Anonymus erklärt dem IS den Krieg. Die Werber erklären ihn uns.

Screenshot: YouTube
Es ist eine Welt, die wir nicht verstehen. Und man kann die Authentizität der Botschaft auch nicht überprüfen. Im Prinzip kann sich jeder "Anonymus" nennen. Aber das unbekannte "Kollektiv" aus den dunklen Tiefen des Netzes hat nach den Anschlägen von Paris dem "Islamic State" offiziell per YouTube den Krieg erklärt. "Wir bereiten die größte Operation gegen euch vor, die es je gab. Erwartet massive Cyber-Attacken. Bereitet Euch vor."

Jetzt könnte man darüber lächeln. So ein Nerd und Hacktivisten-Ulkfasching halt. Wie viele Bomber, Kanonen und Soldaten hat "Anonymus"? Okay, nach den Morden bei "Charlie Hebdo" gab es bereits Aktivitäten. So wurden Websites aus dem IS-Umfeld attackiert, zum Absturz gebracht und mit Anti-IS-Botschaften "verziert". Und das war völlig neu: Die Hacker von "Ghostsec", die zu Anonymus gehören sollen, gaben erbeutete Daten an den sonstigen "Feind" weiter- an den US-Geheimdienst.

Aber von diesem ganzen Kram haben wir Otto-Normaldatennutzer und Fernseh-Glotzer keine Ahnung. Das geht uns nichts an. Wir freuen uns, wenn zum Beispiel Samsung uns die Sache mit dem Smart-TV etwas einfacher macht. Und dass komische Nerds mit Spitzbart-Masken böse Terroristen mit Maschinenpistolen und Sprengstoff-Gürteln ernsthaft ärgern könnten, ist doch wohl völlig ausgeschlossen. Oder?

Na ja. Zumindest gibt es da eine galaktisch große, dunkle und für uns unbegreifliche Welt hinter den Routern, in der sich "Anonymus" bewegt. Eine Welt, in der erstaunliche Vorgänge möglich sind. Immer mehr Dinge in unserer Welt sind "online". Nicht nur Fernseher werden "smart". Die Datenwelt bringt uns die Netflix-Filme, ja. Sie verwaltet unser Geld. Steuert Flugzeuge, Züge und Autos. Kontrolliert unsere Heizung und den Stromzähler. Weiß über das GPS in unserem Handy bis auf wenige Meter genau, wo wir jetzt gerade sind.

Da gibt es ungeahnte Möglichkeiten, die wir nicht verstehen. Und die ersten, die es uns immer wieder bewusst machen, dass sind erstaunlicherweise nicht die Hacker. Denn die wollen normalerweise im verborgenen arbeiten. Nur der Pizza-Service soll sie kennen. Aber die Werber- na ja.

Die, und ganz allein die, nicht "Anonymus", haben uns den "Cookie"-Hinweis eingebracht, der uns jetzt wertvolle Lebenszeit kostet. Sie sorgen dafür, dass man bei Inbetriebnahme eines neuen Fernsehers vielleicht bald hunderte Datenschutz-Fragen beantworten muss. Und sie wollen uns "tracken", immer und überall. Sie wollen uns besser überwachen als jeder Geheimdienst. Sie wollen uns nicht mehr nur mit Bannern für Dinge verfolgen, die wir kürzlich woanders gekauft haben. Sie wollen unseren Konsum unter ihre vollständige Kontrolle bringen.

Dafür sollen uns nicht mehr nur einfach Google Analytics & Co. auswerten. Die Tracker sollen die Grenzen ihrer Geräte überwinden und ein noch kompletteres Bild unserer Gewohnheiten liefern. Jedenfalls warnt die Datenschutzorganisation Center for Democracy and Technology (CDT) jetzt in den USA vor den Folgen von "geräteübergreifendem Nutzer-Tracking".

Das kann so funktionieren: Eine ganz normale Werbung, zum Beispiel im Fernsehen, "sendet" dann auch Dinge, die wir gar nicht bemerken. Zum Beispiel Töne mit einer Frequenz, die so hoch ist, dass wir sie nicht hören können. Und mit einem Muster. Also Daten. Das nennt man einen "Sound Beacon". Auf anderen Geräten wie Handy oder Tablet gibt es dann aber Apps, die diese "Sound Beacons" hören und verarbeiten können. Und ihre Erkenntnisse wieder ins Netz zurücksenden.

In der Welt weit hinter den Routern kann man dann die "Nutzer-Profile" von SmartTV und Smartphone zusammenbringen. Und schon weiß der dolle Werbe-Rechner nicht nur, was man gern im Fernsehen schaut, sondern auch, was man bei Facebook so treibt, wo man wann gewesen ist und mit welchem Nutzer-Profil man häufiger Kontakt hat.

Das ist toll. Schon 18 Millionen Smartphones sollen solche Apps haben. Im "Real Life" ist Stalking ja verboten. Aber in der neuen digitalen Welt, so glauben es anscheinend die Werber, ist es genau dass, was wir wollen. Damit sie uns aller drei Minuten irgendwo und überall eine Werbung entgegendingeln können für dass, was wir nach Meinung ihres superdollen Computers genau jetzt in fünf Minuten und ganz gewiss unbedingt kaufen wollen.

Geht's noch? Liebe Marketing-Verantwortliche, fragt mal die Alten. Die, die noch Kontakt zu ihren Kunden hatten. Also "Real Life"-Kontakt, nicht digital. Die noch wissen, dass es die beste Grundlage für ein gutes Geschäft ist, wenn der Kunde mein Produkt und mich als Verkäufer gut leiden kann.

Ja, der Vergleich zwischen Terroristen und Werbern ist geschmacklos. Aber ich werde mir für alle Fälle die grundsätzliche Idee für eine wirklich passende Antwort merken:

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