99 Luftballons - ist "Deutschland 83" nun Top oder Flop?

Foto: RTL
Erfolg? Misserfolg? 3,19 Millionen sahen sich am Donnerstag Abend die RTL-Premiere von "Deutschland 83" an. Das ist erst einmal laut RTL so etwas wie ein Erfolg. Aber angesichts der Vorschusslorbeeren, mit denen "Deutschland 83" als "die" neue deutsche Serie gefeiert wurde, war es dann vielleicht doch eher mittelprächtig.

Was ist verkehrt? Qualität ist ja immer auch ein wenig Geschmackssache, aber im Vergleich mit früheren RTL-"Helden" spielt Stasi-Spion Martin Rauch schließlich auf jeden Fall in einer ganz anderen Qualitäts-Liga. Und die Geschichte ist doch gar nicht so schlecht: Er wird aus der DDR in die Bundeswehr eingeschleust, um die Planungen der Pershing-II-Stationierung und die Vorbereitungen des NATO-Manövers "Able Archer" zu erkunden. Sein Liebesleben, seine Familienkonflikte und die Liebe zu seiner Mutter sind nun nicht länger eine Privatsache des Spions Moritz Stamm. Und schlimmer noch: Bald erkennt er, dass die Situation zwischen beiden deutschen Staaten zu eskalieren droht.

Ja, historisch ist das Ganze sicher, sagen wir mal, ungenau. Aber auch das ist vielleicht schon wieder ein wenig unfair. Alle erwarten ein deutsches "Homeland". Und ja, "Homeland" ist noch einmal eine ganz andere Liga als "Deutschland 83". Aber ist denn ein "deutsches Homeland" überhaupt realistisch?

Claire Danes ist eine großartige "Carrie" im "Homeland". Und neulich hat sie ja sogar in Berlin gedreht. Aber man muss sich "Carrie" nur einmal als Mitarbeiterin nach Bundesangestelltentarif auf den grauen Fluren des BND vorstellen, um zu verstehen, wie unrealistisch die Vorstellung ist. Hollywood hat da einfach den Vorteil des Standortes, an dem weltpolitisch entscheidende Dinge auch wirklich passieren. Oder verhandelt und entschieden werden.

Also kurz und gut, "Deutschland 83" ist eine für deutsche Verhältnisse ganz ordentliche und unterhaltsame Produktion. Das war es dann aber auch. Die Serie wird weder unsere Qualitätsfernsehprobleme lösen, noch wird sie die deutsche Serien-Produktion an die internationale Spitze führen. Und das wäre ja wohl für eine einzelne Produktion auch etwas zu viel verlangt.

Und die Quote- ist die nun für RTL-Verhältnisse gut oder schlecht? Weder noch. Sie ist egal. Denn RTL wird die Aufgabe nicht lösen können, für ein grundsätzlich besseres Fernsehen zu sorgen. Horizontal und hochwertig erzählte Serien sind im linearen Fernsehprogramm von RTL irgendwie falsch platziert. RTL ist werbefinanziert, braucht also kein Programm, sondern ein "Werbeumfeld". Und dafür sind wirklich gute Serien eigentlich völlig ungeeignet.

Früher war das kein Problem. Es gab die SVOD-Alternativen nicht, die jetzt mit genau solchen Serien beim zahlungskräftigen Publikum punkten. Diese Dienste brauchen solche Programme, um Abonnenten zu gewinnen und können sie unterbrechungsfrei vorzeigen. RTL braucht sie nicht. Es ist höchstens gut fürs Image, wenn hin und wieder trotzdem etwas in der Richtung kommt.

Für "Deutschland 83" musste RTL eine teure Produktion finanzieren und eine gewaltige Werbekampagne starten, damit gut 3 Millionen sich das ansehen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es besser gewesen, statt dessen Bauern nach Frauen suchen zu lassen. Das Produkt von RTL ist nicht das Programm, sondern die Zuschauer für die teuren Werbespots. Und die lassen sich nun einmal viel preiswerter mit den Landwirten auf Brautschau produzieren. Oder sonstigem Casting- oder RealityTV-Trallala.

1983 war das Jahr, in dem Nena's "99 Luftballons" selbst die US-Charts stürmten. Und irgendwie passt das ja auch zu "Deutschland 83". Wohl niemals wieder wird jemand "Benzinkanister" auf Kriegsminister" reimen. Also gelegentlich können wir eben doch die Welt für unsere Werke begeistern. Für "Deutschland 83" passt aber eher die letzte Zeile. "Hab'n Luftballon gefunden- denk an dich und lass ihn fliegen"- aber auch das ist doch schon schön, oder?

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