"The Fall" im ZDF- Konkurrenz macht wach und Europa kann Serie (5)

Gillian Anderson ist DSI Stella Gibson © ZDF / Steffan Hill
Gestern am späten Abend habe ich doch mal wieder ganz normal ferngesehen. Und nichts passendes gefunden. Also auf zum Zapping durch die Welt der Programme. Und ich gebe es zu, ich bin beim MDR hängen geblieben. Ja, beim MDR. Da, wo sonst vielerlei sehr merkwürdige Menschen, vorzugsweise irgendwie in idyllischen Provinzlandschaften aufgestellt, deutsches Liedgut trällern. Oder eben irgendein zufällig im Archivkeller gefundener uralter "Tatort" läuft. Oder sogar völlig zu Recht längst vergessene "Perlen" des DDR-Fernsehens.

Aber da lief auf einmal "Lilyhammer"- Frank Tagliano und die Befragung auf der Olympiaschanze - und ich bin ein weiteres Mal vor Lachen fast aus dem Sessel gefallen. "Lilyhammer" abends im MDR? Irgend etwas verändert sich. Okay, vielleicht gibt es ja auch subversive Agenten in den Sendern, die uns nachts heimlich die heiße Netflix-Ware zeigen. Aber Arte bringt jetzt ja sogar "Gomorrah". Und das ZDF bietet ab 15. November 2015, 22.00 Uhr "The Fall – Tod in Belfast".

Das ist die deutsche Erstausstrahlung der britischen Serie. Und in der ZDF-Mediathek soll die komplette Serie sowohl in der synchronisierten, als auch in der deutsch untertitelten Originalfassung bereits zwei Wochen vor TV-Ausstrahlung abrufbar sein. Alles zwei Wochen vor der TV-Ausstrahlung on demand zum Binge-watchen? Und beim MDR läuft Lilyhammer? Vielleicht ist es ja ein Strohfeuer. Aber man mag von Netflix und Amazon halten, was man will: Zumindest kurzzeitig haben sie anscheinend den deutschen öffentlich-rechtlichen TV-Riesen etwas aus dem bereits leicht komatösen Dauer-Tiefschlaf geweckt.

"The Fall" ist auf jeden Fall erst einmal eine britische Produktion für BBC Two und der Serie geht, ähnlich wie "Broadchurch", ein Ruf wie Donnerhall voraus. Vielleicht ja auch deshalb, weil einige immer noch irgendwie Netflix USA gucken. Gillian Anderson wohnt mittlerweile in London, ist also irgendwie mittlerweile auch europäisch, kann aber immer noch so unnachahmlich undurchschaubar gucken wie Dana Scully.

In der Rolle von Detective Superintendent Stella Gibson wird Anderson von London ins nordirische Belfast gerufen, wo sie die örtlichen Behörden bei einem ungeklärten Mordfall unterstützen soll. Dabei kreuzen ihre Ermittlung immer wieder die Wege eines vermeintlich vorbildlichen Familientherapeuten: "Fifty Shades of Grey"-Star Jamie Dornan spielt Paul Spector, den glücklich verheirateten Vater zweier Kinder, der in seinen dunkleren Stunden allerdings auch ein akribisch vorgehender Serienmörder ist.

Und "The Fall" ist, natürlich, "horizontal" erzählt. Aber sicherlich weit besser als der kürzlich groß angekündigte ZDF-eigene Versuch "Blochin", der sich dann doch wieder nur als irgendeine weitere "SOKO" entpuppte. Nur eben mit auffallend vielen Bemühungen, die Kamerafahrten a'la Hollywood irgendwie abzukupfern. Vielleicht hilft es ja, weiter zu üben. Europa kann Serie. Aber es ist eben nicht einfach. Wenn das ZDF Jürgen Vogel demnächst irgendwo an ein Berliner Fenster stellt und ihn sagen lässt "Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen"- dann werde ich hier sofort wieder herumätzen und widersprechen- denn nein, sie liegt in den Drehbüchern.

"Ich habe zum ersten Mal in einer Produktion gespielt, die eine lineare Geschichte innerhalb vieler Stunden erzählt", so Gillian Anderson. "Die längste Geschichte für mich in Bezug auf den Bogen des Charakters war bislang in einem zweieinhalb Stunden Film erzählt. Deshalb war das in meinen Augen einer der herausforderndsten Aspekte. Auch fünf Episoden gleichzeitig und verschiedene Episoden am gleichen Tag zu drehen und dabei nicht zu vergessen, an welchem Punkt der Reise sich die Figur gerade befindet und auf welchem Stand die Untersuchung gerade ist, war eine Herausforderung. Eine Sache, die ich sehr schnell lernen musste, um nicht verrückt zu werden, war, zwischen den einzelnen Episoden nicht zu große Veränderungen im Auftreten meiner Figur zu haben."

"Blochin" soll übrigens weiter gehen. Das muss öffentlich-rechtlich anscheinend weiterhin so sein- man kann einmal Angefangenes nur schwer wieder beenden, da man ja sonst zugeben müsste, geirrt zu haben. Aber ein Drehbuch, das kein großer Wurf ist, wird auch im zweiten Versuch nicht weit fliegen.

Nach "The Fall" ist Gillian Anderson erst einmal wieder zurück an den X-Akten. Und in denen fand sich wie immer Absonderliches, denn wie Serienschöpfer Chris Carter versicherte, wird nicht "horizontal" erzählt. Nur die erste und letzte der neuen Folgen widmen sich der "großen Geschichte"- ansonsten gibt es in jeder Folge das "Monster of the Week", eben einen außergewöhnlichen neuen Fall. Obwohl Gillian Anderson "linear" ja jetzt extra gelernt hat. "Linear" bedeutet eigentlich "horizontal". Möglicherweise aber nicht bei weiblichen Hauptrollen.

Verstehe das einer. Vielleicht arbeiten die ja bloß einfach an einer guten Geschichte?

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