie in ihrer Landeshauptstadt lieber Schlösser und riesige Kirchen aus echtem Sandstein. Aber ich versichere, es sind eigentlich völlig harmlose und freundliche Menschen. Ihr Lebenstraum ist das friedliche Dorf am Wald. Eine gute Tasse Kaffee und ein gutes Stück Kuchen und der Blick aus dem Fenster der warmen Stube in die nachmittägliche Natur- das ist die sächsische Definition von Glück.

Jetzt sind sie irgendwie in Verruf geraten. Und irgendwie auch ein NetzTV-Phänomen. Weil sie sich vor der "Islamisierung des Abendlandes" fürchten und dagegen demonstrieren. Und beginnen, dafür die neuen Medien zu nutzen. Und die alten Medien statt dessen unsächsisch aggressiv als "Lügenpresse" beschimpfen. Oder eben "Lühgenbresse", wie es korrekt auf sächsisch heißen muss.

Weit mehr als eine viertel Million Zuschauer haben sich mittlerweile die Jubiläums-Demo zum Pegida-Geburtstag auf YouTube angesehen. Das ist ein "YouTube Live"-Video von Herrn Bachmann persönlich. Ob er es wohl angemeldet hat? Und wenn ja: Wer hat es genehmigt? Aber egal. Fünfstellig war jedenfalls bereits die Zahl derer, die live auf YouTube zuschauten. Manchmal ist YouTube Live eben in Deutschland "möglich". Jedenfalls dann, wenn nicht gespielt wird.

Fast 180.000 Leuten "gefällt" Pegida bei Facebook. Können das alles Nazis sein? Das wäre nicht mehr das Sachsen, das ich kenne.

Aber was kennt man schon wirklich. Was ist Traum, was ist Realität? Wer weiß das schon wirklich. Angefangen hat das ganze Drama vielleicht mit irgendwelchen Pegidisten, die beim Dresdner "Abendspaziergang" dabei waren und dann in Fernsehen oder Zeitung Berichte fanden- über eine Veranstaltung, die sie selbst so nicht erlebt hatten. Oder auch schon früher beim Thema Russland und Ukraine. Irgendwas hat sich verändert. Grundlegend. Und nicht nur in Sachsen.

Es ist gerade mal drei Jahre her, dass ich für den heimischen Thüringer Monopol-Zeitungsverlag ein Projekt für Nachrichten-Videos aufbauen sollte. Thüringen ist wie Sachsen irgendwie weit weg und Provinz. Es gibt Tage, da passiert einfach nichts. Manchmal sogar Wochen. Dann sind wir rausgegangen auf die Straßen der Landeshauptstadt und haben die Passanten nach ihrer Meinung befragt. Zu irgend etwas gerade hochpolitischem oder skurrilem. Nicht alle wollten ihre Meinung vor der Kamera sagen. Aber fast alle fühlten sich geehrt, von "ihrer" Zeitung so ernsthaft nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Viele gaben uns freundlich Ratschläge ( ...da müsst ihr mal drüber berichten! ) mit auf den Weg. 36 Monate später bräuchten wir auch hier vielleicht Polizeischutz.

Woran könnte es liegen? Am Wetter? An bösen Nazis? An finsteren Mächten, die den Journalisten falsche Berichterstattung befehlen? Schwer zu sagen. Aber dann fand ich bei "Spiegel-TV" das hier und alles wurde ein wenig klarer:



Da sitzen sie nun in ihrer Redaktion und haben Angst. Angst vor den Kuchen essenden, Kaffee trinkenden und Kirchen bauenden Sachsen. Also vor denen, die sie informieren sollen. Und verstehen die Welt nicht mehr. Eine Welt, in der zum Beispiel die Thüringer Zeitungen in den letzten zwölf Monaten noch einmal deutlich mehr Abonnenten verloren haben, als in den zwölf Monaten davor. Und da waren es auch schon ziemlich viele. Dabei müssten es doch eigentlich weniger werden. Denn die Zahl derer, die noch ein Abonnement zum Kündigen haben, ist nicht mehr so groß. Und auch in Sachsen sieht es nicht wirklich besser aus.

Seit Jahren wird deshalb bei den Verlagen gespart und der Arbeitsdruck höher. Zuerst gingen die, die auch anderswo gute Chancen hatten. Das waren dummerweise oft die besten Köpfe. Dann wurden die ersten gegangen, weil niemand mehr freiwillig ging. Geblieben sind die, die sich nicht wehrten. Und ohne Murren immer mehr Seiten mit immer weniger Leuten füllen.

Aus Redaktionen mit Journalisten wurden Büros voller Angestellte mit Angst. Angst, irgendwie anzuecken oder aufzufallen und so der Nächste zu sein. Leute, wie die im "SpiegelTV"-Bericht oben. Die vor sich selbst sich das Ganze dann irgendwie schön lügen. Die vielleicht manchmal selbst noch glauben, zu schreiben was ist, statt in vorauseilendem Gehorsam das zu verfassen, von dem sie glauben, dass es "oben" gefällt. Wobei "oben" eben alles ist- Chefredakteur, Verlagsleiter, Bürgermeister oder mächtige Parteifunktionäre vor Ort. Nur nicht der ganz normale sächsische Leser bei Kaffee und Kuchen, der das Ganze doch teuer bezahlt.

Der hat dann "die Rolle der Medien" nicht verstanden. Zum Beispiel, dass man doch in eine bestimmte Richtung Bericht erstatten müsse. Weil Pegida "dem Tourismus schadet". Und jetzt keine Wissenschaftler mehr nach Sachsen kommen.

Die merken nichts mehr. Die träumen. Denn es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass auch ein Will McAvoy ihnen sofort Schläge anbieten würde, wenn sie seinen "Newsroom" in der gleichnamigen Serie nicht sofort verlassen. Nicht nur finstere Pegidisten.

Oft begreift man erst, wie schön etwas war, wenn es lange vorbei ist. Oder man träumt vielleicht auch einen Traum von einer früheren Realität, die so nie gewesen ist. Wenn man von der Autobahn A4 ins Erzgebirge hinauf fährt, kommt man weit oben dann nach Annaberg-Buchholz. Dort gibt es die "Manufaktur der Träume", ein wunderschönes und hochmodernes Museum mit den einstigen Werken der erzgebirgischen Schnitzer. Die "Manufaktur der Träume" hat eine obere Etage, da ist der Ausstellungsraum ganz dunkel. Dann hört man das harte Knirschen der Stiefel im Schnee. Die Glocken der Kirche läuten. Die Musik zur Weihnachtsmesse ertönt. Dazu werden die Weihnachts-Schnitzereien im Raum wunderschön mit Licht inszeniert. Ein wenig Phantasie und man ist mittendrin in der guten, alten Zeit. So muss es gewesen sein, in glücklichen Kindertagen. Als die Welt noch in Ordnung war.

Aber die gute alte Zeit kommt nicht zurück. Es kann sie auch niemand herbeiberichten. Aber wer nicht einmal mehr die Träume der Menschen kennt, der kann ihnen gar nichts mehr berichten. Und wer selbst nur noch träumt, der auch nicht.

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