Über Parallel-Welten - Netflix feiert in Deutschland Geburtstag

Foto: Netflix / Daniel Daza
Und Prost! Die "Narcos" feiern. Genau ein Jahr ist Netflix nun in Deutschland und alles ist anders. Ist alles anders? Ja. Nein. Vielleicht ist es ja auch eine Illusion, dass in Deutschland überhaupt irgendwas irgendwann irgendwie einmal anders wird. Die Kokain-Könige von Medellin im aktuellen Netflix-Hit "Narcos" leben dagegen in einer Parallel-Welt. Eine Parallel-Welt, die so ganz anders ist als die Welt, in der die "Normalbürger" hierzulande gewöhnlich leben. Was ja auch irgendwie ganz gut so ist. Mit Netflix öffnete sich für einen Teil der deutschen Fernsehzuschauer auch eine Art Parallel-Welt. Und sonst?

Nicht weniger als die "Zukunft des Fernsehens" wollte Netflix-Chef Reed Hastings damals nach Deutschland bringen. "Wir müssen den Menschen beibringen, dass sie ihr Fernsehprogramm selbst gestalten können. Und dass es ein Leben ohne Werbung gibt - auch vor 20 Uhr".

Das gibt es jetzt. Und ja, gar nicht so nicht wenige deutsche TV-Zuschauer nehmen wohl daran teil. Wie viel genau, dass weiß niemand. Netflix gibt die Zahl seiner Abonnenten in Deutschland nicht bekannt, es wird viel geschätzt und umgefragt, mal hört man von einer halben und mal von einer ganzen Million. Möglicherweise reicht es derzeit unter den abonnierbaren Video on Demand-Diensten erst zu Platz drei, noch hinter Maxdome und ganz weit hinter dem deutschen Marktführer Amazon Prime.

Die Netflix-Abonnenten erkennt man daran, dass sie irgendwie in einer Parallel-Welt leben. Komische Leute, die nicht einmal wissen, wer gestern bei Jauch oder Illner war und statt dessen wirres Zeugs faseln, über Leute mit Pferdeköpfen oder über die Bekleidung von Frauen in US-Gefängnissen.

Er sei "sehr zufrieden" sagte Reed Hastings im Mai dazu, Netflix sei in Deutschland "auf Kurs". Und dass er nicht daran glaubt, dass die Deutschen auch in zehn Jahren noch am Sonntag Abend um 20.15 Uhr "Tatort" schauen würden- denn dieses Verhalten sei "kurios". Mmh. Lebt er auch in einer Parallel-Welt?

Irgendwie schon. Wenn Hastings seinen Schreibtisch so schlecht aufräumt wie ich, dann liegen da jetzt sicher Berichte, wie der gerade gewesene Start in Japan so gelaufen ist. Ob alles bereit ist für Spanien, Italien und Portugal im Oktober. Was noch zu tun ist, damit es in Singapur, Südkorea, Taiwan oder Hongkong pünktlich Anfang 2016 losgehen kann. Deutschland ist da wohl nur noch eine Zeile unter vielen in einer langen Excel-Tabelle.

Kann also unser toller WDR-Superman Jörg Schönenborn weiter "müde lächeln"? Warum eigentlich nicht. Für den Zeithorizont "in zehn Jahren" planen deutsche öffentliche-rechtliche Fernsehmacher wohl maximal Kreuzfahrten, finanziert durch eine für die Rundfunkbeitrag zahlende Aldi-Kassiererin sicher in ihrer Höhe kaum vorstellbare Pension.

So hat eben jeder seine Parallel-Welten. Hastings wird noch amüsiert lächeln, wenn er an diese komischen deutschen Filmemacher mit ihren schrecklich schlechten Serien zurück denkt, die ernsthaft glaubten, er würde solchen Quatsch mit seinen hart verdienten Abo-Gebühren finanzieren. Und er wird vielleicht ein wenig mit seinen Excel-Tabellen rechnen.

Da kann er sich dann ausrechnen, wie viel er bald für neue Serien und demnächst auch Spielfilme ausgeben kann, wenn er in Zukunft fast für die halbe Welt produziert. Das sieht gut aus. Ja, die "Narcos" waren teuer. Aber Kolumbien hat was dazu bezahlt, damit sie auch mal ins Welt-Fernsehen kommen und Qualität kostet eben.

Dann wird er vielleicht wieder lächeln. Denn die beste denkbare Parallel-Welt für ihn ist eine Welt, in der nur noch er die schnell steigenden Produktionskosten für die besten Serien und Filme bezahlen kann. Eine neue Welt, in der er dann praktisch konkurrenzlos ist, weil die anderen nur noch mit zweit- und drittklassigem Programm gegen ihn konkurrieren können.

So ist das mit den Parallel-Welten. Wie zum Beispiel der "Matrix". Da wacht man dann plötzlich auf, nur weil man die falsche Pille genommen hat und sitzt dann nackt in einer ziemlich obskuren Brühe. Wer wann, wo und wie aufwacht, wird die Zukunft zeigen. Aber die Welt wird eben irgendwie globaler. Auch die Parallel-Welten. Und leider auch nicht einfacher:

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