NFL live aus London- Touchdown für Yahoo?

Screenshot: yahoo.com
Gestern gab es eine bedeutende Weltpremiere. Eine Premiere, die der Anfang von etwas ganz neuem sein dürfte. Da kommt etwas Großes auf uns zu. Etwas, dass unsere Vorstellung vom Geschäft mit dem Fernsehen völlig verändern wird. Stattgefunden hat das Ganze bei: Yahoo. Ja, bei Yahoo, dieser Internetfirma mit Mail-Briefkasten aus der Zeit, als Boris Becker noch mit AOL "drin" gewesen ist und Manfred Krug Telekom-Aktien verkaufen musste. Pensionäre und Vorruheständler werden sich erinnern.

In London war es ein Uhr nachmittags und im Silicon Valley Sonntag früh um sechs, als im Wembley-Stadion die Buffalo Bills gegen die Jacksonville Jaguars zum regulären Punktspiel der "National Football League" gegeneinander antraten. Ja, in London und ja, zum Punktspiel der US-Football-Liga NFL. Und alle, auch wir, konnten weltweit per Streaming live dabei zuschauen. Bei Yahoo. Das ist in etwa so, als könnte man ein reguläres Punktspiel der ersten Bundesliga live bei web.de anschauen. Einfach so. For free.

17 Millionen harte US-Dollar soll Yahoo für die Rechte an die NFL gezahlt haben und noch einmal 2 Millionen für die Bewerbung des Events. Yahoo ist werbefinanziert, auch dieses Event sollte es sein und dafür braucht man Zuschauer. Viele Zuschauer. So, wie bei Spitzensport im "richtigen" Fernsehen. Yahoo meldete in der Vorwoche stolz den Ausverkauf der beim Football ja immer recht zahlreichen Werbeblöcke. Andere meldeten, dass dafür die ursprünglich kalkulierten Preise kräftig gesenkt werden mussten.

Ob die den Werbekunden garantierten 3,5 Millionen Zuschauer oder sogar noch mehr erreicht wurden, ist (noch?) nicht bekannt. Aber sehr viele aus dem Geschäft mit dem Sport und dem Fernsehen dürften interessierte Zuschauer gewesen sein. Und dabei gehofft oder befürchtet haben, dass Yahoo an der technisch nicht einfachen Aufgabe scheitert. Gehofft oder befürchtet- je nachdem ob sie zu denen gehören, die durch die neuen Streaming-Technologien auf eine ganz neue Fernsehwelt voller großer Geschäfte rund um den Sport hoffen oder zu denen, die darauf bauen, dass alles so bleibt wie es ist.

Yahoo hat die technische Herausforderung gemeistert. Natürlich gibt es beim Streaming immer unterschiedliche Kundenerfahrungen, schließlich ist jeder Internetanschluß und jedes Endgerät anders. Aber es gab kaum Beschwerden über Zugangsprobleme und die Zahl derer, die von "überraschend guter" Bildqualität selbst auf großen Smart-TV's berichteten, war fast so groß wie die Zahl derer, die über Ruckler und Unschärfe klagten. Selbst auf meinem alten Laptop war das Live-Bild aus dem Wembley-Stadion über weite Strecken grandios.

Ob es Yahoo und dessen Chefin Marissa Mayer noch helfen wird, bleibt fraglich. Die musste in der Vorwoche sehr schwache Quartalszahlen verkünden. Ihre Strategie, das irgendwie ziellos dahintreibende Internet-Urgestein Yahoo zu einer Art Web-Medium mit dem Schwerpunkt "bewegte Bilder" umzubauen, zeigt noch nicht die von den Aktionären gewünschten Ergebnisse. Obwohl diese Strategie richtig ist und das NFL-Event bewies, dass Yahoo so durchaus ein neues und gewinnträchtiges Profil gegeben werden könnte.

Im Gegensatz zum Beispiel zu Vice ist Yahoo dabei aber noch immer zu wenig fokussiert. Sozusagen in der Startup-Phase, man probiert dieses oder jenes und fällt damit auch immer wieder kostenträchtig auf die Nase, wie erst kürzlich mit eigenproduzierten Comedy-Serien. Während aber die Börsianer für noch als neu geltenden Internet-Unternehmen, wie zum Beispiel Uber, gern weitere Milliarden zur Verbrennung zur Verfügung stellen, müssen die "Alten" Rendite abliefern. Marissa Mayers Kaninchen-Strategie wird also vielleicht nicht mehr auf unbegrenzte Zeit funktionieren. Auch wenn "NFL live on Yahoo" ein sehr schönes Kaninchen war.

Ein Riesenerfolg war der Sonntag aber ohne jeden Zweifel für die NFL, die das Streaming ja ohnehin als zukünftig sprudelnde Einnahmequelle schon länger fest im Blick hat. Ein schönes und spannendes Match wurde da im Londoner Wembley-Stadion geboten, die "Jaguars" gewannen knapp nach mehrfach wechselnder Führung und das Spiel war gewiss die mit dessen Verlegung nach London bezweckte Werbung um neue Märkte für die US-Footballer.

Neue Märkte bedeuten mehr Einnahmen für die NFL. Und wenn neue und mehr Konkurrenten um die klassischen TV-Rechte mitbieten, dann steigen deren Preise. Möglicherweise hat man ja auch bei Amazon, Google, Apple oder Facebook am Sonntag Football geschaut. Und spätestens bei diesem Gedanken dürfte vielen der "klassischen" Fernsehsender das kalte Grauen kommen. Bisher konnten nur sie mit attraktiven Sportrechten sich leicht ihre Quote kaufen. Was aber, wenn die wirklich großen Internetgiganten mit ihren riesigen Geldspeichern ernsthaft mit in das Rennen einsteigen? Dann wird das teurer. Viel, viel teurer. Und vielleicht unfinanzierbar.

Erst kürzlich gab es bei uns großes Gejammer, als man erstaunt feststellte, dass ARD und ZDF aus dem Kampf um zukünftige Übertragungsrechte für Olympia mit leeren Taschen zurückkamen. Dass so etwas geschehen könnte, dafür fehlte bis zu diesem Moment in den "Anstalten" schlicht das Vorstellungsvermögen. Die Begründung des IOC: Man wolle in Zukunft auch jüngere Zielgruppen erreichen. Und für "jünger", so meinte das IOC, bräuchte es mehr "streamen" statt "senden".

Da kommt etwas Neues. Egal ob mit oder ohne Yahoo und Marissa Mayer.



Update 19 Uhr: Variety meldet insgesamt 15,2 Millionen Zuschauer- nicht schlecht.

Kommentare