Über Parallel-Welten 2 - "Blochin", das ZDF und die "Emmys"

Foto: © ZDF / Stephan Rabold
Ich bin eigentlich überhaupt nicht gewalttätig. Nein, gar nicht. Aber bei bestimmten, so sehr, sehr deutschen Fernsehprogrammen...

Gestern Abend zum Beispiel bot das ZDF als "Herzkino" das, ja wie soll man es anders nennen, Machwerk "Jana und der Buschpilot". Wieder einmal retten blonde und gutherzige deutsche Vorstadt-Hausfrauen geistig minderbemittelte Neger, nein das muss ja jetzt "den Jhaskais-Stamm" heißen, und klären die in diesem Fall wohl südafrikanischen Eingeborenen geduldig über Zukunft und Zivilisation auf.

Ich weiß, auch wenn sie wild mit den Maschinenpistolen fuchteln: Im Grunde sind diese Eingeborenen gutherzig und friedlich und wollen wie einst Winnetou nur kitschig bemalt auf nackter Haut am Lagerfeuer in den Sonnenuntergang tanzen. Sie werden die kluge blonde deutsche Frau verstehen, da fehlerfreies Deutsch mit komischem Akzent natürlich für sie kein Problem ist, und dann wird alles gut.

Wenige Minuten des Zusehens reichen und ich habe ungute Wachträume über das Zerhacken von Fernsehern oder gewalttätige Demonstrationen vor "Anstalts"-Zentralen. Aber wie gesagt, ich bin nicht gewalttätig und spätestens, wenn ich erste Sympathien für Pegida-Boykottaufrufe zu Rundfunkgebühren verspüre, dann halte ich inne und schalte schnell weg.

Zum Glück leben wir ja zunehmend und immer mehr in parallelen Welten. In den USA gab es gestern zum Beispiel wieder einmal die "Emmys". Ja, in den USA, wo sie gerade einen schwarzen Präsidenten haben und darüber diskutieren, ob die "Oscars" nicht vielleicht "zu weiß" sind bei der Preisvergabe. Zum Glück wird "Jana und der Buschpilot" wohl nicht exportiert. Wenn die Amis das sehen, diskutieren sie möglicherweise über den Bau neuer Schiffe zur Landung in der Normandie. Denn schon für die zu Recht legendären "Blues Brothers" wäre die schwarze Messe einst ganz ausgegangen, hätten sie den "Reverend" so behandelt wie ein minderbemitteltes Kuschel-Hündchen.

Den "Emmy" gab es nun zum 67. mal und er ist der wohl mittlerweile prestigeträchtigste Fernsehpreis. Seit 1998 gibt es auch einen "Deutschen Fernsehpreis". Das ist der Preis, von dem Marcel Reich-Ranicki einst auf der Bühne sagte, er wolle damit nichts zu tun haben und nehme ihn nicht an- nur weil er vorher im Publikum mit ansehen musste, was da sonst vor ihm so ausgezeichnet wurde. Obwohl der "Deutsche Fernsehpreis" einst dem "Emmy"-Vorbild nacheifern sollte, wurde er 2014 dann irgendwie beerdigt.

Nun soll es 2016 eine Neu-Auflage geben- aber ohne große Gala, als "Branchen-Treff" quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das versteht dann eben nur noch, wer "Jana und der Buschpilot" gesehen hat und das Risiko erkennt, derartiges könnte dort vor einer internationaleren Öffentlichkeit oder gar einem "Reverend" wie aus den "Blues Brothers" gezeigt werden.

Absolute Sieger des Emmy-Abends waren diesmal der Qualitäts-Serienkanal HBO und dessen Publikumsliebling "Game of Thrones". Tja, "Game of Thrones". Das ist so typisches US-Fernsehen. Ritter, Könige, Burgen, Drachen und Intrigen. Das hat mit uns in Europa so gar nichts zu tun. So etwas können wir nicht produzieren.

Die "Game of Thrones"- Macher drehen übrigens gern im kroatischen Dubrovnik. Wegen der schönen Mittelalter-Kulissen dort. Die stehen da einfach so rum, aus Zeiten, in denen in den USA bestimmt nur Winnetous Vorfahren wild bemalt auf nackter Haut am Lagerfeuer in den Sonnenuntergang tanzten. Aus Zeiten weit vor jener Zeit, als vermutlich ausgewanderte blonde deutsche Hausfrauen die Geschichten der "Brothers Grimm" von Königen, Burgen, Drachen und Intrigen nach Amerika brachten. Das gefiel dort wohl sogar den Indianern. Jedenfalls schicken die Amerikaner uns heute unsere eigenen europäischen Märchen- und Fantasieuniversen als kostenpflichtige Qualitäts-Serie zurück.

Viola Davis gewann bei den Emmys übrigens als erste Schwarze den Preis als beste Dramaserien-Hauptdarstellerin in "How to Get Away With Murder". Sie war gar nicht nackt, sondern völlig normal in teure Gala-Gewänder gekleidet und hat auf der Bühne auch nicht getanzt. Dafür hat sie gesprochen: "Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Linie, darüber grüne Wiesen und liebliche Blumen und wunderschöne weiße Frauen, die ihre Arme nach mir ausstrecken - aber ich scheine diese Linie nicht überqueren zu können".

Das ist nicht von ihr, sondern von Harriet Tubman, die einst entlaufenen Sklaven dabei half, aus den Südstaaten in die Nordstaaten der USA oder nach Kanada zu fliehen. Oh Gott, sie hatte wohl beim Ankleiden für die Gala einen Fernseher mit ZDF-Empfang laufen. Aber nein, wir haben wohl doch noch einmal Glück gehabt, sie fordert keine Boote für die Normandie: "Das einzige, was farbige Frauen von allen anderen trennt, sind Chancen - man kann keinen Emmy für Rollen gewinnen, die es nicht gibt." Das ist wohl richtig, kann aber sicher auch blonde deutsche Frauen treffen. Davis widmete ihren Emmy denen, "die neu definiert haben, was es bedeutet, schön, sexy, eine Hauptdarstellerin - und schwarz zu sein".

Da sind wohl überall Linien, die man anscheinend nicht überqueren kann rund ums Fernsehen. Amazon zum Beispiel hat wieder drei Emmys abgeräumt für "Transparent". Für Jeffrey Tambor war das im Alter von 71 Jahren der erste gewonnene Emmy nach etlichen Nominierungen- für eine Rolle als Transsexueller. "Transparent" ist auch so ein Drehbuch, für das in Deutschland die Linien wohl noch nicht reif zum Überqueren wären.

Gibt es Hoffnung? Ich weiß es nicht. Das ZDF zumindest versucht ab und zu Wiedergutmachung für Dinge wie "Jana und der Buschpilot". Vielleicht ein Zeichen der Einsicht. Vielleicht aber auch nur ein weiteres Anzeichen für parallele Welten in der Anstalt der "Traumschiffe", Buschpiloten und "Rosenheim-Cops".

"Blochin - Die Lebenden und die Toten", so heißt der neueste Versuch und wir können ihn von Freitag bis Sonntag im Programm erleben. Ja, er hat sogar am Freitag und Samstag den 20.15 Uhr-Sendeplatz ergattert. Nur am Sonntag muss er auf 22 Uhr ausweichen. Die Angst, das "Buschpiloten"-Publikum aus dem Quoten bringenden Nickerchen aufzuwecken, war wohl zu groß. "Konsequent" ist übrigens das aktuelle Modewort in den Anstalten.

Aber "Blochin" soll irgendwie anders sein. Für die Anforderung "irgendwie anders" fällt deutschen Programm-Verantwortlichen völlig konsequent derzeit als Erstes immer Jürgen Vogel ein. Denn der ist das wohl denkbar krasseste Gegenteil der blonden Frau und Horst Schimanski, ähh Götz George tritt mit 77 nun doch bei Action- und Liebesszenen etwas kürzer. Und Jürgen Vogel kann tatsächlich statt "Gut" und "Böse"-Schablonen wie bei "Jana und der Buschpilot" einen ganzen Charakter schauspielern.

Und das ist immer noch nicht alles. "Blochin" wird "horizontal" erzählt. Jawoll! Das ist ganz wichtig, weil man wohl allen Programm-Verantwortlichen erzählt hat, dies sei das Wichtigste, was die Amis bei ihren "Breaking Bads" da so konsequent anders machen. Und natürlich braucht es zum "Breaking" auch noch das "bad". Also so wie das "anders" automatisch "Jürgen Vogel" bedeutet, genauso bedeutet "bad" nichts mit duschen, sondern Berlin. Weil Berlin aus Sicht der blonden Hausfrau eben irgendwie "bad" ist. Also irgendwie dreckig bis schwarz. Dunkel. Ja, es hat sogar eine eigene "Serien-Farbe". Die heißt dann wiederum nicht prollig-englisch "bad" oder "black", sondern vornehm europäisch "Berlin Noir".

Mit "Blochin", so lesen wir da beim ZDF, begebe man sich in die spannenden Untiefen "konsequenter Genreerzählung". Man habe eine Hauptstadtserie produziert, einen düsteren Großstadt-Krimi. Eben "Berlin Noir". Ohne konkreten Sendeplatz im Blick habe sich der lange Erzählbogen, der die Serie zum Roman mache, frei entwickeln können. Der Stoff regiere das Format. Auch beim Schreiben sei der Puls der Zeit aufgegriffen und der Plot von Autor und Regisseur Matthias Glasner und der "visionären Produzentin" Lisa Blumenberg in einem "Writersroom" mit den drei Nachwuchstalenten Maxim Kuphal-Potapenko, Laura Lackmann und Svenja Rasocha entwickelt worden. Matthias Glasner habe Jürgen Vogel, Thomas Heinze und Jördis Triebel ihre Rollen auf den Leib geschrieben.

"Blochin" entfaltete so mit einem herausragenden Ensemble einen "großen Figurenkosmos" und erzähle von Arbeitswelten in Polizeiwachen und im Roten Rathaus, von leerstehenden Hotelzimmern und Künstlerkommunen auf dem Land. Die Serie bewege sich durch unkonventionelle Lebensentwürfe, spiele in Familien, denen ein Glück vergönnt scheint, das aber nur von kurzer Dauer ist. Doch in erster Linie sei "Blochin" eine Serie über einen Mann, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Alle um ihn herum würden in diesen "Strudel von Schuld" verwickelt und am Ende bezahle jeder einen Preis. Aha. Wow.

"Dass unser Projekt jetzt in dieser Form dasteht, hat sehr stark zu tun mit der Zeitenwende, vor der die Fernsehwelt steht - die Veränderung der Sehgewohnheiten durch Smart-TV, die Konkurrenz durch Video-on-Demand-Plattformen", so Produzentin Lisa Blumenberg. "Als ich im Sommer 2011 Caroline von Senden "Blochin" erstmals vorgestellt habe (konzipiert als Reihe mit starken horizontalen Linien), war es nahezu undenkbar, auf dem deutschen Fernsehmarkt eine durcherzählte Drama-Serie zu platzieren. "Blochin" wäre nicht möglich gewesen ohne weitsichtige Menschen im Sender mit ihrem Gespür für die Veränderung. Wir durften erleben, was möglich und wie motivierend es ist, wenn nicht Bedenken regieren, sondern professionelle Leidenschaft. Wohin die Reise geht, werden wir sehen. Es sind spannende Zeiten."

Ja, Das klingt wirklich spannend. Spätestens jetzt würde der "Reverend" der "Blues Brothers" zu fliegen beginnen und da werden wir doch vielleicht mal hereinschauen. Aber auch oder gerade weil es "horizontal" erzählt wird: Sollte Jürgen Vogel nackt in den Sonnenuntergang tanzen, dann schalte ich ab.

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