Honig im Kopf (2) - deutsche Filme für den Butterberg


Die schönsten Komödien schreibt immer noch das Leben. Vor allem dann, wenn es um Geld geht. Und spätestens dann, wenn das Geld anderer Leute zur Verteilung ansteht, wird es immer richtig lustig. Oder so.

Die Streaming-Giganten Amazon und Netflix aus den USA haben jedenfalls deutsche Verbündete gefunden, die sie vor der ebenfalls sehr deutschen und Amerikanern gewiss sehr fremden Erfindung "Filmabgabe" bewahren wollen. Mir persönlich wäre es ja völlig egal, wenn Netflix oder Amazon eine Filmabgabe bezahlen müssten. Nur habe ich das dunkle Gefühl, dass diese schrecklichen Konzerne stets Geld verdienen wollen und derlei Abgaben dann mir als Endverbraucher irgendwie aus der Tasche ziehen. So wie die Amis es eben immer machen und deshalb den deutschen Touristen gern 15% "Tip" gleich auf die Restaurant-Rechnung schreiben, damit die den Kellner nicht aus Unwissenheit zechprellen.

Deshalb beruhigt es mich, zu wissen, dass der deutsche Film das Geld von Netflix und Amazon gar nicht braucht. Die "Branchenverbände der Digitalwirtschaft" ANGA, Bitkom und eco lehnen jedenfalls Abgaben, um damit zusätzliche Einnahmen für die staatliche Filmförderung zu generieren, für die Anbieter von Internetzugängen wie für Übertragungsplattformen (also auch Netflix, Amazon und Co.) entschieden ab. Eine Ausweitung der Filmförderung sei weder sachlich zu rechtfertigen noch notwendig. Und die Begründung ist richtig klasse: Die vorhandenen Mittel würden vollkommen ausreichen, wenn ihre Vergabe nur besser organisiert wäre.

Ja, die Älteren und Sparsameren unter uns wissen noch, was das war: "Molkereibutter aus Interventionsbeständen". Die gab es immer spottbillig zu Weihnachten, von der EU, um die riesigen Lager nicht benötigter Butter etwas zu leeren, die auf Grund der Landwirtschafts-Subventionen immer voller wurden. Das war der "Butterberg". Es gab auch "Milchseen" und "Fleischberge".

Die "Filmabgabe" wiederum ist ja auch so eine Art Subvention. Und siehe da: So wie einst die Butterberge und Milchseen gibt es jetzt eine deutsche Spielfilmhalde. Oder so. Das hat jedenfalls der ehemalige Präsident der "Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf", Prof. Dr. Dieter Wiedemann festgestellt. Also nicht einfach so, sondern in einem "filmökonomischen Gutachten im Auftrag der Digitalwirtschaft".

Jetzt ist es mit Studien und Gutachten so eine Sache. Aber interessant ist es schon, was der Professor Wiedemann da so herausgefunden hat. Deutsche Filmfördereinrichtungen hätten zwischen 2010 und 2012 insgesamt 1.501 Filmprojekte finanziell unterstützt. Bis zum Jahr 2014 wurden davon aber nur 1.093 Filme tatsächlich in der Öffentlichkeit gezeigt. Die deutschen TV-Sender strahlten derzeit sogar weniger als die Hälfte der produzierten deutschen Kinofilme aus. Es läuft also nicht immer so gut wie bei "Honig im Kopf". Eher klingt das nach Änderungsbedarf. Nach der Frage, ob nicht andere Förderungen vielleicht sinnvoller sein könnten.

Die hammerharte wissenschaftliche Schlussfolgerung von Professor Wiedemann lautet jedenfalls: Es gäbe eine Überproduktion an deutschen Filmen und eine "Überförderung" von wirtschaftlich nicht erfolgreichen Projekten. Deutsche Filme werden also für teures Geld produziert, um sie auf dem Butterberg wegzuwerfen. Oder es würden Projekte gefördert, die kein Zuschauer braucht.

So wie zum Beispiel "Jeder hat einen Plan" von Ana Piterberg. Das Regiedebüt einer argentinischen Regisseurin in einer argentinisch-spanisch-deutschen Koproduktion wurde von der Filmförderungs-Anstalt mit 720.000€ gefördert und erreichte 3.167 Besucherinnen und Besucher. Das entspricht 227,34€ Fördermittel pro Zuschauer. So eine Quote gibt es sonst noch maximal in der Oper.

Statt einer Ausweitung der Filmförderung (und damit Abgaben der SVOD-Anbieter) schlägt der Gutachter nun zahlreiche "strukturelle Änderungen" vor. So sollten geförderte Filme nicht immer zuerst im Kino gezeigt werden müssen. Stattdessen müssten neue Plattformen wie zum Beispiel Streaming-Dienste im Internet berücksichtigt werden, um jüngere Zielgruppen zu erreichen.

Das hieße dann also, dass mit der Filmförderungs-Abgabe aus dem Kino auch Filme für dessen Streaming-Konkurrenz gefördert werden sollen. Also zum Beispiel so etwas wie ein deutsches "Beasts of no Nation".

Bei den deutschen Filmemachern wird die Idee gewiss ungeteilte Begeisterung hervorrufen. Bis dahin nehmen wir uns eine Tüte Popcorn. Und gucken noch mal nach diesem Film von dieser argentinischen Nachwuchs-Regisseurin. Sieht doch gar nicht so schlecht aus. Möglicherweise wusste ja nur niemand von diesem Werk. Vielleicht sollten sich Netflix und Amazon seiner annehmen. Teuer ist er bestimmt nicht. Und bei bisher 3.000 Zuschauern ist er quasi exklusiv:

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